Selbst die Gespräche der Kollegen können Lärm sein. Foto: StockAdobe/Victor Koldunov

Lärm mindert die Lebensqualität und schadet der Gesundheit. Forscher versuchen, Lärm erträglicher zu machen. Manchmal bekämpfen sie sogar Schall mit Schall.

Der fensterlose Raum hat etwa die Größe einer Schulturnhalle. Die Akustik ist jedoch völlig anders. Spezielle Wand- und Deckenverkleidungen schlucken fast jedes Geräusch. „So stellen wir sicher, dass die Ergebnisse nicht durch Schallreflexionen verfälscht werden“, sagt Peter Brandstätt, Abteilungsleiter Akustik am Fraunhofer-Institut für Bauphysik in Stuttgart. Zweck der Anlage: das Vorbeifahrgeräusch von Fahrzeugen zu messen.

 

Wichtigster Auftraggeber: die Autoindustrie

In der Mitte befindet sich ein Rollenprüfstand, auf dem die Testkandidaten ihre Fahrzyklen durchlaufen. An den Längsseiten sind Mikrofone aufgereiht. Da die Autos bei den Messungen auf der Stelle stehen, wird die Vorbeifahrt simuliert, indem die Geräusche elektronisch in die richtige Reihenfolge gebracht werden.

Die Forscher untersuchen, wie Autos leiser werden können – sowohl für die Insassen als auch für Menschen neben der Straße. Wichtigster Auftraggeber ist die Autoindustrie.

Was in der nüchternen Sprache der Ingenieure „Vorbeifahrgeräusch“ heißt, ist in den Ohren der meisten Menschen einfach nur Lärm. Autos, Lastwagen und Motorräder tragen in Deutschland am stärksten zur Lärmbelastung bei.

Straßenverkehr nervt am meisten

Drei Viertel der Einwohner fühlen sich durch den Straßenverkehr belästigt, so das Ergebnis einer Umfrage des Umweltbundesamtes aus dem Jahr 2020. Deutlich niedriger sind die Werte für Fluglärm (43 Prozent) und Schienenverkehr (34 Prozent). Wichtige Lärmquellen sind aber auch Industrie und Gewerbe (50 Prozent) sowie die Nachbarn (57 Prozent).

Lärm ist zunächst ein physikalisches Phänomen. Geräuschquellen emittieren Schallwellen unterschiedlicher Frequenz. Je lauter ein Geräusch ist, desto höher ist der Schalldruckpegel.

Wer längerfristig mehr als 85 Dezibel (dB) ausgesetzt ist (entspricht etwa dem Krach an einer Hauptverkehrsstraße), hat ein erhöhtes Risiko für Schwerhörigkeit. Kurzfristige Lärmspitzen – etwa ein Pistolenknall in Ohrnähe – können zu bleibenden Schäden an den Hörorganen führen.

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Lärm ist aber nicht nur eine Frage der Physik, sondern auch der Psyche. Wie stark wir uns durch ein bestimmtes Geräusch belästigt fühlen, ist immer auch eine Frage der inneren Einstellung. Deshalb empfinden wir die feuchtfröhliche Gartenparty des unsympathischen Nachbarn als störend, während wir den Lärm der eigenen, im Garten tobenden Kinder gerne ertragen. „Lärm ist das Geräusch der anderen“, schrieb Kurt Tucholsky.

Als besonders störend empfinden wir Lärm, wenn wir ihm hilflos ausgesetzt sind oder seinen Sinn nicht verstehen. Um seinen Ärger zu dämpfen, könnte man sich zum Beispiel klarmachen, dass der Baulärm vor der Haustür nötig ist, weil eine neue Wasserleitung gelegt wird – so ein Tipp in einem Ratgeber.

Erwiesen: Lärm macht krank

Aber ab einer gewissen Lautstärke hilft das auch nicht mehr. Erschwerend kommt hinzu, dass wir störenden Geräuschen mit der Zeit erst recht Aufmerksamkeit schenken, ja uns geradezu darauf konzentrieren – und dadurch noch mehr ärgern.

Auch Lärm, der keine unmittelbaren Gesundheitsschäden hervorruft, kann krank machen, unter anderem, weil er im Körper zur Ausschüttung von Stresshormonen führt. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass Verkehrslärm das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie beispielsweise Herzinfarkte und Schlaganfälle statistisch signifikant erhöht“, sagt Andreas Seidler, Direktor des Instituts für Arbeits- und Sozialmedizin an der TU Dresden.

Seidler leitete eine Studie, die Daten von rund einer Million gesetzlich Krankenversicherter ausgewertet hat, die unterschiedlich stark durch Verkehrslärm belastet waren. „Negative gesundheitliche Effekte sind schon bei vergleichsweise niedrigen Durchschnittspegeln zwischen 40 und 50 dB nachweisbar.“

Häufige Schlafstörungen

Neben dem Anstieg von Herz-Kreislauf-Erkrankungen registrierten die Forscher mehr Depressionen. Das könnte mit lärmbedingten Schlafstörungen zu tun haben. „Wenn es nachts zu laut ist, wachen Betroffene oft mehrmals auf, erinnern sich aber am nächsten Morgen nicht immer daran“, so der Mediziner. Betroffene wunderten sich dann, warum sie so müde seien.

In einer aktuellen Studie folgern Seidler und weitere Autoren, dass sich die verkehrslärmbedingte Krankheitslast um knapp ein Viertel reduzieren ließe, wenn der durchschnittliche Straßenverkehrslärm um drei dB verringert würde.

„Eine Minderung von drei dB entspricht physikalisch einer Halbierung des Geräuschniveaus“, sagt Philip Leistner. Und das sei schon mit geringem Aufwand erreichbar, erklärt der Leiter des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik und Professor an der Universität Stuttgart.

Autos werden leiser, aber der Verkehr nimmt zu

Als Alternative zu teurem Flüsterasphalt könnte man leisere Reifen vorschreiben. „Aber bis jetzt schauen die meisten Reifenkäufer nicht einmal auf die dB-Angaben des EU-Reifenlabels “, so Leistner.

Der Wissenschaftler nennt ein weiteres Problem: „Die Autos sind im Durchschnitt schon leiser geworden, doch dieser Effekt wird durch das gewachsene Verkehrsaufkommen zunichtegemacht.“ Verkehrsexperten fordern daher eine Verringerung des städtischen Autoverkehrs und niedrigere Geschwindigkeiten – auch für Autos mit E-Motoren. Denn bereits ab Tempo 30 dominieren bei modernen Pkw die Abrollgeräusche.

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Ganz andere Wege gehen die Wissenschaftler, um die Lärmbelästigung in Großraumbüros zu verringern, die vor allem auf Telefonate und Gespräche zurückzuführen ist. „Dabei spielt nicht nur die Lautstärke eine Rolle, sondern auch der Informationsgehalt“, sagt Brandstätt. Bekanntlich nervt es besonders, wenn man fast jedes Wort eines Gesprächs versteht, das einen leider nicht im Geringsten interessiert.

Störende Gespräche werden übertönt

Um dem entgegenzuwirken, setzen die Forschenden neben geräuschdämmenden Oberflächen und Schutzwänden auch auf die sogenannte Maskierung. Deren Ziel ist es, die Verständlichkeit der Gespräche im Raum zu verringern. Dazu wird über Lautsprecher ein leises Hintergrundgeräusch eingespielt, das sich anhört wie von sanften Harmonien unterlegtes Bachrauschen.

Schall mit Schall bekämpfen – offenbar ein Erfolg: Versuche haben gezeigt, dass Probanden, die in den Genuss des dämpfenden Klangteppichs kamen, nicht so stark durch Gespräche ihrer Kollegen abgelenkt wurden. Sie machten weniger Fehler, wenn sie sich Zahlenreihen merken oder Texte mit langen Schachtelsätzen verstehen mussten.