Um zu verstehen, was sich gerade in Traktorblockaden entlädt, kann ein Blick in die zeitgenössische Romanproduktion helfen.
Bevor man das Getümmel des festgefahrenen Meinungskampfs auf literarischem Terrain zu entzerren versucht, vielleicht erst einmal eine Rückschau auf das, was bisher auf diesem Gebiet geschah. Allen Verklärungen zum Trotz war die Liaison von Landwirtschaft und paradiesischen Verhältnissen von vornherein gestört. Im Buch der Bücher ist die Geburtsstunde des Ackerbaus an die Vertreibung aus dem Garten Eden verknüpft und steht unter schlechten Vorzeichen: „Verflucht sei der Acker um deinetwillen.“ So heißt es im ersten Buch Mose. Wie zur Bestätigung fristet der Bauer über Jahrhunderte in der Literatur ein eher dürftiges Dasein als Tölpel und Einfaltspinsel. Von wenigen idyllischen Ausnahmen abgesehen, verspricht es lange Zeit nichts Gutes, wenn sich Autoren dem Land zuwenden: Häufig ist es der Nährboden für engstirnige Rumpfexistenzen, die im Morast sexueller Verfehlungen, bigotter Gewaltbereitschaft und alten Schuldverhältnissen ihre aktuellen Animositäten züchten.
In den 80er Jahren erregte Franz Xaver Kroetz mit seinem Stück „Bauern sterben“ Skandale, weil dort in kürzester Zeit dem Titel gemäß das gesamte ackerbauende Personal vom Fortschritt überrollt wurde, jeder auf seine Weise, der sture Altbauer, dessen Blick nicht weiter reicht als seine Mistgabel, oder die proletarisierten Kinder, die in der Großstadt drastisch verelenden.
Shitstorms über Gesinnungsbiotopen
In umgekehrter Richtung, von der Stadt aufs Land, entwickelt sich eine Spielart des Dorfromans, die davon erzählt, was Zivilisationsmüde dort erfahren, wo sie sich leichtsinnigerweise in der Renovierung alter Gutshäuser und Aussaat von Frühkartoffeln die Realisierung von Träumen versprechen, wie man sie nur in der Großstadt träumt. Damit entsteht ein differenzierteres Bild des Landlebens, nicht mehr als verklärte oder abgehängte Gegenwelt, sondern in seinen vielfältigen ökonomischen, ideologischen und sozialen Wechselbeziehungen. In diesem Perspektivwechsel wird das Dorf zum Mittelpunkt eines neuen Gesellschaftsromans.
Das verständigungstherapeutische Romanprojekt von Juli Zehs Landleben-Trilogie lässt das Ganze vom Rand aus in den Blick treten. In „Unter Leuten“ wird ein geplanter Windpark zum belletristischen Schlachtfeld, auf dem die unterschiedlichsten Interessen kollidieren. In unmittelbare Nähe zu den laufenden beziehungsweise von Traktoren verstopften Ereignissen führt der Roman „Zwischen Welten“, den Juli Zeh zusammen mit Simon Urban veröffentlicht hat.
Gelbwesten auf dem Vormarsch
Darin wird die Entwicklung des Journalismus mit den Existenznöten der Landwirtschaft zwischen Klimawandel, ökologischem Umbau, Energiewendechaos und Brüsseler Bürokratie enggeführt. In einem E-Mail-Scharmützel beharken sich der Kulturchef einer Wochenzeitung und eine Milchbäuerin, die einen Hof mit 200 Kühen zu bewirtschaften hat. Während sein gepflegtes Gesinnungsbiotop von Shitstorms woker Aktivisten umgepflügt wird, treibt der frustrierende Einsatz für die Lebensgrundlagen der Gemeinschaft die Landwirtin in die Arme einer völkisch-schillernden Bewegung, deren Zukunftskampf in ganz anderen Dimensionen aus dem System herausführt als jener der anders als die Bauern gerade kriminalisierten Letzten Generation.
Noch bevor in Frankreich Gelbwesten das Menetekel der Revolte auf die Straße gezeichnet haben, nahm Michel Houellebecq in seinem Roman „Serotonin“ den Protest in seinen spezifischen Formen vorweg. Bei einer Straßensperre wütender Bauern in der Normandie kommt es zu einem blutigen Zwischenfall. Bisher hat noch jedes seiner Bücher die Katastrophe beschworen, die kurz darauf tatsächlich folgt, was ihm den Ruf orakelhafter Hellsichtigkeit eingetragen hat. Anders als die Freizeit-Pferdewirtin Juli Zeh ist der französische Autor diplomierter Landwirtschaftsingenieur.
Einer dieses Schlags ist auch der Protagonist seines Romans. Als Mitarbeiter des französischen Landwirtschaftsministeriums war er einmal damit betraut, die Interessen der Landwirte zu vertreten. Ja, auch er hatte einmal Ideale, die ihn freilich nicht daran gehindert haben, bei dem umstrittenen Saatgutgiganten Monsanto anzuheuern. Widersprüche pflastern seinen Weg. Und dieser führt vorbei an verzweifelten Aprikosenerzeugern aus dem Roussillon, die der Konkurrenz aus Argentinien nicht standhalten können.
„Ich kam Schritt für Schritt zu der Erkenntnis, dass die französischen Landwirte schlicht verdammt waren“ – in dieser Überzeugung des Erzählers kehrt der biblische Fluch wieder. Ausländische Investoren, Belgier, Holländer kaufen das Land auf. Und als Brüssel die Milchquote aufhebt und damit Tausende Milchviehhalter ins Elend stürzt, kommt es zum Aufstand. Was in Frankreich 2018 in der Realität folgte, nahm übrigens seinen Ausgang in der Erhöhung der Abgaben für Agrardiesel.
Aber jenseits solcher verblüffenden Prognostik – wie nimmt sich die Situation aus der Sicht derer aus, um die es eigentlich geht? Die Romane Reinhard Kaiser-Mühleckers spielen größtenteils in der oberösterreichischen Gegend seines Herkommens, in der er den Hof der Eltern weiterbetreibt. In seinem Roman „Enteignung“ begegnet man dem Bauer Flor, der 365 Tage im Jahr 18 Stunden am Tag einen Schweinestall bewirtschaften muss, wenn er sich gegen die Konkurrenz aus Deutschland und China behaupten möchte. Und dann soll ihm auch noch der Hof weggenommen werden, wegen eines auf dem Grundstück geplanten Windparks.
Russisches Roulette auf dem Land
Die Hauptfigur von Kaiser-Mühleckers jüngstem Werk „Wilderer“ lebt auf einem vom Vater heruntergewirtschafteten Hof und hat sich damit abgefunden, dass außer der harten Arbeit, den abendlichen Bieren und einsamen Tinder-Wischübungen nicht mehr viel zu erwarten ist. Weshalb er hin und wieder mit dem vom Großvater geerbten Revolver russisches Roulette spielt oder vom Wunsch übermannt wird, irgendein Krieg möge ausbrechen.
Das ist die Lage. Auf dem Grund, den der Niedergang bäuerlichen Lebens hinterlässt, gedeiht Kaiser-Mühleckers faszinierende Kunst. Sie sichert ihm nicht nur einen Rang in der gegenwärtigen Literaturlandschaft, sondern auch einen Nebenerwerb, der den Figuren seiner Romane verwehrt bleibt. Bei der gerechten Einordnung ihrer Anliegen allerdings könnte es helfen, sie zu lesen.