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Christian Wulff ist Bundespräsident, doch gesiegt hat Angela Merkel nicht, sagt Wolfgang Molitor.

Stuttgart - Es gibt einen neuen Bundespräsidenten. Er heißt Christian Wulff. Das ist die Nachricht von gestern. Die Frage von morgen ist: Gibt es eine neue Bundeskanzlerin? Noch nie ist Angela Merkel vom eigenen Lager so brutal abgestraft worden wie an diesem denkwürdigen Mittwoch. Zu Unrecht? Drei Bundestagswahlen in Folge hat sie der CDU das schlechteste Ergebnis in ihrer Geschichte beschert. Bei den letzten Landtagswahlen wurden fast durchgängig zweistellige Verluste eingefahren. Die Umfragewerte rauschen in den Keller. Doch in der Union wurde die Krise eisern, geradezu verzweifelt totgeschwiegen. Seit gestern ist nun damit Schluss. Die Union ist ihrer Kanzlerin gram. Und sie lässt ihren Frust raus.

Es sollte (wieder einmal) ein Neuanfang für Schwarz-Gelb werden. Der Versuch misslang. In Union und FDP wütet das Misstrauen. Es herrscht Unbehagen über diese Regierung, über ihre Arbeit, über ihr Auftreten. In den Fraktionen rumort es, und unter den Wahlmännern und -frauen (dem bisschen Promi-Basiseinfluss, der bei der Findung eines Staatsoberhauptes gnädig erlaubt wird) waren überraschend viele, die ihre eigene Stimme an Volkes statt abzugeben glaubten - und in den ersten zwei Wahlgängen geheim, aber erhobenen Hauptes die Seite wechselten. 

Das hat der versammelten, gleichwohl nicht vereinten Opposition einen Prestige-Erfolg beschert. Joachim Gauck hat im bürgerlichen Lager gepunktet - ein von Rot-Grün geschickt vermarkteter Anti-Held. Viele freuen sich nun, das Staatsoberhaupt sei nicht in einer parteibornierten Blockwahl gekürt worden, weil das Prozedere zumindest in Ansätzen an eine Persönlichkeitswahl erinnert habe. Schön wär's. Denn alle drei Wahlgänge haben gezeigt, wie parteitaktisch motiviert die Lage in allen Lagern war. Mehr noch: dass gerade diese Wahl als politische Spielwiese missbraucht wurde - als Spießrutenlauf für Merkel mehr als für ihren Kandidaten. 

Die Republik wird mit Wulff als neuem Staatsoberhaupt leben können. Wie mit allen seinen Vorgängern auch. Man wird sich arrangieren. Vielleicht und zum Glück ein wenig realistischer als bisher. Wobei wir noch einmal an Horst Köhler erinnern. Was hat er Merkel mit seinem renitenten Rücktritt bloß für ein faules Ei ins schwarz-gelbe Nest gelegt! Bundestagspräsident Norbert Lammert hat ihm den christdemokratischen Ärger brüsk hinterhergerufen. 

Was uns die Wahl lehrt? Zum einen, dass es Rot-Grün nicht gelungen ist, eine Brücke zu einer Linkspartei zu schlagen, der man für den Beweis ihrer Politikuntauglichkeit dankbar sein muss. Zum anderen, dass Schwarz-Gelb eine gute Ausgangslage wieder einmal miserabel genutzt hat. Christian Wulff ist Bundespräsident. Merkel hat ihr Ziel erreicht - womöglich zu einem Preis, der zu hoch war, um sich richtig freuen zu können.

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