Es war eine rauschende Ballnacht. Damals, im Juli 2016. Als Joshua Kimmich nach der Fußball-Europameisterschaft in seiner Heimat, in Bösingen, empfangen wurde. Mittlerweile, eine EM später, hat der Bösinger Fußballstar mehr als 50 Länderspiele in seiner Vita stehen. Voller Ehrgeiz, wie ihn der Fan kennt und schätzt, geht er in sein viertes Turnier mit der A-Nationalmannschaft. Sein Ziel lautet: den Titel holen. Foto: Hölsch

Es klingt etwas plötzlich: Fußball-Europameisterschaft. Ein Turnier, das am Freitag startet. Das erste Spiel der deutschen Nationalmannschaft ist am Dienstag angesetzt. Keine Frage, bald ballen sich Diskussionen und Fachsimpeleien. Da ja fast in jedem der 80 Millionen Bundesbürger ein Bundestrainer steckt, können sich diese aus der Raumschaft Rottweil hier zu Wort melden.

Rottweil/Bösingen - Nun, ja, also Jogi Löw. Immer noch. Trotz des einzigartigen WM-Desasters in Russland 2018 – vor den K.o.-Spielen wurde bisher noch nicht einmal das größte Graupenteam der deutschen Fußball-Historie zum Zuschauen verdammt. Trotz des doch sehr merkwürdigen Neuanfangs etwa acht Monate später, der mit der Ausbootung dreier Stützen der Mannschaft einen mehr als unglücklichen Anfang nahm. Und trotz des 0:6-Siechtums in Spanien vor etwa acht Monaten, das seinen Vorläufer – wenn es denn überhaupt einen gab – 1931 zu suchen ist: gegen Österreichs Wunderteam um Verbandskapitän Hugo Meisl.

Jogi Löw. Einer muss ja nominell Bundestrainer sein. Dabei gibt es doch gefühlt 80 Millionen in Deutschland, die mit der nötigen Fußball-Kompetenz gesegnet sind und gerade jetzt zu großer Form auflaufen, wenn ein großes Turnier ansteht. Und sei es eine dieser aufgeblähten Europameisterschaften mit 24 Nationen bei nur unwesentlich mehr als doppelt so vielen Verbänden auf dem alten Kontinent. Inklusive Gibraltar.

Bodenständig, familiär, ungefiltert

Bevor das Leder rollt, nähern wir uns einem Phänomen aus der Region: Joshua Kimmich aus Bösingen.

Ein junger, zielstrebiger Mann, der sich im Grunde seit seinem ersten Auftritt im Rampenlicht nicht verändert hat. 2014 war’s. Europamei­sterschaft der U 19. Vor und kurz nach dem Endspiel in Ungarn, das Deutschland 1:0 gegen Portugal gewann. Mit Joshua Kimmich auf der Sechs in Budapest. Und mit Joshua Kimmich im Familienkreis beim Kaffeetrinken in Bösingen.

Bodenständig, familiär, ungefiltert. Locker, aber auch fokussiert (wie es so schön in Fachkreisen heißt). Während er seiner Mutter erklärt, dass nun mal nicht nur ein Trikot bei so einem Spiel durchgeschwitzt wird, spricht er fast im selben Atemzug über seine Vorbilder. Über Bastian Schweinsteiger. Xavi. Vielleicht auch Xabi Alonso. Über deren Art, das Spiel zu lesen und zu gestalten. Über ihre Fähigkeiten. Und darüber, dass er genau dies anstrebt. Über das Vorangehen in großen Spielen. Und über den Ärger. Auf sich selbst. Wenn er verliert. Sei es ein Spiel, einen (wichtigen) Zweikampf oder ein (unwichtiges) Trainingsspielchen.

Er könnte einer der Stars dieser EM werden

Mittlerweile, knapp sieben Jahre später, hat er im Vereinsfußball mit dem FC Bayern München bereits sehr viel gewonnen. Doch im Grunde ist er der geblieben, der einst in jüngeren Jahren mit Kumpels Bösinger Bolzplätze unsicher gemacht hat. So der Eindruck nach dem jüngsten, etwa einstündigen Beitrag im ZDF-Sportstudio. Wenn alles gut geht (und er im defensiven Mittelfeld auf seiner Sechs die Fäden ziehen kann), wird Jo Kimmich einer der Stars dieser EM. Wenn er sich in den Dienst des Teams stellt und auf rechts spielt, freut es die Mannschaft und den echten Jogi sowieso.

Leseraktion: Jeder ist Jogi

Fußball-Europameisterschaft: Es bietet es sich an, Stimmen der Experten zu hören. Die Stimme unserer Leser, die nebenbei Bundestrainer sind. Wie sehen Sie den derzeitigen Zustand der deutschen Nationalelf? Wie bewerten Sie die Konkurrenz? Wer ist für Sie Favorit? Und warum? Wer wird der sympathische Außenseiter? Also Nachfolger von Island 2016, Griechenland 2004 oder Dänemark 1992. Mit welcher Taktik würden Sie die "Mannschaft" spielen lassen? Wer wird Spieler des Turniers? Wer ein Verlierer? Fragen über Fragen, von denen es noch viele, viele mehr gibt. Und pro Thema auf maximal 50 Zeitungszeilen beantwortet werden wollen. Zu senden an: redaktionrottweil@schwarzwaelder-bote.de

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: