Jule Janson auf der Baustelle Foto: /Andreas Reiner

Die 23-jährige Jule Janson aus Mühlacker ist Beton- und Stahlbetonbauerin. Dass sie eine Frau in einer Männerdomäne ist, spielt für sie keine Rolle. Höchstens für andere.

Man schließe einfach mal die Augen und stelle sich Berlin vor. Genauer gesagt fliege man im Geiste über die Hauptstadt, immer höher und höher, bis man die gesamte Stadtfläche sieht: Knapp 891,8 Quadratkilometer hauptsächlich versiegelte Fläche. Aber das lässt sich freilich noch auf die Spitze treiben: Anstelle der Straßen und Häuser, die die Stadt ausmachen, überziehe man die gesamte Fläche nun in Gedanken mit einer mehr als 13 Meter hohen Schicht aus Beton. Graue Wüste.

 

Augen auf: Das Bild der meterhoch betonierten Hauptstadt zeigt auf, wie viel Kubikmeter Beton jedes Jahr weltweit produziert werden. Beton ist nach Wasser der am meisten von Menschen benutzte Stoff überhaupt und der bedeutendste Baustoff der Welt. Und deshalb steht er für viele nicht nur für eine graue Wüste, sondern auch für graues Gold.

Sie baut gern Häuser für jedermann

Jule Janson ist da handfester. Für sie steht Beton vor allem für Beständigkeit. „Es ist reizvoll, dass das, was ich schaffe, für die Ewigkeit gemacht ist.“ Janson spricht dabei nicht von Architekturbauten monumentalen Ausmaßes oder von besonderem Renommee, sondern schlicht von Wohnhäusern. Häusern für jedermann. Häusern, die für manch einen die Welt bedeuten. Häusern, die für den anderen schlicht nur Wohnraum sind. Häusern, wie sie aber zweifellos jeder braucht.

Diese Häuser fertigt Jule Janson für die Firma ihrer Mutter, M + F Bau in Mühlacker. Die 23-Jährige ist Beton- und Stahlbetonbauerin – und noch dazu Vizeweltmeisterin in ihrer Disziplin. Bei den World Skills 2022, der Weltmeisterschaft der Handwerksberufe, stand sie als erste Frau überhaupt zusammen mit ihrem Teamkollegen Jonas Hopf auf dem Siegertreppchen.

Ihre Mutter war anfangs wenig begeistert von der Idee

Der Betonbau ist nach wie vor eine klassische Männerdomaine. „Während meiner Ausbildung war ich die einzige Frau in meiner Klasse – und auch in den Klassen drüber und drunter waren nur Männer“, sagt Janson. Warum das so war und auch noch immer so ist, kann sie nur vermuten: „Manch eine Frau schreckt vielleicht die körperliche Arbeit ab.“ Dabei sei diese heutzutage durchaus machbar. „Am Anfang war es trotzdem fordernd, aber man gewöhnt sich daran“, sagt Janson. Ihre Mutter Anja Glück-Janson, die am Schreibtisch des Büros sitzt, mischt sich ein. „Es gibt schon Grenzen. Den ganzen Tag mit einem Abbruchhammer, der allein schon zehn bis 15 Kilo wiegt, Steine zu bearbeiten, ist schwierig“, sagt sie. „Ja, aber auch für Männer“, kontert die Tochter. „Das Gute auf der Baustelle ist ja, dass man nie alleine ist und sich somit abwechseln kann.“

Vor allem aber, so sagt Janson, sorge wohl die gesellschaftliche Prägung dafür, dass Frauen es gar nicht erst in Betracht ziehen, dass der Beruf Beton- und Stahlbetonbauer etwas für sie sein könnte. Selbst ihre Mutter war anfangs wenig begeistert von der Idee. „Zwischenzeitlich muss ich aber sagen, dass es der richtige Weg für Jule war“, sagt Anja Glück-Janson. Das sieht auch Jule Janson selbst so. Sie liebt vor allem die praktische Arbeit, die natürlich von Anfang an Teil der dreijährigen überbetrieblichen Ausbildung war, mit der sie 2017 begann. Weil sie Abitur gemacht hatte und aufgrund ihrer sehr guten Leistungen konnte sie diese auf zwei Jahre verkürzen. „Das hat dann auch die hartnäckigsten Spötter zum Schweigen gebracht.“ Denn zumindest in der Schule habe sie sich durchaus manchmal Sprüche anhören müssen, was sie als Frau dort überhaupt wolle. „Auf der Baustelle war das seltener der Fall, da man in der Praxis sehr viel schneller zeigen kann, was man draufhat.“

Praxis ist ihr lieber als Theorie

Inzwischen ist die 23-Jährige also längst fertig mit der Ausbildung – und studiert Bauingenieurswesen an der Hochschule in Karlsruhe. „Das ist aber nichts für mich, den ganzen Tag lernen.“ Außerdem bemängelt sie, dass das, was die Professoren lehrten, oftmals nichts mit der Praxis zu tun habe. Mitstudierende, die noch nie auf einer Baustelle gearbeitet haben, bemerkten das natürlich nicht. Aber dann habe ihre Mutter gesagt: „Jetzt mach es fertig, dann sehen wir weiter.“

Also zieht sie das Studium durch. Die Zähigkeit und Ausdauer, an einer Sache dran zu bleiben, habe sie durch den Sport erlangt, sagt sie. „Ich bin Schwimmerin, hatte früher sechsmal die Woche Training. Das prägt einen.“ Seitdem sei Aufhören oder Aufgeben keine Option mehr für sie. Sie will zeigen, was sie kann. Immer.

Sie will wieder raus auf die Baustelle

Bei der World Skills im österreichischen Salzburg hatte sie Ende vergangenen Jahres die Gelegenheit dazu. Zunächst aber bewies sie sich bei verschiedenen Wettbewerben auf Innungs-, Kammer- und Landesebene und schaffte es dann ins Nationalteam des Baugewerbes, wo sie bei der Deutschen Meisterschaft 2019 die Goldmedaille holte. Die beiden Bestplatzierten dürfen immer zur World Skills, die aber damals aufgrund von Corona verschoben werden musste. „Das muss man aber schon wollen, das bedeutet viel Aufwand“, sagt Janson. Schließlich muss man die Aufgaben mit Millimetergenauigkeit erfüllen.

Sie wollte. „Die Chance war einmalig.“ Auch wenn das bedeutete, dass sie ein Semester verlor, weil die Vorbereitungen für die World Skills in die Prüfungsphase fiel. Nun wird sie im Sommer fertig, noch eine Prüfung und ihre Bachelorarbeit liegen vor ihr. Danach will sie erst mal wieder draußen auf der Baustelle arbeiten – als Polierin. „In ein paar Jahren werde ich wohl in Richtung Bauleitung und damit Büroarbeit gehen – schließlich will ich langfristig die Firma meiner Mutter übernehmen“, sagt Janson.

Die Töchter führen die Familientradition fort

Denn schließlich haben nicht zuletzt die Firma und ihre Familie sie und ihren Berufswunsch geprägt: „Mein Opa hat das Unternehmen aufgebaut, schon als Kind habe ich mitbekommen, was Handwerk bedeutet.“ Zudem habe sie zu Hause immer mit angefasst, wenn es etwas zu tun gab: „Meine Eltern haben unser Haus mehr oder weniger selbst gebaut, und auch später haben sie fast nie Handwerker kommen lassen, sondern alles selbst gemacht – das prägt“, sagt Janson. Genauso wie das Waldstück, das im Besitz der Familie ist. „Da lernten wir, Holz zu hacken.“ Später übernahm Jule Jansons Mutter die Baufirma – und nun treten sowohl die 23-Jährige als auch ihre Schwester, die als Bauleiterin arbeitet, in die familiären Fußstapfen.

Eine Familie von Vorreiterinnen. Jule Janson verzieht ein wenig das Gesicht: „Natürlich möchte ich Vorbild sein, ich finde aber gleichzeitig, dass es keine so große Rolle spielen sollte, dass ich eine Frau bin.“ Ihr Kollege Jonas Hopf etwa habe wesentlich weniger Presseanfragen nach den World Skills bekommen als sie. Sie findet es schade, dass dieses klischeehafte Frauenbild noch so stark in den Köpfen der Menschen zementiert ist.

Beton steht in der Kritik

Apropos Zement: Der Baustoff Beton steht massiv in der Kritik, weil die CO2-Emissionen sehr hoch sind. Dies liegt wesentlich am Zement, der für die Betonanmischung nötig ist. Knapp zehn Prozent des vom Menschen freigesetzten Kohlendioxids stammen aus der Betonproduktion – fast dreimal so viel, wie der gesamte Flugverkehr in die Luft bläst. Jule Janson sieht das recht pragmatisch: „Da ich den Beton ja nur verarbeite, ist es eigentlich Sache der Hersteller oder der Zementindustrie, den Beton klimafreundlicher herzustellen.“ Tatsächlich laufen derzeit vielversprechende Versuche, einen völlig neuen, CO2-neutralen Beton zu entwickeln. Vielleicht gibt es also künftig nicht nur graue Betonwüsten oder graues Gold, sondern gar grünen Beton.

Wie wird man Beton- und Stahlbetonbauer oder -bauerin?

Tätigkeitsfeld
Beton- und Stahlbetonbauer arbeiten auf unterschiedlichen Baustellen, um neue Gebäude zu bauen und bestehende Gebäude instandzusetzen oder zu modernisieren. Sie arbeiten zum Beispiel im Wohnungsbau, im Industrie- oder Brückenbau.

Zugangsvoraussetzung
 Grundsätzlich ist keine bestimmte Vorbildung für den Lehrbeginn vorgeschrieben. Die meisten Betriebe erwarten aber einen Hauptschulabschluss oder auch Fachoberschulreife. Man sollte darüber hinaus gesundheitlich fit und möglichst schwindelfrei sein, technisches Verständnis und handwerkliches Geschick besitzen. Nicht geeignet ist die Ausbildung bei Empfindlichkeit oder Allergien gegenüber Staub oder chemischen Stoffen.

Verdienst
Als Beton- und Stahlbetonbauer kann man ein Durchschnittsgehalt von 38 000 Euro im Jahr erwarten. Die Gehaltsspanne als Beton- und Stahlbetonbauer liegt zwischen 31 700 Euro und 43 600 Euro.