Erika Stucky, hier bei einem Auftritt im Theaterhaus bei den Jazztagen im April 2022 Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Seit mehr als zehn Jahren inszeniert die US-amerikanisch-schweizerische Jazzsängerin Erika Stucky an Neujahr im Theaterhaus in Stuttgart eine Musik-Performance – diesmal unter anderem mit einer Gletscherbegehung.

Ein Zischen mischt Erika Stucky in jeden s-Laut, während sie mit den Händen Schlangenköpfe formt und das Publikum mit ihrer Stimme umgarnt, umschmeichelt, umschlingt. „Trust in Me“ heißt der Song, den die Sherman-Brothers der Hypnose-begabten Würgeschlange Kaa in Disneys „Dschungelbuch“-Trickfilm auf den Leib geschrieben haben.

 

Er ist ein Paradestück, in dem sie gleich zu Beginn ihres traditionellen Neujahrsauftritts im Theaterhaus zeigt, dass sie als Vokalartistin praktisch alles kann. Ihre Programme sind Musikperformances, geprägt von einer spannungsreichen Doppelherzigkeit: Stucky ist sowohl Amerikanerin als auch Schweizerin mit Wurzeln im Wallis. Diesmal trägt sie eine Felljacke zum kurzen Kleidchen, grüne Stiefel, eine rote Brille und eine eigenwillige Krone. Befreundete Künstler hätten ihr die gemacht, sagt sie – „aus Dachsknochen, weil ich wie ein Dachs immer geradewegs überall durchrase“. Ein Raunen geht durch den nahezu ausverkauften Saal, und die Dadaismus-begabte Künstlerin ergänzt: „Ich weiß.“

Eine Krone aus Dachsknochen

Stucky nimmt alle mit auf eine musikalische Traumwandelei auf dem Aletschgletscher. In hartem Walliser Schwyzerdütsch erzählt sie von Sünde, Tabus und zur Strafe im Eis eingefrorenen Frauen. Stuckys Begleitmusiker Julien Annoni und Serge Vuille spielen dazu Marimba und Vibrafon, die sie ebenso gut beherrschen wie singende Wassergläser und Sägen – sie agieren extrem minimalistisch und mit einem hervorragenden Gespür fürs Wesentliche.

Jede Silbe und jeder Ton sitzen

Danach folgen amerikanische Standards, wie man sie noch nicht gehört hat. In „Tea for Two“ sitzen jede Silbe und jeder Ton perfekt, auch wenn Stucky humoristisch-satirisch kiekst, trillert oder röhrt. Bei „Cheek to Cheek“ lässt Serge eine Geige kreiseln, die zufällig gegen den Bogen schlägt, den Julien hält – das genügt der Vokalistin als Begleitung. „Ev’ry Time We Say Goodbye“ schmückt sie mit einem gesungen Trompetensolo, natürlich mit Dämpfer.

Zum Abschluss: ein perfekter Jodler

Immer wieder greift Stucky zum Miniakkordeon, etwa wenn sie ein Barockstück von Henry Purcell intoniert. Oder sie dreht am digitalen Bandecho, bis die Stimmschleifen munter wabern, wie bei „A Horse with no Name“. Die sarkastische Geschichte dazu hat sie bereits in der Gletscher-Einleitung erzählt: Früher sei dort schon mal eine Wüste gewesen, das ändere sich eben alle paar Millionen Jahre.

Erika Stucky grinst dann gewinnend, damit das Lachen nicht im Halse stecken bleibt. Man muss diese US-Schweizerin einfach mögen mit ihrer wunderbaren Stimme, ihrer koketten Anmut. Sie malt magische Gesten in den Raum, beschwörend und mondän, und sie lenkt den Blick bewusst auf ihr Schattenspiel, das eine simple Lichtquelle auf die trashige Diashow im Bühnenhintergrund wirft.

Zum Abschluss bringt Stucky eine herrliche Jodelnummer, die für eine Persiflage viel zu perfekt ist. Und präsentiert ihren neuesten Merchandising-Artikel: eine grüne Schürze, selbst bedruckt mit der Aufschrift „Stucky con Carne“. Das Publikum liegt ihr zu Füßen. „Ich komm wieder – I love Stuttgart!“, ruft sie.

Man darf schon jetzt gespannt sein, womit sie in einem Jahr aufwartet.