Am 1. Dezember ist Welt-Aids-Tag. Wird es eines Tages eine Impfung gegen HIV geben – und welchen Einfluss hat die Coronapandemie auf die Bekämpfung von Aids? Der Infektiologe Bernd Salzberger gibt Antworten.
Zum Welt-Aids-Tag am 1. Dezember beklagt das Anti-Aids-Programm der Vereinten Nationen (UNAIDS) fehlende Fortschritte bei der Bekämpfung der Immunschwächekrankheit. Dabei haben Infizierte bei frühzeitiger Behandlung eine nahezu normale Lebenserwartung, wie Bernd Salzberger vom Universitätsklinikum Regensburg im Interview erklärt.
Herr Salzberger, was ist der größte Unterschied zwischen dem HI-Virus und dem Coronavirus Sars-CoV-2?
HIV ist ein Retrovirus. Es baut Teile seiner Erbinformation in das Erbgut wichtiger Immunzellen ein und zerstört so allmählich das Immunsystem. Das Heimtückische ist, dass dieser Prozess viele Jahre dauern kann. Eine Corona-Infektion dauert wenige Wochen, aber dann ist sie vorüber, wenn man von den relativ seltenen Langzeitfolgen absieht.
Ist ein Problem auch die hohe Mutationsrate von HI-Viren?
Richtig. HIV verändert sich viel schneller als Sars-CoV2. Die Mutationsrate ist vielleicht 10- oder 20-mal höher. Zudem gibt es viele verschiede Virustypen, die sich wiederum untereinander vermischt haben. Dagegen eine gute Immunabwehr hinzubekommen ist viel schwieriger als bei Corona. Auch Antikörper, wie sie teilweise mit Erfolg in der Covid-Behandlung eingesetzt werden, verlieren bei HIV schnell ihre Wirkung. Und während eine Corona-Infektion den Schutz vor einer neuerlichen Ansteckung verbessert, ist das bei HIV nicht der Fall. Eine natürliche Durchseuchung ist bei diesem Virus definitiv keine Option.
Könnte es trotz dieser Probleme eines Tages eine wirksame Impfung geben?
Ganz aufgeben würde ich die Hoffnung nicht. Wir haben mittlerweile eine ganze Reihe neuer Technologien, die nicht zuletzt durch Corona befördert worden sind – etwa die mRNA-Impfstoffe. Wir sollten daher noch mal genau hinschauen, was wir mit Blick auf mögliche HIV-Impfstoffe besser machen können. Aber die Hürden sind hoch. Ich glaube nicht, dass es rasch gelingen wird, die HIV-Pandemie auf diese Weise komplett zu beenden.
Im Mittelpunkt steht also neben der Prävention weiterhin die Behandlung mit antiviralen Medikamenten. Sind da größere Fortschritte zu erwarten?
Das müsste dann ein Wirkstoff sein, bei dem man wirklich sagen könnte, dass die behandelten Menschen komplett virusfrei sind. In dieser Richtung gibt es zwar Fortschritte, aber von der Praxisreife sind wir weit entfernt. Man muss dabei ja auch die Nebenwirkungen im Auge behalten.
Welche Länder bereiten Ihnen bei HIV die größten Sorgen?
In manchen afrikanischen Ländern ist die Situation weiter schlecht – es gibt dort aber auch positive Beispiele wie Botswana. Die größten Probleme sehe ich derzeit in Russland und Teilen Zentralasiens, wo die Infektionen stark zunehmen. Ein wichtiger Faktor ist dabei die Stigmatisierung von Patienten mit HIV-Infektion. So mancher wird dort komisch angeschaut, wenn er in der Apotheke seine Medikamente holt. Auch die Bereitschaft, sich testen zu lassen ist gering, wenn man bei einem positiven Test Ausgrenzung fürchten muss.
Ist die Aids-Bekämpfung durch Corona etwas aus dem Fokus geraten?
In Afrika und anderen ärmeren Regionen hat die Coronabekämpfung viele Ressourcen verschlungen. Dadurch hat sich vielerorts die Behandlung von HIV oder Tuberkulose verschlechtert – einfach weil dafür weniger Zeit, Geld und Personal zur Verfügung standen. Auf der anderen Seite gibt es wie gesagt den Effekt, dass Corona eine Art Booster für die Virenforschung war. Aber das betrifft eben vor allem die Industrieländer.
Wie sieht die derzeitige Lage in Deutschland aus?
Auch wir müssen besser werden. Das 95-95-95-Ziel, das die Weltgesundheitsorganisation für 2030 ausgerufen hat, erfüllt Deutschland nur teilweise. Konkret fordert die WHO, dass 95 Prozent der HIV-Infizierten entdeckt werden und davon 95 Prozent behandelt werden. Und von diesen sollen wiederum 95 Prozent keine nachweisbaren Viren mehr im Blut haben. Bei den letzten beiden Punkten ist Deutschland gut. Aber wir haben immer noch mehr als 10 Prozent unentdeckte HIV-Infektionen. Die USA machen das besser: Da wird zum Beispiel in vielen Notaufnahmen routinemäßig ein HIV-Test angeboten.
Zu Beginn der HIV-Pandemie sind viele Infizierte relativ schnell gestorben. Wo stehen wir heute?
Wer sich in den 80er Jahren infizierte, hatte eine durchschnittliche Lebenserwartung von weniger als zehn Jahren. Heute sind wir in den meisten Industrieländern nicht mehr weit weg von einer normalen Lebenserwartung – vorausgesetzt, die Infektion wird früh erkannt und die Behandlung setzt schnell ein. Aber ein infizierter Mensch, der nicht behandelt wird, kann weiterhin andere anstecken. Das ist insbesondere mit Blick auf die Länder wichtig, in denen Medikamente schwer zugänglich sind.
Was ist Ihre Botschaft zum Welt-Aids-Tag am 1. Dezember?
Wir müssen aufpassen, dass die Bedrohung durch dieses Virus nicht in Vergessenheit gerät. Die Krankheit Aids oder eine HIV-Infektion ist nichts, was irgendwann mal weggehen wird. Das HI-Virus wird die Menschheit wahrscheinlich für immer begleiten.
Infektiologe
Position
Bernd Salzberger leitet den Bereich Infektiologie am Universitätsklinikum Regensburg. Er ist zudem Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie (DGI).
HIV-Experte Mit dem HI-Virus hatte der Mediziner schon früh in seiner Karriere zu tun. Als in den 1980er-Jahren die ersten Fälle von Aids auftraten, arbeitete Salzberger in einer HIV-Ambulanz. „Zehn Jahre meines medizinischen Lebens habe ich mich praktisch nur mit diesem Virus beschäftigt“, erzählt er. Seit Beginn der Coronapandemie vor rund drei Jahren ist Salzberger auch ein gefragter Experte für Sars-Cov2.