Dokument des Grauens: das Totenbuch von Demmin aus dem Mai 1945, 14 Seiten eines Wareneingangsbuchs, auf denen die Tochter des Friedhofswärters rund 600 Selbstmorde vermerkt. Foto: Andreas Herzau/laif

Gift, Strick, Kopfschuss: In den letzten Wochen des Dritten Reichs rollt eine Selbstmordwelle durch das Land. In der vorpommerischen Kleinstadt Demmin fordert die Angst vor der Rache der Sieger besonders viele Opfer.

Demmin/Berlin - Der Abschied fällt knapp aus. „Es ist aus, mein Kind, verspreche mir, dass Du Dich erschießt, wenn die Russen kommen, sonst habe ich keine ruhige Minute mehr“, schärft ihr Vater der 21-jährigen Friederike Grensemann ein, als er kurz vor Kriegsende zum Volkssturm einrückt. Sie müsse den Lauf der Pistole in ihren Mund stecken, erklärt er noch. Ein Kuss, eine Umarmung, das war’s. Solche Szenen spielen sich in den letzten Tagen des Dritten Reichs häufig ab. Die Niederlage vor Augen rollt, ausgehend von Ostpreußen, eine Selbstmordwelle durch das ganze Land. Und nirgendwo wird der Wahnsinn so offenbar wie in Demmin.

 

Knapp 30 000 Menschen drängen sich in den letzten Apriltagen 1945 in der vorpommerschen Kleinstadt nördlich von Berlin. Das Grollen der sowjetischen Artillerie ist nicht mehr fern, Stadtverwaltung und Parteibonzen haben – bis zuletzt Durchhalteparolen ausgebend – den von Peene, Trebel und Tollense umschlossenen Ort verlassen. Auch die letzten Einheiten von Wehrmacht und SS machen sich aus dem Staub, nicht ohne zuvor die Brücken gen Westen zu sprengen. Die Bevölkerung und Tausende Flüchtlinge sitzen in der Falle.

In Demmin spielen sich apokalyptische Szenen ab

Als die Sowjets am 30. April in die Stadt einmarschieren, kommt es zu vereinzelten Schusswechseln, worauf der Ort zur Plünderung freigegeben wird. In den nächsten Tagen spielen sich in Demmin apokalyptische Szenen ab: Schnell brennt die Stadt. Es kommt zu Massenvergewaltigungen. Das Prasseln des Feuers vermischt sich mit den Schreien der geschändeten Frauen. Die Sieger kennen kein Erbarmen – vor allem nicht, nachdem einige Rotarmisten im Ort ein Schnapslager entdeckt haben.

Was folgt, wird als der größte Massensuizid Deutschlands in die Geschichte eingehen und selbst die Sowjets fassungslos zurücklassen. Das ganze Grauen offenbart sich in dem Totenbuch, das die Tochter des Friedhofwärters am 1. Mai anlegt. In der schwarzen Kladde finden sich zahlreiche Einträge wie „Selbstmord durch Vergiften“, „vom Großvater erwürgt“ und vor allem: „ertrunken“. Insgesamt mehr als 600. „Freitote, am Sinn des Lebens irre geworden“, notiert eine Lehrerin aus Demmin in ihrem Tagebuch.

Noch Wochen später treiben Leichen in der Peene

Junge Mütter, denen nach den Vergewaltigungen das Blut die Beine herabläuft, füllen Rucksäcke mit Steinen, binden ihre Kinder an sich und gehen ins Wasser. Zu unerträglich ist die Gegenwart, zu ungewiss die Zukunft. Noch Wochen später treiben Leichen in der Peene. Andere schneiden sich die Pulsadern auf, erhängen sich an Fensterkreuzen und Bäumen, vergiften sich oder jagen sich eine Kugel in den Kopf.

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So groß ist die Angst vor der Rache der Sieger, dass Selbstmord als einziger Ausweg erscheint. Selbst Menschen, die den Nazis nicht auf den Leim gegangen sind, verfallen der Massenhysterie. Seit dem Massaker im ostpreußischen Nemmersdorf hatte die NS-Propaganda die Angst vor den „roten Horden“ geschürt. Als diese sich unaufhaltsam gen Westen wälzen, zeigt die Gräuelpropaganda Wirkung.

Allein in Demmin begehen 1000 Menschen Selbstmord

Es sind nicht nur Parteibonzen wie Propagandaminister Joseph Goebbels und seine Frau, die ihre sechs Kinder vergiften und sich erschießen. An ihren Sohn aus erster Ehe schreibt Magda Goebbels zum Abschied: „Unsere herrliche Idee geht zu Grunde, und mit ihr alles was ich Schönes, Bewundernswertes, Edles und Gutes in meinem Leben gekannt habe. Die Welt, die nach dem Führer und dem Nationalsozialismus kommt, ist nicht mehr wert darin zu leben und deshalb habe ich auch die Kinder hierher mitgenommen. Sie sind zu schade für das nach uns kommende Leben.“

Auch die kleinen Leute scheiden, am Abgrund stehend, zu Tausenden aus dem Leben. Allein in Demmin werden sich mehr als 1000 umbringen. Nachdem sie vergewaltigt wurde, erklärt Magdalena Schlösser ihrem zehnjährigen Sohn Karl: „Wir kommen jetzt in den Himmel zu deinem Vater“, zückt eine Rasierklinge und versucht, ihm die Pulsadern aufzuschneiden. Nur das Eingreifen seines Großvaters rettet ihm das Leben.

Hitlerjungen verteilen Zyankali-Kapseln

Demmin ist kein Einzelfall. Im ganzen Reich begehen rund 100 000 Menschen Selbstmord. Als die Berliner Philharmoniker am 12. April 1945 ihr letztes Konzert geben und das Finale von Wagners „Götterdämmerung“ verklungen ist, sollen Hitlerjungen Zyankali-Kapseln an das Publikum verteilt haben. Jünger eines Systems, das Selbstmord bislang als Fahnenflucht und Feigheit angesehen hatte.

Die Gewalterfahrung und die Angst vor der Zukunft lassen die Menschen in Demmin verzweifeln. Und es ist auch die Ahnung, dass die sowjetischen Soldaten allen Grund haben, die Deutschen zu hassen. Männer, die den Vernichtungsfeldzug Hitlers nicht am Volksempfänger verfolgt, sondern am eigenen Leib erfahren haben. Kein Land zahlt einen so hohen Blutzoll wie die UdSSR. Die Schätzungen liegen bei 27 Millionen Toten.

Brüllen, um die Schreie der Opfer zu übertönen

Das Morden im Osten ist in Deutschland nicht so unbekannt, wie später behauptet. So berichtet die junge Ulmerin Renate Finkh von ihrem Schwager Werner, der auf Heimaturlaub stundenlang durch sein Zimmer läuft, sich die Ohren zuhält und brüllt, um die Stimmen der Opfer zu übertönen.

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Auch die Patentochter von Frau Cornelius sei gebrochen vom Osteinsatz zurückkehrt, heißt es am Kaffeetisch. „Was haben die Polen mit ihr gemacht?“, fragt Finkh, worauf die anderen Frauen peinlich berührt schweigen. Auf Nachfragen erfährt sie, dass die Polen nichts dafürkönnen. Ihre ältere Schwester erklärt: „Wir müssen diesen Krieg gewinnen, sonst wird’s furchtbar.“

Die Gründe der Selbstmörder sind vielfältig

„Die Selbstmordwelle war der extreme Ausdruck einer Sinnleere und eines Schmerzes, in den sich die Menschen angesichts von Irrtum, Niederlage, Demütigung, Verlust, Scham, persönlichem Leid und Vergewaltigung geworfen sahen“, schreibt der Historiker Florian Huber in seinem erschütternden Buch „Kind, versprich mir, dass du dich erschießt“.

Verzweiflung und Scham, aber auch ideologische Schuld, Patriotismus und durch die NS-Propaganda geschürte Panik hätten die Menschen massenhaft in den Tod getrieben, so Huber. Und nirgendwo so zahlreich wie in Demmin.

In der DDR totgeschwiegen, nach der Wende vergessen

Zu DDR-Zeiten wird dieser Massenselbstmord totgeschwiegen, zu unrühmlich ist die Rolle des großen sozialistischen Bruders. Nach der Wende ändert sich daran nur wenig. Die Einzigen, die der Toten von Demmin gedenken, sind die traumatisierten Überlebenden und die Rechten, die versuchen, die Opfer zu instrumentalisieren.

„Die Toten von Demmin finden keinen Platz im deutschen Geschichtstableau, das von Tätern, Opfern und wenigen Helden handelt“, schreibt Huber. Nichts davon lösten die Selbstmörder ein, ihre Taten blieben so rein private Tragödien: „Dabei erzählt jede dieser Geschichten davon, wie tief sich für die Deutschen nach jenen zwölf Jahren der Abgrund aufgetan hatte.“

Das Schweigen sei ein Fehler, sagt auch David Krüger vom Demminer Heimatverein. Darauf habe schon der einstige Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner Rede am 8. Mai 1985 hingewiesen: „Nicht die Erinnerung ist die Gefahr, sondern das Vergessen.“