Das Kürzel MPS steht für Musik Produktion Schwarzwald und ist bis weit in die Welt hinaus bekannt – etwa in den USA und in Japan. Denn dorthin verkaufte das Label MPS unzählige Jazz-Schallplatten. Das zugehörige Studio steht mitten in Villingen und wurde 2021 vom Landesdenkmalamt Baden Württemberg als Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung eingestuft.
Villingen-Schwenningen - Musiker, die dort aufnahmen, vor allem in den Jahren 1961 bis 1982, schwelgten stets von generösen Aufenthalten im Schwarzwald. Hans Georg Brunner-Schwer, Chef der Schwarzwälder Apparate-Bau-Anstalt (Saba) betrieb sein Tonstudio mit Akribie, war ständig auf der Suche nach dem perfekten Sound und ein Gastgeber, bei dem man sich wohlfühlen sollte. Ein Schwarzwälder Tüftler und ein "symbadischer" Gastgeber. So beschreibt ihn uns Friedhelm Schulz, Leiter des Fördervereins MPS-Studio, der das Gebäude und sein Innenleben heute für die Nachwelt erhält. Friedhelm Schulz gewährte dem Waldrausch-Magazin einen Einblick in ein ganz besonderes Stück Schwarzwälder Geschichte.
Ein paar bespielte Bänder
Das MPS-Studio, so beginnt Friedhelm Schulz die Geschichte, war zunächst schlicht eine Begleiterscheinung der Tonbandgerät-Produktion der in Villingen ansässigen Unterhaltungselektronik-Firma Saba in den 1950er-Jahren. Denn zunächst benötigte man bei Saba einfach nur ein paar bespielte Bänder für Vorführzwecke. Da die Lizenzen für zu kaufende Musik teuer waren, sah man sich bei Saba gezwungen, selbst Musikbeispiele aufnehmen. Dies geschah ab Ende der 1950er-Jahre. Regionale Musiker, die meist Akkordeon oder Blasinstrumente spielten, wurden hier aufgenommen. Hans Georg Brunner-Schwer hatte Gefallen an der Aufnahmetechnik gefunden und im wahrsten Sinne aus der Not eine Tugend gemacht: Schnell sprach sich herum, dass da einer in Villingen ist, der gute Aufnahmen macht. Neben volkstümlicher Musik gesellte sich auch nach und nach etwas Schlager in den Katalog dieser ursprünglichen Demo-Aufnahmen.
Leben, arbeiten, aufnehmen
Kurioserweise fand die Vervielfältigung der Bänder noch im Haus statt, und zwar ein Stockwerk tiefer im Erdgeschoss desselben Gebäudeteils, in dem sich bis 1945 die Saba-Werkskantine befand. Auch die Familie Brunner-Schwer selbst lebte in der Nachkriegszeit einige Jahre in diesem Gebäude, da die Villen der Fabrikantenfamilie im Jahr 1945 von den französischen Besatzungstruppen beschlagnahmt worden waren. Die Gemäuer der heute denkmalgeschützten Räumlichkeiten haben also viele verschiedene Phasen durchlebt. Nachdem die Saba-Werke am 11. August 2021 abgerissen worden waren, blieb das MPS-Studio bis heute ein besonders geschichtsrelevanter Ort.
Kopie geht von der Hand
Bezeichnend, wie damals noch gearbeitet wurde: Die Vervielfältigung der Bänder geschah in Echtzeit – jedes einzelne Band wurde von Mitarbeitern händisch im Erdgeschoss kopiert. Im Obergeschoss, welches heute in einem fabelhaften Originalzustand erhalten ist, fanden hingegen nach und nach immer raffiniertere Aufnahme-Experimente statt. Denn wie die Schwarzwälder so sind: Wenn sie etwas gefunden haben, mit dem sie sich in den langen und kalten Wintern beschäftigen können, dann lieben sie es, hierbei in die Tiefe zu gehen. Nicht umsonst entstammen dem Schwarzwald so viele ausgeklügelte Tüfteleien – von den Zahnradgetrieben der Kuckucksuhren über die gesuchten Schallplattenspieler von Dual oder Perpetuum Ebner bis hin zur Feinmechanik der heutigen Maschinenbauindustrie.
Warum MPS?
Die Geschichte von MPS lässt sich nicht von der Geschichte Sabas lösen. Die hohe Fertigungsqualität von Saba legte die Messlatte hoch. Der Familienbetrieb Saba bestand von 1919 bis 1986 und fertigte in dieser Zeit zahlreiche verschiedene Geräte von Uhren über Radios, Fernsehgeräte sowie kurzzeitig sogar Kühlschränke bis hin zu hoch angesehenen Hifi-Musikanlagen und Tonbandgeräten. Eine der größten Herausforderungen für die Firma war das Farbfernsehen – Saba stieg erst sehr spät, nämlich 1968, in deren Produktion ein und benötigte zur Realisierung einen Partner aus Übersee. Hierzu bandelte Saba mit GTE an – diese US-Firma unterhielt in Belgien eine Produktion von Farbbildröhren. Ausgerechnet die Musiksparte Sabas aber passte den Amerikanern, die 1968 offiziell die Mehrheit an Saba übernahmen, gar nicht.
Paradies für Sammler
Deshalb musste diese vollständig ausgelagert werden und firmierte von nun an unter dem Namen MPS – auch räumlich wurde diese Sparte nun komplett von Saba getrennt. Alle Saba-Aufnahmen wurden somit ab 1968 unter dem Label MPS veröffentlicht. Die Beschäftigung mit Vinylschallplatten der Labels Saba und MPS sind für Sammler ein Eldorado. So bestehen hier etwa solche besonderen Umstände, dass die legendären ersten Aufnahmen von Oscar Peterson, die bereits im Jahr 1963 erstellt wurden, erst im Jahr 1968 unter dem Label MPS veröffentlicht wurden, da Peterson zuvor bei einem anderen Label unter Vertrag war. Natürlich wurden auch zahlreiche Aufnahmen, die zwischen 1961 und 1968 bereits unter Saba erschienen waren, ab 1968 noch einmal unter dem Label MPS veröffentlicht. Sollte einem aber jemand Aufnahmen von Oscar-Peterson, dem prominentesten und begehrtesten Jazz-Künstler des MPS-Labels, auf einem Saba-Tonträger anbieten, wäre das ein äußerst begehrenswertes Sammlerstück. Hier bietet sich eine höchst spannende Fundgrube für Sammler, (Hobby-)Archivare und Spekulanten.
Ja richtig: Spekulanten, denn manche Vinylschallplatten entwickeln durch Wiederverkäufe regelrechte Börsenwerte, die etwa in der Plattform www.discogs.com wie eine Aktie eingesehen werden können. Preise von mehreren Hundert Euro für eine Schallplatte sind da keine Seltenheit.
Black Forest goes international
Als "Paukenschlag" bezeichnet Friedhelm Schulz heute den Start von MPS. Denn Oscar Peterson, der zeitlebens mit Hans Georg Brunner-Schwer befreundet war, wohnte der Einweihung des MPS-Labels persönlich bei. Dies und die Tatsache, dass MPS das erste Jazz-, wenn nicht gar Spartenlabel in Deutschland war, verschafften MPS auf Anhieb Gehör in der Szene. Dutzende namhafte Künstler aus Europa und darüber hinaus hatte MPS zur Markteinführung unter Vertrag – der erste Katalog fasste bereits mehr als 30 Seiten.
Duke bis Ella
Die Nachkriegsgeneration des Jazz in Deutschland und Europa machte in Villingen nicht nur halt, sondern begründete teils auch ihre Karriere bei MPS. So listete der Label-Katalog neben Eugen Cicero, Wolfgang Dauner, Friedrich Gulda, Ewald Heidepriem, Peter Herbolzheimer, Hans Koller, Volker Kriegel oder den Mangelsdorff-Brüdern auch internationale Größen auf wie Monty Alexander, Count Basie, George Duke, Duke Ellington, Ella Fitzgerald, Dexter Gordon, Jan Hammer, Lionel Hampton, Freddie Hubbard, Dave Pike, Baden Powell, Sun Ra, Archie Shepp oder Attila Zoller. Die Singers Unlimited etwa schufen auch durch das sogenannte Overdubbing, also das Übereinanderlegen verschiedener Spuren mehrerer Gesangsspuren, völlig neue Jazz-Klänge.
"Brigach meets Ganges"
Zahlreiche Stücke sind den Aufenthalten im Schwarzwald gewidmet. Gerade die von Joachim Ernst Berendt initiierte Reihe "Jazz Meets the World" verband zeitgenössische europäische Jazz-Musiker des Westens mit Künstlern aus exotischen Ländern wie Brasilien, Indonesien, Japan und Indien. Bei Letztgenanntem etwa gab es ein Stück "Brigach meets Ganges", wie Friedhelm Schulz schmunzelnd erwähnt. Vereinbarungen mit dem Montreux Jazz-Festival zur zweiten Hälfte der Siebziger Jahre sowie dem Jazz Fest in Berlin machten möglich, dass dort entstandene Mitschnitte bei MPS in Villingen abgemischt, gemastert und veröffentlicht wurden, etwa die berühmte Aufnahme des Monty Alexander Trios in Montreux. Auch entstanden Neupressungen von MPS-Schallplatten in Vinyl-Werken in USA, Brasilien, Japan. Bis zur Veräußerung des Labels Im Jahr 1982 wurden mehr als 500 Alben veröffentlicht. Hierbei reichte die Bandbreite von Jazz über Klassik bis hin zu Unterhaltungsmusik.
Bösendorfer Gigant
Friedrich Gulda ist es zu verdanken, dass das MPS-Studio seit den späten Siebziger Jahren ein ganz besonderes Instrument dauerhaft beherbergt. Die Rede ist von einem Bösendorfer Grand Imperial, dem größten Flügel, den die Firma im Angebot hat. Als erster Flügel seiner Art um das Jahr 1900 konzipiert, bietet das Instrument einen Tonumfang von acht ganzen Oktaven. "Der Bösendorfer könnte den Raum auch gar nicht mehr so ohne Weiteres verlassen – allein für die Lieferung damals mussten Teile des Treppenhauses demontiert werden", erzählt Friedhelm Schulz. Friedrich Gulda war nicht nur bei MPS, sondern auch bei Bösendorfer unter Vertrag, und so war es seinerzeit selbstverständlich, dass er seine Musik auf einem solchen Instrument einspielte. "Auch wenn die zusätzlichen Töne nicht angespielt werden, so werden sie doch indirekt beim Spiel in Schwingung versetzt und projizieren zusammen mit dem enorm großen Resonanzboden einen orchestralen Klang, der seinesgleichen sucht" – so beschreibt das Instrument die Wiener Firma Bösendorfer, die seit 1828 besteht und heute zu Yamaha-Corporation gehört. Wiederum direkt von einem Künstler kommt die Hammond-B3-Orgel samt dazugehörigem Leslie-Lautsprecher. Und zwar von Dieter Reith persönlich. In unzähligen Kooperationen – etwa mit Peter Herbolzheimer und auch als jahrzehntelanger Leiter der SWR-Big-Band – war Dieter Reith Wegbereiter für die deutsche Fernseh-Unterhaltungsbranche. 2020 starb Dieter Reith – und die Orgel wurde aus dem Nachlass erworben.
Ausgetüftelter Klang
Hans Georg Brunner-Schwer war ein Klangtüftler. Er mischte die Alben anders ab, als man es heute tut. Und noch viel wichtiger: Er zeichnete die Musik anders auf als zu seiner Zeit üblich. Sein Ansatz war es, die Konzertsituation so authentisch und räumlich wie möglich abzubilden. Der möglichst fette oder effektgetränkte Sound, wie man ihn heute aus Pop- oder Radioproduktionen kennt, unterscheidet sich merklich von der Klangvorstellung, die Hans Georg Brunner-Schwer im Kopf hatte, Jahr für Jahr weiter verwirklichte und optimierte. Bei MPS ging es um Dynamik und die volle Ausschöpfung des Stereo-Klangspektrums. Wenn ein Pianist links im Raum saß und der Schlagzeuger rechts gegenüber, dann wurde das auch auf Platte so wiedergegeben. Hans Georg Brunner-Schwer pflegte einen intensiven Erfahrungsaustausch mit dem Mikrofon-Hersteller Neumann in Berlin, um neue Geräte auszutesten und deren Sounds weiterzuentwickeln. Die Ausstattung habe sich stets "auf dem Niveau der Rundfunkstudios" dieser Zeit bewegt, wobei man bei MPS "gleichzeitig durch Eigenbau und Sonderlösungen aber flexibler auf Wünsche der Musiker eingehen konnte" – so hält das Amt für Denkmalschutz im Regierungspräsidium Freiburg fest. Im Vergleich zu amerikanischen Studios jener Tage habe MPS sowohl durch die Zeit und die Sorgfalt, die Hans Georg Brunner-Schwer in die Aufnahmesessions investierte, als auch in Bezug auf die technische Ausstattung des Studios deutlich "die Nase vorn gehabt". So schildert es Friedhelm Schulz.
Augen und Lämpchen leuchten
Spätestens im Jahr 1961 war das MPS-Studio in betriebsfertigem Zustand. Zunächst wurde über 8-Spur-Röhrenmischpulte aufgenommen. In seinen heutigen Zustand wurde das Studio hauptsächlich im Jahr 1971 versetzt. Und dieser Vibe ist an allen Ecken und Enden des Studios zu spüren und zu hören. Herzstück des Studios ist die im Jahr 1971 in Eigenregie gebaute 24-Kanal-Mischpult-Konsole, die eine 24-Spur-Ampex-Bandmaschine sowie bei Bedarf mehrere Telefunken M15A-Viertelzoll-Zweispur-Bandmaschinen speist. Neben einer erstklassigen Sammlung von Neumann-Mikrofonen bietet das Studio auch heute noch gesuchte Mikrofonvorverstärker, Kompressoren, Limiter und Expander von Marken wie EMT, Kepex, Siemens oder Telefunken. Nicht nur die Kontroll-Lämpchen an den mehr als 50 Jahre alten Geräten, sondern auch die Augen der Zuhörer leuchten auf, wenn Friedhelm Schulz einige der zahlreichen bisher unveröffentlichten Aufnahmebänder auflegt. Für die Waldrausch-Redaktion wurde ein besonderes Stück von Baden Powell herausgesucht, das bisher noch nirgends veröffentlicht wurde.
Der Mythos MPS
Was machte die Aufnahmen so besonders? Warum waren die hier entstandenen Alben nicht nur technisch brilliant, sondern auch atmosphärisch oder besser gesagt menschlich so gelungen? Nicht nur, dass einige Produktionen in privater Atmosphäre im Wohnzimmer der Villa des Labelgründers entstanden, auch dass Hans Georg Brunner-Schwer stets mit voller Aufmerksamkeit, Großzügigkeit und Herzlichkeit auf seine Musiker zuging, hatte großen Anteil an der besonderen Atmosphäre der MPS-Aufnahmen, ist sich Friedhelm Schulz heute sicher. Wenn die gemütliche kleine Steh-Bar am Eingang der Studios sprechen könnte, sie hätte bestimmt von vielen geselligen Abenden und spannenden Gesprächen unter Musikern zu berichten. Friedhelm Schulz zitiert auch gerne Musiker, die er persönlich kennenlernte, und die bis heute von ihren Aufnahmen bei MPS schwärmen. Manfred Schoof, landläufig bekannt für die Titelmelodie von der "Sendung mit der Maus", kehrte im Jahr 1965 bei MPS ein – zu einer Zeit, in der Musiker geradezu gesegnet waren, wenn sie eine warme Mahlzeit und eine Unterkunft für einen Auftritt bekamen. "Es herrschten für uns Musiker Arbeitsbedingungen wie im Bergbau", soll Schoof diese Ära charakterisiert haben. Bei MPS hingegen war damals bereits ein zünftiges badisches Essen selbstverständlich – genauso wie ein Honorar und eine ordentliche Hotelübernachtung für die Musiker. Gespielt wurde ausgeruht und in entspannter Atmosphäre. Die Ergebnisse dieser Studio-Aufenthalte sprechen für sich.
"Jazzin‘ The Black Forest"
Aktuell hat die Edel AG die Rechte am MPS-Katalog und bietet auch wieder Veröffentlichungen von den alten MPS-Originalen an. Auch finden Aufnahmen statt – wie etwa mit dem Julia Kadel Trio im Jahr 2019. Und auch internationale Künstler wie Malia oder Malakoff Kowalskim, China Moses und Gilles Peterson veröffentlichen auf dem MPS-Label ihre Alben. Im MPS-Studio werden nach wie vor erstklassige Tonaufnahmen gemacht – mit dem gepflegten analogen Equipment von damals.
In Villingen organisiert der Förderverein MPS-Studio in Kooperation mit dem Jazzclub Villingen sowie der Stadt Villingen-Schwenningen und dem Land Baden-Württemberg auch während der Corona-Pandemie seine Sommer-Konzerte auf der Wiese hinter dem Studio in der Richthofenstraße. Die Reihe "Jazzin‘ The Black Forest" startete im Jahr 2018 und bietet ein buntes und hochkarätiges Programm. Weitere Informationen und der Kontakt zum MPS-Studio gibt es über die Internetseite www.mps-villingen.de. Der MPS-Förderverein freut sich über fachkundige (nicht nur Sound-)Tüftler, die helfen, die technische Ausstattung instand zu halten.
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