Der Klimawandel gefährdet nicht nur die physische, sondern auch die psychische Gesundheit. Foto: epd/Rolf Zoellner

Der Klimawandel verursacht psychisches Leid. Experten warnen, der Bedarf an psychologischer Versorgung wird steigen. Ein Klimaaktivist und ein Helfer aus dem Ahrtal erzählen von Klimaangst und Traumata nach der Flut.

Für Jonathan fühlt sich die Angst vor dem Klimawandel an wie diese Busfahrten als er 17 Jahre alt war. Als er aus dem Fenster auf das Dorf sah, in dem er aufgewachsen war. Kein besonders schönes Dorf, sagt er, und doch dachte er damals: „Krass, meine Kinder werden das alles mal nicht so erleben, wie ich das durfte.“ Er weinte bei dem Gedanken.

 

Solastalgie nennt sich die Trauer, wenn der Klimawandel Heimat und geliebte Orte verschwinden, verdörren, versinken lässt. Es ist eine der Emotionen, die die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) in einem neuen Positionspapier als Reaktion auf die Klimakrise nennt. Zusammenfassen lassen sich diese Klimagefühle mit dem Begriff der Klimaangst: Wut, Angst, Sorge, Panik, Hoffnungslosigkeit, Schuld. So empfinden laut DGPPN auch viele, die wie Jonathan (noch) nicht unmittelbar von schwerwiegenden Folgen des Klimawandels betroffen sind. Es sind vor allem junge Menschen, die sich wie der inzwischen 20-Jährige sorgen: Sechs von zehn Befragten zwischen 16 und 25 Jahren gaben in einer internationalen Studie aus dem Jahr 2021 an, sich große oder extreme Sorgen über den Klimawandel zu machen.

Klimaangst ist eine normale Reaktion auf eine globale Krise

Das fühlt sich zwar nicht gut an, hat aber eine Funktion: „Unangenehme Gefühle sind Warnleuchten, die uns darauf hinweisen, dass etwas schiefgeht“, sagt Katharina van Bronswijk, Psychologin und Sprecherin der Psychologists and Psychotherapists for Future. Angesichts einer globalen Krise und eines 1,5-Grad-Ziels, das mit der gegenwärtigen Politik nicht eingehalten werden kann, sind solche Emotionen also eine rationale Reaktion. Wer dagegen die Klimakrise nicht als bedrohlich sieht, empfindet auch keine Klimaangst. Zwar leugnen die wenigsten den Klimawandel an sich, so van Bronswijk, ein Teil der Bevölkerung verdränge oder verleugne aber das Ausmaß der potenziellen Folgen oder dass auch sie Verantwortung dafür tragen, vermutet sie: „Auch das Verdrängen ist aber eine eigentlich sinnvolle Funktion der Psyche, weil dann die Belastung sinkt.“

Jonathan bei einer Klimademo. Foto: Jonathan

Solastalgie, Klimaangst, Eco Distress – was wie Diagnosen klingt, sind daher auch keine Fachbegriffe für psychische Krankheiten, sondern für normale Gefühle, so van Bronswijk. Sie könnten zwar Stress auslösen, in psychologische Behandlung müsste deshalb aber kaum jemand: „Die meisten Menschen sind resilient genug, um diese Gefühle verarbeiten zu können“, sagt van Bronswijk. Als krankhaft in einem schlechten Sinne und irrational abstempeln wollen solche Ängste vor allem jene, die gegen mehr Klimaschutz argumentieren. Auf ihren Versuch, Ängste als Reaktion auf eine wissenschaftlich belegte globale Krise zu diskreditieren, spielte auch das Unwort des Jahres 2019 an: Klimahysterie.

Der emotionale Höhepunkt für Jonathan: Beim globalen Klimastreik gehen Hunderttausende in Deutschland auf die Straße. Foto: Lichtgut

Es war ja auch nicht nur Angst, die Jonathan fühlte, seit er im Januar 2019 mit 17 Jahren begann, sich für Fridays for Future (FFF) zu engagieren. Da war auch der emotionale Höhepunkt seines Lebens – so nahm er den 20. September 2019 wahr, den Tag des globalen Klimastreiks. Hunderttausende forderten in Deutschland mehr Klimaschutz. „Die Kraft und Energie zu spüren, die von so vielen Menschen ausgeht. Zu wissen, dass man mitgeholfen hat, sie zu mobilisieren, das war besonders“, sagt Jonathan. Das Gefühl, zugehörig zu sein, sich für seine Meinung stark machen zu können, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen– all das trug ihn durch die ersten Monate, ließ ihn hoffen: Vielleicht ist ja noch nicht alles verloren. Was Jonathan erzählt, bestätigt die Forschung, sagt van Bronswijk: „Das Gefühl der Selbstwirksamkeit, dass ich etwas bewirken kann, hilft gegen Klimaängste.“ Besonders helfe kollektive Selbstwirksamkeit. Heißt: Sich mit anderen zu engagieren, hilft besser gegen Klimagefühle als allein am eigenen CO2-Fußbadruck zu schrauben.

„Ich hatte das Gefühl, es ist den Leuten scheißegal, was passiert“

Das Gefühl etwas zu bewirken, trug Jonathan, bis es ihn verließ. Die Klatsche kam mit dem Klimapaket, das die Bundesregierung kurz nach dem Streik beschlossen hatte und über das das Bundesverfassungsgericht später urteilten würde, dass die Regierung nachbessern muss: „Das hat mir das Gefühl gegeben, dass es den Leuten, die zu entscheiden haben, eigentlich scheißegal ist, was passiert. Ich hatte das Gefühl, das Problem zu sehen und zu spüren, aber nichts tun zu können“, sagt Jonathan. Er war frustriert, ohnmächtig, voller Hass; stürzte sich ins Tun, noch mehr: „Jede Minute, die ich nichts für den Klimaschutz getan habe, kam mir verschwendet vor. Das erschien mir der Grund, warum ich hier bin.“ Jonathan war in einem Organisationsteam bei FFF, Nebenkläger als Klimaaktivisten die Bundesregierung verklagten, kandidierte bei den Landtagswahlen im Jahr 2021 für eine Klimapartei. Als er irgendwann nicht mehr konnte, Verzweiflung und Wut nicht mehr loswurde, ließ er sich psychologisch behandeln. Seine Diagnose: Schwere Depression.

Es ist die Ausnahme, dass Klimagefühle so belastend und nicht mehr regulierbar werden, dass Betroffene Symptome psychischer Krankheiten entwickeln, sagt Katharina van Bronswijk. Meist seien sie in solchen Fällen nur einer der Stressfaktoren. Auch Jonathan sagt, dass die Klimakrise nicht alleiniger Auslöser seiner Depression war – wenn auch aus seiner Sicht ein bedeutsamer. Für Klimaaktivisten, die sich dauernd mit dem Klimawandel beschäftigen, ist es laut van Bronswijk besonders schwer, dass unangenehme Gefühle nicht Überhand nehmen. Einige würden versuchen ihre Ängste regelrecht wegzuarbeiten – bis hin zum Burnout.

Hitze erhöht das Risiko für psychische Krankheiten

Klimagefühle sind nicht die einzigen Wirkungen des Klimawandels auf die menschliche Psyche, die Forschende seit einigen Jahren untersuchen. So zeigen Studien, dass der Grad der Luftverschmutzung und das Risiko für psychische Erkrankungen zusammenhängen, schreibt die DGPPN in ihrem Positionspapier. Dieses Risiko erhöhe sich auch, wenn es heißer wird: Um 0,9 Prozent soll es mit jedem Grad Celsius zunehmen, verweist die Fachgesellschaft auf eine andere Analyse. Auch die Zahl psychiatrischer Notfälle steige, wenn Feinstaubbelastung oder die Temperaturen nach oben gehen. Hinzu kommen psychische Belastungen, die der Klimawandel indirekt verantwortet – etwa, wenn Menschen wegen Fluten, Stürmen oder Dürren aus ihrer Heimat fliehen müssen. Solche einschneidenden und belastenden Erfahrungen machen anfälliger für psychische Erkrankungen wie zum Beispiel Angststörungen, Depressionen oder posttraumatische Belastungsstörungen.

Anders als Klimaangst sind Angststörungen und Depressionen Beispiele für psychische Krankheiten, die behandelt werden müssen. Schon vor Corona warteten psychisch Erkrankte lange auf einen Therapieplatz in Deutschland: 20 Wochen waren es laut einer Umfrage der Bundespsychotherapeutenkammer im Jahr 2018 im bundesweiten Schnitt. Die Fachgesellschaft DGPPN warnt: Die Nachfrage, psychologisch behandelt und beraten zu werden, wird steigen, wenn die Folgen des Klimawandels immer mehr Menschen treffen.

Die Wartezeiten sind lang, aber nach Traumata braucht es schnelle Hilfe

Schnelle psychologische Hilfe brauchen oft die, die Extremwetter und Naturkatastrophen erlebt haben. Nervosität, Schlafstörungen und das Trauma immer wieder zu durchleben – solche Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung zeigte im Jahr 2005 fast jeder dritte Bewohner der US-amerikanischen Stadt New Orleans, nachdem der Hurrikan Katrina sie verwüstet hatte. Andere Opfer von Naturkatastrophen entwickelten Ängste oder Depressionen, nahmen vermehrt Drogen oder tranken Alkohol. Schon heute gibt es laut Bundesumweltministerium mehr extreme Wetterereignisse in Deutschland, weil sich das Klima verändert hat. Das Risiko wird weiter steigen, warnt der Deutsche Wetterdienst. Stürme und extreme Hitze, Starkniederschläge und Überschwemmungen könnten in Deutschland laut Bundesumweltministerium besonders gefährlich werden.

Erlebt hat das Alexander Weber. Weber studiert Jura, ist 24 Jahre alt, Mitglied im Junggesellenverein, Lokalpatriot. Heimat ist ihm wichtig. Heimat, das ist für Weber nicht Göttingen, wo er mal studierte, sondern Bad Bodendorf, auf das „Bad“ legt er Wert: Der Ort in Ahrweiler, in dem seine Eltern leben, in den auch Weber wieder gezogen ist, nachdem das Hochwasser dort im Sommer 2021 stand. Weber und seine Kumpels aus dem Junggesellenverein schaufelten damals wochenlang Schlamm aus Häusern in Bad Bodendorf, fuhren dann die Ahr rauf in die Nachbarorte, die es schlimmer getroffen hatte. Sie machten Lagebesprechungen, räumten zerstörte Möbel aus, stemmten Wandbeläge ab, mobilisierten mehr Helfer.

Alexander Weber half nach der Flut im Ahrtal – er selbst kommt aus Bad Bodendorf im Kreis Ahrweiler. Foto: Alexander Weber

In Bad Bodendorf, Stadtteil mit weniger als 4000 Einwohnern, und in den Nachbarorten kennt man sich, sagt Weber. Er kennt die Frau, die seit der Flut anders spricht. Diejenigen, die Angst vor dem Duschen haben, weil sie das Geräusch von fließendem Wasser nicht ertragen. Jene, die eine neue Heizung, ohne Öl, einbauen ließen, weil es in den Wochen nach dem Hochwasser nach ausgelaufenen Öl stank. Die Feuerwehrmänner, die nicht mehr weitermachen konnten: „Weil sie zu viel gesehen haben“, sagt Weber. Auch Alexander Weber hat viel gesehen und gehört. Autos, die vorbeischwammen. Verschlammte Häuser, „überall war diese braune Scheiße“, sagt er. Eine fremde Frau, die ihn umarmte, weil sie dankbar war über die Hilfe. Die konnte damals gerade noch ihr Kind im Rollstuhl retten, sagt er. Wie geht es ihm?

„Viele haben in den ersten Tagen gedacht: Reden brauche ich nicht.“

Gesprochen habe er darüber wenig mit seinen Freunden, sagt Weber: „Wir haben ja alle das Gleiche gesehen.“ Alle sind sie junge Männer Anfang bis Mitte zwanzig, viele von ihnen waren bei der Bundeswehr, auch Weber war zwei Jahre nach dem Abitur dort. Er ist 1,90 Meter groß, ein kräftiger Typ. „Vielleicht war auch Machogehabe dabei. Viele haben in den ersten Tagen, glaube ich, gedacht: Reden brauche ich nicht; wollten keine Schwäche zeigen.“ Wenn ihre Körper abends nicht mehr konnten, setzten sie sich ins Feuerwehrhaus, den Ort mit fließendem Wasser. Sie spülten Schaufeln und Stiefel, dann tranken sie ein paar Bier, am nächsten Morgen ging es weiter: „So doof das klingt, Alkohol war in den Tagen ein bisschen Kompensation. Du konntest ja eh nichts machen.“ Nicht die beste Option, sagt er.

Knietief hat der 1,90 Meter große Weber beim Aufräumen oft im Schlamm gestanden. Foto: Alexander Weber

Im Ahrtal wurde ein Traumahilfezentrum eingerichtet, auch Seelsorger waren nach der Flut unterwegs, um mit Betroffenen zu sprechen. Von Webers Freunden redete keiner mit ihnen: „Meine Jungs hat, glaube ich, auch keiner gefragt, ob wir reden wollen. Die haben sich erst um die direkten Betroffenen gekümmert, was ja auch richtig ist. In unseren Häusern stand kein Wasser. Andere haben viel größere Scheiße erlebt.“ Er sei empathisch, das Leid der anderen habe ihn getroffen: „Aber ich kann viel ab, bin kein sensibler Typ.“ Und doch merke Weber, wie sensibel er manchmal reagierte. Den Song, den er am Abend der Flut hörte, immer wieder, weil das Internet nicht funktionierte, hat er nie wieder abgespielt. Nach der Flut entwickelte er vorübergehend einen Tick, nickte andauernd mit dem Kopf. Und als er ein Jahr später eine Doku über das Hochwasser sah, weinte er. „Ich dachte immer: Mir geht es ja gut. Das war das erste Mal, dass ich merkte: Krass, das hat mich doch mitgenommen. Ich will mich aber nicht in den Mittelpunkt rücken. Es ist auch nicht so, dass ich abends im Bett liege und weine, es sind bestimmte Momente.“

Wer Leid erfahre, solle sich nicht vergleichen, sagt Katharina van Bronswijk: „In der Forschung sehen wir, dass einige Menschen Symptome entwickeln, andere nicht, obwohl sie ganz Ähnliches erlebt haben. Die relevante Frage ist: Was brauche ich jetzt?“ Damit Betroffenen die Abwägung nicht erschwert werde, ob sie Hilfe suchen, brauche es ausreichend psychotherapeutische Versorgung, sagt sie – und ein Gesundheitssystem, das angepasst ist auf den neuen Bedarf, den der Klimawandel bringt und bringen wird.