Morgens um 5.30 Uhr im Schwarzwald-Baar-Kreis – die Wiesen sind noch feucht, auf den Schwarzwald-Höhen pfeift ein frischer Wind. Doch unter den Grashalmen, die sanft im Wind wogen, liegen kleine Rehkitze, welchen schon Stunden später der Tod droht.
Spätestens daran erkennt man, dass es mit dem Spruch „jemand springt herum wie ein junges Reh“ manchmal gar nicht weit her ist: Die jungen Kitze liegen im hohen Gras auf der Wiese, der Traktor mit Mähwerk fährt mit mächtig Wumms auf sie zu – und die Tiere rühren sich keinen Millimeter. Viele von ihnen werden Jahr für Jahr von den scharfen Messern erfasst und sterben oder bleiben verstümmelt.
Weil die kleinen Rehe noch keinen Fluchtreflex besitzen, ducken sie sich an den Boden, anstatt wegzulaufen. Doch neuerdings kommt dank der Kitzrettung der Kreisjägervereinigung im Landkreis Rettung aus der Luft.
5.30 Uhr, es geht los
Es ist Freitagmorgen, 5.30 Uhr, als sich sechs Männer vom Hirschen in Gütenbach in Fahrgemeinschaften zu den Wiesen aufmachen. Alex Riesle ist einer von ihnen und Jäger in diesem Revier. Ob wir heute Kitze retten? „Ich denke schon!“ Er ist zuversichtlich, weiß hier um mindestens zwei Geißen mit Nachwuchs. Der zuständige Bauer hat für heute seinen Mäh-Einsatz angekündigt und die Kitzretter alarmiert – denn diese retten nicht nur den Reh-Babys das Leben, sondern auch sein Mähgut. Verhäckselte Tiere können dieses verderben. Die Tage, als die Jäger mit Helfern Menschenketten bildeten, um im Drei-Meter-Abstand zueinander die Felder systematisch händisch zu durchsuchen, sind vorbei. Heute läuft die Kitzrettung mit Drohne und Wärmebildkamera.
Die „Enterprise“ hebt ab
Pilot Siegfried Heinz macht die Drohne der Kitzrettung der Jägervereinigung im Schwarzwald-Baar-Kreis, eine Mavic 2 Enterprise, startklar. Ihre Route hat er bereits zu Hause am Computer einprogrammiert. An einem Bildschirm im Kofferraum seines Wagens zeigt er den Verlauf der Flugbahn – „mit Überlappung, das ist wichtig, damit man nichts übersieht“, klärt er auf.
Ein kräftiges Surren, dann hebt die Enterprise 50 Meter hoch ab. Während Siegfried Heinz an der Fernsteuerung die automatische Route startet, behält Co-Pilot Erich Straub den Bildschirm akribisch im Blick. Aus mindestens vier Personen – Drohnen-Pilot und -Co-Pilot plus zweier Personen, die sich um die Tiere kümmern – besteht ein Kitzrettungsteam mindestens. Heute sind es mit Axel Riesle, Ralf Brugger, Klaus Zimmer und Oli Tränklein sowie dem zweiköpfigen Drohnenteam sogar zwei mehr.
Der Feldrand ist vom Bauer schon gemäht worden. „Er hat angemäht, das ist gut“, findet Alex Riesle und erklärt prompt warum: „Eine erfahrene Geiß weiß dann, dass es jetzt Zeit ist, das Kleine vom Feld zu holen.“ Doch er hat in seinem Revier offenbar nicht nur erfahrene Geißen.
Da! Ein weißer Fleck im grauen Wimmelbild
Das Funkgerät springt an. „Da ist eins“, verkündet Erich Straub und zeigt auf dem Bildschirm im Kofferraum auf einen kleinen, strahlend weißen Fleck im einheitsgrauen Wimmelbild. Der weiße Fleck steht für Wärme, markiert wird die Wärmezelle mit einem kleinen roten Kreuz.
Die Helfer am Feldrand legen einen Zahn zu, einer schüttelt einen Jutesack auf und klemmt sich einen Kabelbinder zwischen die Zähne und schultert einen Käscher – zur Sicherheit, falls das Tier doch davonzuhüpfen droht. Der zweite rupft geschwind zwei Riesenbüschel Gras aus, reibt seine Handschuhe ab und läuft dem Dritten mit dem Funkgerät in der Hand, schnurstraks hinterher.
„Weiter vor, ein, zwei Meter vor euch, leicht links, da müsste es sein!“ Die Helfer folgen den Anweisungen aus dem Funkgerät, tasten sich vorsichtig mit wachsamem Blick vor. „Direkt bei euch, da muss es sein.“
Doch vor uns ist nur eines: Wiese, mehr als einen halben Meter hoch, dicht wie ein Mini-Urwald. Der Profi aber sieht ihn: einen vielleicht Fußball großen Bereich, wo das Gras eingedellt ist. „Da!“
Jetzt muss es schnell gehen. Riesle hält den Sack auf, Tränklein greift mit seinen zwei Grasbüscheln beherzt zu, während das Kitz kurz strampelt und ein markdurchdringendes Fiepen ausstößt. Vorsichtig wird das Kitz in den Sack gelegt, der mit Kabelbinder verschlossen und am nahen Waldrand geschützt abgelegt. Auch eine Unterbringung in luftdurchlässigen Boxen wäre möglich, doch hier ist Vorsicht geboten: Dass eine Geiß ihr Junges zu befreien versucht, ist gar nicht so selten. Hier geht man auf Nummer sicher.
Wenn ein Rettungseinsatz in Serie geht
Lange verschnaufen dürfen die Helfer nicht, da knattert schon wieder das Funkgerät. „Noch eins, gleich daneben.“ So geht es zwei weitere Male, bis die Drohne die letzte Bahn geflogen und ein viertes Kitz aus dieser einen Wiese gerettet ist. „Der Landwirt ist informiert, er kommt nachher gleich zum Mähen“, lässt Jäger Riesle wissen. Mit einem Ast am Zaun hat er die Stellen markiert, wo die Kitze liegen. Erst wenn der Landwirt gemäht hat, werden sie in Freiheit entlassen. „Sonst springen sie gleich wieder ins Feld“, sagt er und beruhigt skeptische Gemüter: „Die Geiß ist nicht weit weg, die beobachtet uns und ist gleich da, wenn das Kitz rausgelassen wird.“
Schöner als Bambi: sechsmal ein Happy End
Am nächsten Feld werden wir genau das feststellen. Wieder lässt Siegfried Heinz die Enterprise-Drohne steigen, wieder registriert die Wärmebildkamera mögliche Kitze.
„Die Geiß muss dabei sitzen, das ist zu groß“, sagt Erich Straub. Und tatsächlich: Als die Helfer Kurs auf das mutmaßliche Kitz nehmen, hoppeln plötzlich zwei Ohrenspitzen in zügigen Sprüngen durch die Wiese davon. Immer wieder blickt die Geiß sich um zu der Stelle, wo die Helfer das weißgefleckte Tier schließlich entdecken. Aus schwarzen Knopfaugen über einer niedlichen schwarzen Schnauze blickt es zwischen den Grashalmen zu ihnen auf. „Das ist höchstens eine Woche alt“, urteilt Klaus Zimmer.
Das Jungtier stößt einen grellen Kitzfiep aus, ehe es im Jutesack geborgen und vorsichtig zum Waldrand getragen wird, wo es ganz still und offenbar friedlich geborgen liegen bleibt.
Doch plötzlich schallt aus dem Wald ein lautes, energisches Bellen. Immer wieder ertönt dieses Geräusch. Muss das Kitz in Sicherheit gebracht werden? Naht ein Hund oder gar ein Fuchs? Jäger Ralf Brugger lächelt wissend – „das ist die Geiß“, der Fachmann nennt dieses Bellen „Schrecken“, und er weiß schon, wie das Märchen um das Geißlein und sein „Bambi“ ausgehen wird: „Die bleibt jetzt im Umfeld, und sobald das Kitz wieder freigelassen wird, nimmt sie es in Empfang.“ Wenn das mal kein Happy End ist – und davon gibt es an diesem einen Morgen gleich sechs.
Kontakt zu den Kitzrettern
Wenn die Kitzretter benötigt werden können sich Landwirte und Jagdpächter unter der Telefonnummer 01520/3 22 15 58 sowie per E-Mail an: mitglieder-kjv-sbk@outlook.de wenden.