Wurden Teenager vergangenes Jahr noch als verantwortungslose Partymacher kritisiert, wird nun zunehmend klar: Diese Altersgruppe leidet besonders unter der Isolation. Warum das so ist – und wen es besonders trifft.
Stuttgart - In Eduards Familie kracht es jeden Tag. Die Mutter streitet mit seiner Schwester, die Schwester mit ihm, er mit seiner Mutter oder alle miteinander. Nicht immer geht der Krach glimpflich aus. Sie wohnen zu siebt in drei Zimmern in Stuttgart: Eduards Mutter und Stiefvater. Die Schwester mit Freund und den dreijährigen Zwillingen. Und Eduard, der 16-jährige Gymnasiast. Homeschooling? Schwierig bis unmöglich. Abstand zur Familie gewinnen, mit der Clique abhängen und runterkommen? Ist schon seit Herbst nicht mehr erlaubt. „Ich habe viele Tiefpunkte“, sagt Eduard.
Wie ihm geht es vielen Jugendlichen in der Pandemie. Wurden ihre Probleme zu Beginn der Krise noch kleingeredet („Die werden ja auch mal ’ne Zeit lang auf ihre Partys verzichten können.“), wird nun zunehmend klar: Heranwachsende leiden besonders unter den Einschränkungen. Wer mit Teenager-Eltern spricht, kann von testosteron-strotzenden Buben hören, die wieder im Gräbele zwischen Mama und Papa schlafen. Oder von selbstbewussten Töchtern, die nun stundenlang bedrückt in ihren Zimmern sitzen – und das sind die harmlosen Symptome. Kürzlich wandte sich die Vereinigung der Kinder- und Jugendpsychotherapeuten in einem Brandbrief an die Politik. Depressionen, Angst-, Essstörungen und Drogenmissbrauch nähmen massiv zu, so ihr düsteres Fazit. Ein Befund, den auch psychiatrische Kliniken im Land bestätigen.
Krise trifft Jugendliche aus prekären Verhältnissen
Und wie in so vielem, ist die Krise auch in diesem Punkt nicht gerecht. Besonders gefährdet sind Jugendliche, die in prekären Verhältnissen aufwachsen, die in engen Wohnungen leben, deren Familien teilweise noch größere finanzielle Sorgen haben als ohnehin. Jugendliche wie Eduard, der an diesem Tag im Gemeinschaftsraum der Mobilen Jugendhilfe im Stuttgarter Osten sitzt. Regelmäßig kommt der Teenager hierher, druckt Schulsachen aus, macht Hausaufgaben, geht mit Sozialarbeiterin Laura Höpfner spazieren, genießt den Raum nur für sich. „Ohne das würde ich die Zeit nicht durchstehen“, sagt Eduard – und das klingt kein bisschen pathetisch, sondern sehr reflektiert.
Auch in der Krise ist das Team der Mobilen Jugendhilfe, die von der Evangelischen Gesellschaft (eva) getragen wird, für die Jungen und Mädchen da. In Zeiten von geschlossenen Läden, Jugendhäusern, Cafés, Schwimmbädern und schlechtem Wetter, sind deren Räume für viele die einzige Möglichkeit, der bedrückenden, teilweise gewalttätigen Enge daheim zu entkommen, ihr Herz auszuschütten, wie Laura Höpfner und ihre Kollegin Suvi-Kristin Welt erzählen.
Mädchen müssen nun Geschwister betreuen
Der Zulauf sei noch größer als vor Corona. Etliche Jugendliche hätten Jobs oder Ausbildungsstellen etwa in der Gastronomie verloren. Dazu kommen Bußgelder, weil sie sich doch in der Gruppe treffen. Mädchen würden mitunter in reaktionäre Rollenbilder gedrängt, müssten ihre jüngeren Geschwister betreuen, dürften kaum noch allein das Haus verlassen.
Ein großes Problem sei das Gefühl der Isolation. So wie bei Lucia, die an diesem Tag auch zu Gast ist. Die 14-Jährige lebt mit ihrer Familie in zwei Zimmern in einer Sozialunterkunft. Dort darf sie nicht mal eine Freundin empfangen. Sie vermisst ihre Mädchengruppe, das gemeinsame Kichern, Tanzen, Spielen, Kochen. „Mir ist oft langweilig. Ich bin allein und traurig“, sagt Lucia.
Komplette Reorganisation des Gehirns
Verwunderlich ist das kaum. In den Jahren zwischen Kindheit und Erwachsensein sind Gleichaltrige so wichtig wie kaum in einem anderen Lebensabschnitt. Die Pubertät ist eine Zeit des Suchens und Zweifelns, zwischen Größenwahn und Selbsthass, Klammern und Abnabeln, erster Liebe und Trennungsschmerz, Selbstvertrauen und Verführbarkeit. Hirnforscher sprechen von einer kompletten Reorganisation des Gehirns. Alle Nervenverbindungen, die in der Kindheit aus dem Strom von Reizen, Lerninhalten, sozialen Erfahrungen, Gefühlen entstanden, würden einer Inventur unterzogen. Was also schon in ganz normalen Zeiten heillos überfordern kann, wird in der Ausnahmesituation zum Risikofaktor – zumal, wenn Konstanten wie Schule oder Elternhaus ins Wanken geraten. Längst geistert der Begriff der „Generation Corona“ durch die mediale Öffentlichkeit, einer verlorenen Generation.
Nicht jeder trägt einen Schaden davon
Ist es tatsächlich so dramatisch? Die Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Alena Buyx, versucht dieses apokalyptische Bild zu relativieren. In der Talk-Show „Markus Lanz“ sagte die Medizinerin und Mutter zweier Kinder, sie halte die Vorstellung einer verlorenen Generation für gefährliche Schwarzmalerei. Eine solche Phrase stigmatisiere die Jugendlichen und könne zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden. Auch Psychologen und Psychiater betonen, dass nicht jeder, der sich bisweilen bedrückt fühlt, gleich bleibende Schäden davonträgt. Die Fähigkeit zur Anpassung und Bewältigung sei in diesen jungen Jahren groß.
Szenenwechsel: Videotelefonat mit zwei Freundinnen in einem Stuttgarter Außenbezirk, dort, wo die bürgerliche Mitte wohnt. Clara (14) und Greta (15) sind sich durchaus bewusst, dass sie privilegiert sind. Sie wachsen in intakten Familien auf, mit Platz für sich und ohne finanzielle Sorgen. Trotzdem leidet Greta unter dem Gefühl des Eingesperrtseins. Sie vermisst das Fußballtraining und die Spiele, ihre Freunde, die Schule, kurz: „das Menschliche“, wie sie es nennt.
Als hätte jemand die Pausentaste gedrückt
Ihre Freundin Clara kommt, wie sie sagt, besser mit der Situation zurecht, weil sie gut allein sein kann („Malen, Armbänder knüpfen, Musik hören – mir fällt immer was ein.“), weil es ihr liegt, sich aus Büchern selbst Wissen zu erarbeiten. Von ihr aus könnte das Lernen von zu Hause gern regelmäßiger Bestandteil des Unterrichts sein. Aber manchmal macht sie sich schon Gedanken, wie ihr Leben ohne Corona wäre. „Komplett anders“, ist die Gymnasiastin überzeugt.
Für Jugendliche wie Greta und Clara muss es sein, als hätte jemand die Pausentaste gedrückt, in einer Phase, in der ihnen normalerweise alle Wege offenstehen. Praktikum hier, Auslandsreisen dort, Hobbys und Freizeitmöglichkeiten zuhauf. Die Zukunft? Ein riesiges Haus voller offener Türen, von denen man nur die richtige für sich finden muss. Oder, wie es ein Teenager kürzlich in einem Podcast der „Zeit“ gesagt hat: „Als Erwachsener weißt du, was du vermisst: Theaterabende oder Essen mit Freunden, Konzerte. Bei uns ist das anders: Ich weiß nicht, wo ich in diesem Moment wäre, wenn keine Pandemie herrschte.“ Man kann das als Luxusproblem belächeln, aber das wird der Bedeutung, die so ein Einschnitt in einer höchst sensiblen Lebensphase haben kann, eben ganz sicher nicht gerecht.
Eduard will eigentlich Arzt werden
Auch Eduard hat Angst, dass Corona seine Zukunftspläne zunichtemacht. Vor fünf Jahren ist er von Rumänien hierher gekommen, hat akzentfreies Deutsch gelernt, es aufs Gymnasium geschafft. Arzt will er werden, am liebsten in der Chirurgie, dort hat er schon ein Praktikum gemacht. Aber derzeit verpasse er fast allen Schulstoff. Von der Familie kann ihm keiner helfen, ihm fehlt Ruhe, der direkte Austausch mit den Lehrern. „Ich komme nicht mehr mit. Ich kann mir nicht leisten, durzufallen, ich bin schon mit Abstand der Älteste in meiner Klasse“, sagt Eduard. Für ihn könnte Corona nicht nur eine Pause von seinen Träumen bedeuten – sondern im schlimmsten Fall ihr Ende.