Im Kreis Freudenstadt hat das Impfen gegen das Coronavirus begonnen. Foto: Leigh Prather stock.adobe.com

Anmeldeversuche schon um 4.45 Uhr. Mancher gibt entnervt auf. Anrufzentrale am Rande des Zusammenbruchs.

Das Anmeldeportal für das Kreisimpfzentrum Freudenstadt ist am Dienstag geöffnet worden. Das Interesse an Terminen war gewaltig, die Kanäle überlastet. Einige Interessenten gaben entnervt auf.

Kreis Freudenstadt - Ob über die landesweite zentrale Telefonnummer oder über das Internetportal – schon am frühen Morgen setzte ein regelrechter Ansturm ein. "Die Hotline 116 117 ist ständig am Rand des Zusammenbruchs", so Sabine Eisele, Pressesprecherin des Landratsamts, am Vormittag auf Nachfrage. Die Zahl der Anfragen sei "unglaublich". Bereits um 6 Uhr sei es rund gegangen.

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Nicht alle Interessenten kamen auf Anhieb zu Zuge. Eine Frau aus Glatten schildert ihre Erfahrungen: "Meine Mutter ist fast 94, lebt aber nicht im Altersheim, sondern mit familiärer Unterstützung alleine zu Hause." Versuche der Tochter, die Mutter zur Impfung anzumelden, schlugen fehl. Das Computersystem habe ihr angezeigt, dass es im Kreis Freudenstadt "keinerlei Impftermine" gebe. Auch telefonisch sei kein Durchkommen gewesen. "Die 116 117er-Leitungen waren dicht." Im Internetportal seien "lediglich Impfmöglichkeiten in Alsfeld, Heidenheim und Friedrichshafen" angezeigt worden. "Eine große Ungerechtigkeit", findet sie. "Wenn wir in einem anderen Bundesland leben würden, hätte zumindest meine Mutter längst eine Impfung." Auch für die Hauptpflegepersonen bestehe derzeit "keine Chance", an eine Impfung zu bekommen. "Hat man eigentlich schon einmal überlegt welches Chaos ausbricht wenn die pflegenden Familienangehörigen jetzt auch noch krank werden?"

"Stundenlange Wartezeiten"

Genervt reagierte auch ein Mann aus Freudenstadt, der für einen Angehörigen einen Termin vereinbaren wollte: "Zwei Mal wurde ich aus der Plattform geworfen, und jetzt habe ich 108 Anrufe auf der 116 117 und stundenlange Wartezeiten hinter mir. Jetzt kam ich gerade durch und dann hat mir die Dame gesagt, dass es keine Termine (mehr) gibt. Technologie-Standort Deutschland?" Auf diese Weise bleibe viel "Produktivität der wertschöpfenden Bevölkerung auf der Strecke." Wer sonst könne die Anmeldung vornehmen als Familienmitglieder. "Oder glaube da jemand etwa, dass man diese Tortur unseren Senioren mit 80 plus direkt zumuten könnte?"

Ähnlich erging es einer anderen Leserin, die ihren 81-jährigen Vater zur Corona-Schutzimpfung anmelden wollte. "Also: Erster Versuch um 4.45 Uhr, schnell an den PC und auf die Website des Landratsamts, von dort aus über den Link zur Seite Impfterminservice. Dort Auswahlmöglichkeit der Impfzentren – aber Kreis Freudenstadt oder Dornstetten sind noch nicht enthalten." Weitere Versuche hätte sie um 6 Uhr und um 7 Uhr mit dem selben Ergebnis unternommen. Beim Anlauf um 8.21 Uhr seien dann immerhin die Felder "Fragen zur Impfberechtigung" aufgetaucht. Wer diese inhaltliche Prüfung überstanden hat, erhält in zwei Schritten Zugangscodes für den ersten und den zweiten Impftermin.

"Also sofort im Anschluss, etwa um 8.25 Uhr, Versuch, über den Link in der E-Mail einen Termin zu buchen. Ergebnis: aktuell keine Termine verfügbar." Es werden regelmäßig neue Termine bereitgestellt, habe sie als Information bekommen. "Eine Stunde später: keine Veränderung. Aber: In Baden-Baden und anderen Impfzentren wären mehrere Termine verfügbar. Woran das jetzt wohl liegen könnte?"

Kapazitäten sind noch begrenzt

Es werde ihr wohl nichts anderes übrig bleiben, als weiterhin stündlich nach einem Impftermin für den Vater zu schauen, der seine vier Kinder mit Familien "möglichst ohne Ängste regelmäßig sehen möchte", so die Frau. Zumal er alleine wohne und auf Unterstützung der Familie angewiesen sei. "Auf Wunsch meiner Geschwister habe ich nun einen Termin am 5. Februar in Baden-Baden gebucht", so die Frau.

Wie berichtet, sind die Kapazitäten im Kreisimpfzentrum derzeit noch begrenzt, was jedoch nicht an der dortigen Mannschaft oder am Landratsamt liegt. Ausgebremst wird die Kampagne derzeit durch die geringe Menge an Impfstoff, die dem Landkreis im Augenblick zur Verfügung gestellt wird. Aktuell reicht der Stoff für 150 Impfungen pro Woche, die in Dornstetten an drei Tagen mit jeweils 50 Terminen verabreicht werden. Dass das Anmeldeportal für den Kreis Freudenstadt nicht funktioniere, könne sie so nicht bestätigen, sagte Eisele. "Man kann buchen, und es sind Termine gebucht", so die Pressesprecherin. Nähere Informationen kündigte das Landratsamt für den Verlauf des Tages an.

Das Anmeldeprozedere ist für viele offenbar nur eine der zusätzlichen Aufgaben in Corona-Zeiten, die bei Familien mit minderjährigen Kindern landen. Die Anmeldung von Senioren laufe neben der Heimbeschulung des zehnjährigen Sohns, der Klassenstufe fünf des Gymnasiums besuche. Es gebe "zu 90 Prozent keinen Online-Unterricht, sondern nur Arbeitsaufträge (und nur zum Teil mit der zeitintensiven Möglichkeit für die Schüler, während der eigentlichen Unterrichtszeit mit dem Lehrer Kontakt aufzunehmen)." Dazu kämen die "Fahrdienste" für die 16-jährige Tochter, die dem aktuellen Abiturjahrgang angehöre und die zu Klausur-Terminen gefahren werden müsse. Dazu komme Online-Unterricht, der Haushalt mit Kochen, Waschen und Bügeln und Heimbüro. Da der Mann in einem "systemrelevanten Beruf" arbeit, sei er täglich elf bis zwölf Stunden außer Haus.

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