Jan Böhmermann am Samstagabend in Stuttgart Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Ein politischer Liederabend, der sich als Hip-Hop-, Pop- und Schlagerparade verkleidet hat: Jan Böhmermann ist mit dem Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld vor 6000 Besuchern in der Stuttgarter Porsche-Arena aufgetreten.

Jan Böhmermann singt, Jan Böhmermann tanzt, Jan Böhmermann spielt den Schlagerfuzzi, den Gangsterrapper, erzählt Geschichten von Polizisten, Paketboten und Promipartys und hat mit dem Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld viel Spaß auf der Bühne. Am Samstagabend hat der 41-Jährige, bekannt vor allem als Moderator der Late-Night-Satire-Show „ZDF Magazin Royale“, ein Konzert in der ausverkauften Stuttgarter Porsche-Arena gegeben.

 

„Ischgl-Fieber“ und „Style & das Geld“

„Willkommen, ihr süßen Mäuse, im Gudrun-Ensslin-Dom“, sagt der TV-Star, der zur Abwechslung mal den Popstar spielt, zur Begrüßung. 6000 Zuschauerinnen und Zuschauern sehen eine Liveshow, die ein politischer Liederabend ist, der sich hinter einer funkelnden und glitzernden Revue aus Hip-Hop, Schlager, Rock und Pop versteckt. Nachdem das Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld mit der Erkennungsmelodie aus „Raumpatrouille Orion“ den Abend eröffnet hat, verwandelt sich Böhmermann beim letzten Abend der Tournee zunächst in eine Andreas-Gabalier-Parodie und macht sich in „Ischgl-Fieber“ über Après-Ski-Partys in Zeiten von Corona lustig. Später entlarvt er die Dumpfheit der Rapnummer „Style & das Geld“ von Kay One und Bushido, indem er daraus einen swingenden Schlager macht, er singt über Medienanwälte („Hallo, Herr Scherzanwalt“) über Musikmanager („Micha“), über Partys mit Rechtsradikalen („Licht an! Licht an!“), immer wieder über die Polizei („Rainer Wendt“, „Die Polizei ist nicht im Internet“, „Ich hab Polizei“), ist böse, witzig und wie immer sehr schlau.

Stimmungshits und Arbeiterlieder

Der Abend ist eine kunterbunte musikalische Revue voller fieser Parodien und Satiren, bei denen Stimmungshits auf Arbeiterlieder, Dancetracks auf Akustikballaden treffen. Das Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld eignet sich souverän jeden Stil an, spielt zum Tourfinale besonders entfesselt. Zwischen den Musikerinnen und Musikern wirkt Böhmermann allerdings immer wieder einmal etwas verloren. Ein großartiger TV-Entertainer zu sein heißt nicht unbedingt, dass man auch die Bühnenpräsenz hat, die eine große, spektakuläre Konzertshow tragen kann.

Die Stadt Rommels und Filbingers

Es gibt beim Auftritt in Stuttgart zwar einige tolle musikalische Momente, aber weil Böhmermann-Fans all die Songsatiren, die er im Programm hat, schon aus seiner TV-Show kennen, ist der Abend zwischen den Liedern meistens am interessantesten. Bevor er den Antikriegssong „Meinst du, die Russen wollen Krieg?“ spielt, der aus dem Jahr 1961 stammt und jetzt durch Russlands Angriff auf die Ukraine eine erschütternde Aktualität hat, fordert Böhmermann klare Reaktionen vom Publikum: „Kann Stuttgart auch mal wütend werden?“, fragt er: „Geht das überhaupt in der Stadt Rommels und Filbingers?“

Zwar werden alle enttäuscht, die darauf gehofft haben, dass er in Stuttgart wie in Bochum einen Stargast auf die Bühne holt – dort sang er zusammen mit Herbert Grönemeyer „Männer“. Und er führt auch seine Abrechnung mit den Waldorfschulen, die vor allem in Stuttgart Aufregung ausgelöst hatte, nicht weiter fort. Aber Stuttgart bietet ihm darüber hinaus genug Anlass für Häme.

Stuttgart 21, E-Scooter und Klimaterroristen

Natürlich ist da auch Platz für Stuttgart 21. Böhmermann erinnert sich daran, wie er vor acht Jahren in der Stadt war und auf dem Schlossplatz eine Anti-Stuttgart-21-Demo mit Walter Sittler stattfand und es damals tatsächlich Menschen gab, die glaubten, dass das Bauprojekt 2021 fertig werden würde. „Ich bin heute durch das zerrissene Herz eurer Stadt gelaufen“, erzählt er am Samstagabend. Er sei morgens mit dem Zug angekommen und der Fußweg raus aus dem Bahnhof hätte über Vaihingen geführt.

Bei einem Ausflug mit dem E-Scooter nach Degerloch habe er dann festgestellt, „dass sich „Stuttgart topografisch für Elektroroller überhaupt nicht eignet“. Nach dem Besuch auf dem Dornhaldenfriedhof fragt er sich, ob es wohl neben der Gräbern von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe noch Platz gäbe für heutige „Klimaterroristen“ wie Greta Thunberg oder Luisa Neubauer, die ja unverschämterweise wollten, „dass die Welt gerettet wird“. Er beschwert sich über das Radwegenetz in Stuttgart („Nur in Bochum ist es noch schlechter!“). Und er freut sich darüber, dass der Querdenker-Chef Michael Ballweg jetzt derjenige ist, der in Stammheim im Gefängnis sitzt.

Der „Playboy“-Mann des Jahres

Jan Böhmermann wurde zwar mehrfach mit dem Grimme-Preis und dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. Stolz sei er aber nur darauf, behauptet er in Stuttgart, dass ihn der „Playboy“ im Dezember 2022 zum „Mann des Jahres“ gekürt hat: „Ich bin eigentlich ein sehr bescheidener und zurückhaltender Mensch“, sagt er dazu, „obwohl ich das gar nicht nötig habe.“