Die Türe musste Karl Thomann erst einmal in die Betonwand meißeln. Foto: red/Wein

Wo früher das Futter für die Schweine lagerte, hat Karl Thomann eine Wohnung für seine Tochter eingerichtet: Besuch in einem der ungewöhnlichsten Tiny Houses im Land.

Bad Säckingen - Als Wohnsilo bezeichnet man gemeinhin einen riesigen Wohnblock irgendwo in einem gesichtslosen, heruntergekommenen Neubauviertel einer Großstadt. Das Wohnsilo von Nina Thomann ist nicht groß, sondern winzig, obwohl es genau genommen sogar zwei Silos sind. Und eintönig ist dieses Doppelwohnsilo schon gar nicht, sondern ein echtes Unikat, das nicht in einer Trabantenstadt, sondern in Wallbach, einem idyllisch am Hochrhein gelegenen Ortsteil von Bad Säckingen steht.

 

In liebevoller Handarbeit hat es Papa Karl Thomann für seine Tochter hergerichtet. Gerade ist der 56-Jährige am Verputzen. Denn die beiden Silos, die auf dem Hof des alten Landwirtsgebäudes der Familie stehen, waren tatsächlich früher als Futterbehälter im Einsatz. Für die Lagerung von Mais und Silage für Kühe, Schweine und Hühner genügte eine zehn Zentimeter dicke Betonwand. Zur Isolation hat sie Thomann nun mit Styroporplatten eingepackt. Die mussten einzeln auf die Rundung der Silokegel zugeschnitten werden – eine Wahnsinnsarbeit. Aber zum Glück war Corona. „Da hatte man Zeit. Das hat uns in die Karten gespielt“, sagt Thomann, der sonst im Nebenamt als oberster Bühnenbildner im Bad Säckinger Gloria-Theater tätig ist.

Der Bauherr recycelt gerne

Im März 2020 begann er, im Juni 2021 konnte seine Tochter einziehen. Zunächst musste er einen Eingang ins Silo freipickeln. Wer dort nun eintritt, steht mitten in einer kleinen, kreisrunden Küche. Der Durchmesser beträgt 2,30 Meter. Durch einen Durchbruch mit Schiebetür geht es ins Nachbarsilo. Dort ist eine Dusche eingebaut. Das Waschbecken steht auf einem alten Nähmaschinentischchen.

„Ich hätte ja gerne noch mehr Dinge recycelt“, sagt Thomann. Denn da kennt er sich als Betriebsleiter der örtlichen Kreismülldeponie aus. Den Job hat er übrigens genauso vom Vater geerbt hat, wie das landesweit bekannte Müllmuseum, das in einer Scheune kuriose Fundstücke der Wegwerfgesellschaft zeigt. Wie dem auch sei – die Tochter wollte es lieber praktisch. Deshalb stammt die Einbauküche von Ikea. Auch sie musste speziell ins Rund eingepasst werden.

Selbst die Eckbank ist rund

Über eine Treppenleiter geht es ins Obergeschoss, wo sich das Wohn- und Schlafzimmer über beide Silos erstreckt. Die Wände sind teilweise herausgeschlagen, die alte Blechdecke wurde durch einen Holzdachstuhl ersetzt. Auch das Hochbett ist eine Spezialanfertigung, der Platz darunter dient als Schrank. Auf der anderen Seite gibt es eine gepolsterte Eckbank – ohne Ecke versteht sich, sondern schön rund.

„Ich habe gesagt, wie ich es haben will. Mein Papa hat es gebaut“, sagt Nina. Alles ist bestens ausgenutzt wie in einem Tiny House. Auf 30 Quadratmeter erstreckt sich die Wohnfläche der 21-jährigen Bürokauffrau. Da ist allerdings der große Balkon, den Thomann vor das Zimmer gebaut hat, schon mitgerechnet.

Unzählige Arbeitsstunden, aber nicht mehr als 20 000 Euro habe er in den Umbau investiert, sagt Thomann. Auf die Idee, ihre alten Silos auf diese Weise zu nutzen, war die Familie übrigens beim Fernsehschauen gekommen. In der Pro-7-Sendung Galileo war ein Amerikaner gezeigt worden, der seinen Hafenkran zu Gästezimmern umgebaut hatte. Eigentlich sollte aus den Silos deshalb eine Unterkunft für Radtouristen werden. Aber dann scheute Thomann doch die Arbeit – nicht wegen des Umbaus, sondern weil man dann ja täglich putzen und die Betten machen müsste.