Der alte Brauch des Karfreitagsratschen wird am Karfreitag in Geislingen seit vielen Jahren wieder praktiziert. Kirchenpfleger Heinrich Kirmeier hat aus Holz eine solche Ratsche gebaut, die vor Ostern das Kirchengeläut ersetzen wird.
In Geislingen ruft am Karfreitag seit Jahrzehnten wieder eine Ratsche zum Gottesdienst. Üblicherweise verstummen nach dem „Gloria“ in der Messe vom letzten Abendmahl am Gründonnerstag die Kirchenglocken. Den Karfreitag über – dem Todestag Jesu – bis zur Osternacht am Samstagabend, in der die Auferstehung Jesus Christus gefeiert wird – läuten die Glocken nicht.
Weil das Geläut der Kirchenglocken meist eine festliche Stimmung vermittelt, war dieses während der Leidenszeit und Grabesruhe von Jesus Christus nicht angebracht. Auch die Glocken der St. Ulrichskirche in Geislingen verstummen während dieser Tage.
Um die Gläubigen dennoch zum Gebet zu rufen, wurden bereits vor vielen Jahrzehnten mit der sogenannten Karfreitagsratsche die Gottesdienste angekündigt und während der Messe mit kleinen Handratschen das Geläut zur Wandlung ersetzt.
Brauch wurde in den 50er-Jahren eingestellt
Viele ältere Geislinger kennen den Brauch der „Karfreitagsratschen“ noch aus ihrer Kindheit, andere nur noch aus Erzählungen von Eltern oder Großeltern. Allerdings wusste niemand, weshalb der alte Brauch Ende der 50er-Jahre unter dem damaligen Ortspfarrer Paul Münch eingestellt wurde.
Auch Kirchenpfleger Heiner Kirmeier wusste das nicht, doch kennt er den Brauch noch aus seiner bayerischen Heimat und erinnert sich gut an die Freude, die er als Kind hatte, wenn er ratschen durfte. Auch für Pater
ist das Karfreitagsratschen nichts Neues. In seiner Heimat Indien und seiner bisherigen Pfarrstellen in Innsbruck, Ellwangen und Scheer wurde der Brauch zwischen Karfreitag und Ostern praktiziert. In Geislingen hat er diesen Brauch bisher schmerzlich vermisst.
Nach einem Gespräch über ihre Kindheitserinnerungen war für Kirmeier und Pater Augusty klar, dass dieser Brauch wieder in Geislingen Einzug halten soll. Der Kirchenpfleger machte sich auf die Suche nach der alten Ratsche, doch diese sei nirgendwo mehr auffindbar gewesen.
Kurzerhand beschloss er eine Ratsche zu bauen, nicht jedoch ohne sich mit Pater Augusty besprochen zu haben. Für beide war klar, dass diese Ratsche, sollte sie rechtzeitig fertiggestellt werden, in diesem Jahr wieder eingesetzt werden soll.
20 Arbeitsstunden bis zur Fertigstellung
Da Kirmeier schon als Kind zuhause auf dem Hof und in der Schreinerei des Vaters mithelfen musste, hat er ein technisches Grundverständnis und Kenntnisse über die Holzverarbeitung. Einen Plan hatte er nicht, doch baute er einfach mal drauf los. Hilfreich waren Fotos und Videos, die er im Internet gefunden hat.
Auch zu den Gebetszeiten wird geratscht
An den vergangenen freien Samstagen war Kirmeier, der im Brotberuf technischer Einkäufer ist, in seiner Werkstatt zu Hause anzutreffen: Innerhalb von etwa 20 Arbeitsstunden war die Ratsche fertiggestellt. Die Ratsche ist ein massiver Resonanzkörper aus Holz. Durch eine Kurbel wird eine Walte mit Nocken in Bewegung gesetzt, wodurch Holzleisten angehoben werden, die beim Zurückschnellen das charakteristische Geräusch erzeugen.
Diese soll nun am Karfreitag und Karsamstag zum Gottesdienst rufen. Auch zu den Gebetszeiten um 6 Uhr, 12 Uhr und 18 Uhr werden die Ministranten mit der neu gebauten Ratsche zum Gebet aufrufen und so einen alten Brauch wieder zum Leben erwecken.