Anna Wöllhaf und Christoph Brösamle wollen frischen Wind in die Provinz bringen und haben deshalb ihr Architekturbüro Studio Ö in Weinstadt gegründet. Ihre Entwürfe sind dabei gar nicht provinziell, wie beispielsweise ein Tagungshaus der anderen Art beweist.
Ein grünes Tal, eine Handvoll Häuser, darunter altes Fachwerk, zwei Bachläufe – das ist Baach, ein Ortsteil von Weinstadt im Remstal. Wo früher ein altes Bauernhaus mit Wohn- und Wirtschaftstrakt stand, erstreckt sich jetzt das „Haaus“ – ein Seminarhaus der etwas anderen Art. Wer hier tagt, konferiert, einen Workshop besucht oder feiert, fühlt sich nicht wie in einem gesichtslosen Tagungshotel, sondern eher wie in einem idyllisch gelegenen Ferienhaus mit puristischem Ambiente.
Wellblech und große Fenster
Das Satteldach sucht den Schulterschluss mit der Ortsbauweise, doch schon die robusten Wellblechanteile an der Fassade und die großen Fensterflächen lassen aufmerken. Wer eintritt, wird von Beton und Licht umfangen. Und ist gleich mittendrin im multifunktionalen, von der Straße zum Garten durchgesteckten Hauptraum, der anstelle der alten Tenne mit einer Galerieebene bis unters Dach reicht und alles zugleich ist: Rezeption, Foyer, Küche, Esszimmer, Tagungsraum, Festsaal. Grüne Farbinseln bei den Küchenmöbeln und Fichtenholz-Fensterrahmen, zu Sitzstufen erweitert, bringen Wärme in die reduzierte Industriebau-Atmosphäre.
Waschbecken im Doppelzimmer
Auch die 16 Doppelzimmer im Wohntrakt geben sich in Materialwahl und Ausstattung funktional, doch stellen Sitz-Holzfensterbänke und die bis unters Dach reichende Raumhöhe eine lässige Großzügigkeit her. Das Waschbecken wurde aus der Nasszelle ins Zimmer transferiert – das Weniger im Bad bedeutet ein Mehr für den Hauptraum.
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Gewohnheiten hinterfragen, Architektur anders denken: Das „Haaus“ geht auf das Konto des jungen Weinstädter Büros Studio Ö. Das Ö, das sind Anna Wöllhaf und Christoph Brösamle, die auch privat ein Paar sind. Die beiden haben das „Haaus“ für eine befreundete Gastronomin entworfen – und sich sogleich als vielversprechende Architekturadresse in der Region profiliert.
2019 gründete das Duo sein Büro und entschied sich gegen die Landeshauptstadt als Standort, wobei sie sich ihr angesichts der Nähe trotzdem zugehörig fühlen. „Wir hatten Lust, hier in der Region mitzumischen und frischen Wind reinzubringen“, sagt Anna Wöllhaf, die aus Weinstadt stammt. „Ein gutes Netzwerk, auch zum Handwerk“ und die günstigeren Büromieten führt sie als Vorteile an. Beide haben in Stuttgart an der Hochschule für Technik studiert, danach sammelten sie in München erste Berufspraxis. Das Seminarhaus, das sie quasi nebenbei stemmten, war der Türöffner in die Selbstständigkeit, inzwischen beschäftigen sie in ihrem Ladenbüro im Dorfkern von Weinstadt-Großheppach eine Mitarbeiterin.
In der Provinz füllen sie eine Lücke
Als junges Büro in der Provinz füllen sie eine Lücke. Gerade für die jüngere Bauherrenschaft, mit der sie derzeit vorwiegend zusammenarbeiten, stellen sie eine Alternative zu alteingesessenen Kollegen dar. Studio Ö kann eine beachtliche Zahl an Aufträgen präsentieren – vor allem Einfamilienhäuser in der Region, aber etwa auch ein Sozialwohnheim für die Gemeinde Jettingen.
Das Einfamilienhaus als Bauaufgabe gehört dazu
„Solange wir im ländlichen Raum tätig sind, gehört das Einfamilienhaus für uns selbstverständlich dazu, da sind wir als junges Büro opportunistisch“, sagen die beiden auf die Frage, wie sie mit der zunehmend in die Kritik geratenen Wohn- und Lebensform umgehen. Entscheidend sei für sie, wie man architektonisch an die Aufgabe herangehe. Wöllhaf und Brösamle versuchen, den konventionellen Traum vom „eigenen Häusle“ konstruktiv in die Zukunft zu denken und entwickeln Vorschläge, die „im ersten Moment nicht auf der Hand liegen“, wie Wöllhaf sagt. Dazu zählen etwa „kluge, rationale Strukturen von tragenden Wänden“, die Wandelbarkeit herstellen und so langfristige, eben nicht nur für die Familienphase taugende Nutzungen erlauben, so die 33-Jährige. Zudem überlagern sich in den Einfamilienhäusern von Studio Ö immer wieder Funktionen. Da nimmt beispielsweise der Flur, geschickt kaschiert, Waschmaschine und Trockner auf, so dass ein teurer Keller überflüssig wird. Genauso kann ein Treppenhaus auch eine Büronische enthalten.
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Bauen im Bestand, Nachverdichtung, Nachhaltigkeit: Die Trends der Stunde beschäftigen auch die Weinstädter Jungarchitekten. In Beutelsbach erhält derzeit ein einstöckiges Einfamilienhaus nach ihren Plänen ein zweites Geschoss und wird so zum Zweifamilienhaus. Die beiden getrennten Wohneinheiten können bei Bedarf zusammengeschaltet werden. Die Aufstockung ist in Holzständerbauweise ausgeführt – wo möglich, ersetzten sie den CO2-Verursacher Beton durch Holz, sagt Christoph Brösamle. Um Nachhaltigkeit zu erzielen, stehe für sie jedoch nicht die Materialfrage an erster Stelle, so der 31-Jährige: „Eine 300-Quadratmeter-Villa aus Holz löst keine Probleme.“ Stattdessen setzen sie auf einen effizienten Umgang mit Ressourcen und Flächen.
Holz allein ist nicht die Lösung
Beim Wohnen halten sie kollektive Ansätze wie etwa Genossenschaftsw ohnen für zukunftsträchtig. „Solche Formen werden auch auf dem Land stärker kommen“, sind sie überzeugt. Dass der Stadt-Land-Gegensatz immer mehr schwindet, dazu tragen auch experimentierfreudige Architekturbüros wie Studio Ö aus Weinstadt bei.
Studio Ö – Praxis und Lehre
Büro
Anna Wöllhaf, Jahrgang 1988, hat nach ihrem Architekturstudium an der Hochschule für Technik in Stuttgart beim Münchner Büro NVO Nuyken von Oefele Architekten gearbeitet. Seit 2019 hat sie einen Lehrauftrag an der Hochschule für Technik, Stuttgart, für Baukonstruktion und Entwerfen. Christoph Brösamle, Jahrgang 1990, hat ebenfalls an der HfT in Stuttgart Architektur studiert. Er war nach dem Masterabschluss beim Münchner Büro Almannai Fischer Architekten tätig. 2019 gründeten Wöllhaf und Brösamle ihr Büro Studio Ö in Weinstadt (www.studiooe.de).
Preis
Das „Haaus“ (www.haaus.de) hat beim Wettbewerb „Creative Spaces Region Stuttgart“ der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart (WRS) und der IBA’27 den Sonderpreis „Regionale Entwicklung“ erhalten.
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