Im Sommer konnte Gilmore seine Seminare unter freiem Himmel abhalten – jetzt steigt er auf den digitalen Raum um. Foto: Privat

Gilmore spricht über Dasein als Clown in Corona-Zeiten. Interview mit ehemaligem "Clown und Narr" der Psychiatrie.

Zu David Gilmore kommen Menschen, die mehr vom Leben suchen: Mehr Humor, mehr Leichtigkeit und Spielraum für Veränderungen. Er bietet einen Weg, in allem Ernst die Komik zu sehen. Wie er das macht, warum der Clown in Corona-Zeiten besonders nützlich ist und was es mit der Null-Fähigkeit auf sich hat, erfahren Sie in unserem (SB+)-Artikel.

 

Loßburg - David Gilmore wurde 1949 in Ostlondon als Sohn jüdischer Eltern geboren. Er arbeitete von 1983 bis 1999 als "Clown und Narr" in der Psychiatrie in Freudenstadt. Er wohnt mittlerweile in Loßburg. Als Clown, Regisseur, Buchautor, Theaterpädagoge und Theatertherapeut ist er seitdem im ganzen deutschsprachigen Raum mit Humor unterwegs und hält heute eine Bandbreite von Seminaren ab – von Clownspiel und Regie bis hin zu Visionsseminaren und Coachings.

Herr Gilmore, was ist für Sie ein Clown und was ein Narr und worin liegt dabei der Unterschied?

Ein Clown ist jemand, für den oder für die Lebensfreude, Lebendigkeit und Spiel höchste Priorität haben. Er fühlt sich wohl, wenn Menschen miteinander lachen, einander wertschätzen und sowohl die eigene Komik als auch das Komische im Leben sehen. Für einen Narren ist all das auch wichtig, nur zeichnet ihn die Liebe zur Wahrhaftigkeit aus. Er fühlt sich wohl, wenn Menschen stimmig sind. Deswegen fällt es ihm besonders auf, wenn dies nicht der Fall ist, wenn Menschen das eine sagen und das andere tun. Bei ihm ist oft die Frage: Wer lacht hier überhaupt?

Auf Ihrer Webseite sprechen Sie die sogenannte "Nullfähigkeit" an. Was bedeutet das?

Damit ist umschrieben, was mit "Null" gemeint ist. Ob Lebensfreude oder Wahrhaftigkeit: Es geht um ein Grundbedürfnis von uns allen – Freiraum und Spielraum. Einerseits brauchen wir beide, um uns wirklich unseres Lebens zu freuen, andererseits helfen uns Spiel und Witz wiederum, lachen zu können, falls uns das Lachen vergangen ist. Ich spreche deswegen von "Null", weil sie auf einen Zustand hinweist, in dem wir gelöst sind. In diesem Zustand sind wir, wenn wir lachen. Für einen Augenblick ist uns dann vieles nicht mehr wichtig, was wir sonst so ernst nehmen. Das ist für einen Clown und einen Narren der wahre Grundzustand des Menschen.

Wie kamen Sie zum Clown-Dasein?

Einmal habe ich das, was ich gerade beschrieben habe, selbst gebraucht. Als Kind habe ich früh aus eigener Not danach gesucht, wie ich mich dauerhaft freuen kann und mich lösen kann. In dem Zusammenhang steht mein "Narrensprung" 1972 nach Deutschland (Westberlin), um meinen Humor zu finden. Danach gab es weitere "Sprünge", nach Tübingen, nach San Francisco, nach Freudenstadt und jedes Mal ging es um weitere "Lernsprünge", sowohl für mich persönlich als auch um das Handwerk des Clownspiels und der Improvisation zu erlernen. Gerade in San Francisco konnte ich die ersten Kurse in dieser Richtung, die ich in Deutschland absolvierte, vertiefen.

Ich konnte auch meine persönliche Entwicklung dort weiter führen: Den Kontakt zur Radikale-Psychiatrie-Bewegung unter Claude Steiner, dessen Vertreter ich in Berlin schon bei einem Workshop im Kommunikationszentrum Friedenau ("Kommrum" – dort war ich 1978 Mitbegründer) kennen und schätzen gelernt hatte. Ich habe 1983 Johannes Galli als Clown in Tübingen kennen gelernt und blieb bis 1987 bei ihm. Seit 1983 und auch schon davor habe ich persönliche Entwicklung und Therapie immer mit kreativen Fähigkeiten verbunden, mit der Betonung auf Humor und Komik.

Haben Sie einen bestimmten Stil oder eine bestimmte Vorgehensweise?

Sicherlich hat sich mein Stil aus der Verbindung von Clowntechniken, Tanztheater und der Haltung des Narren sowie von Erkenntnissen und Werkzeugen aus der systemischen Gestalt- und Körpertherapie entwickelt. Ich habe sowohl auf der Bühne mit eigenen Stücken gestanden als auch Menschen in ihrer spielerischen Entwicklung begleitet. Heute liegt die Betonung bei mir eher darauf. So ist mein Stil immer erlebnis- und prozessorientiert. Gleichzeitig vermittle ich Handwerkzeug. Darauf basieren die Ergebnisse, die sich sowohl in Auftritten als auch in persönlichen Lebensschritten münden.

Was ist Ihr persönliches Ziel als Clown?

Zu mir kommen Menschen, die mehr vom Leben suchen: Mehr Humor, mehr Leichtigkeit und Spielraum für Veränderungen. Wem ein vertrauensvoller Freiraum fehlt, wo er sich unterstützt ermutigt fühlt, bei allem Ernst die Komik zu sehen, biete ich im Clownspiel einen Weg, gelöst und gestärkt zu handeln, im Alltag wie auf der Bühne.

Wie schätzen Sie die Bedeutung von Humor im Alltag ein?

Sie können sich vorstellen, dass es mir gerade wichtig ist, dass die Lehren und Fähigkeiten, ein Clown zu sein, für den Alltag entscheidend sind. Wir brauchen den inneren Freiraum, um unseren äußeren Raum entsprechend zu gestalten.

Können Sie als Clown Alltagsproblemen immer mit Humor begegnen?

Viele Menschen versuchen, Problemen des Alltags mit ihrer Form des Humors zu begegnen, möglicherweise alle. Welche Form des Humors, worüber sie lachen und was sie wie komisch finden, unterscheidet sich enorm. Es gibt nicht nur eine Form des Humors. Es gibt nichts, was an sich komisch ist, aber auch nichts, worüber man nicht lachen könnte. Unser Umgang mit uns, mit anderen und mit den sonstigen Umständen des Lebens hängt auch davon ab, was wir ernst nehmen. Es ist entscheidend, uns sowohl ernst zu nehmen als auch uns nicht ernst zu nehmen.

Wie wir sowohl ernst als auch Komik definieren, bestimmt unsere Art von Humor. Grundsätzlich gilt für mich, dem Leben verpflichtet zu sein, wie Albert Schweizer es mal ausdrückte. So geht es mir in erster Linie um einen Humor, der uns löst und Spielraum schafft, – nicht um Zynismus, Sarkasmus oder auch Ironie, auch wenn es manchmal Spaß macht und manchmal angezeigt ist.

Wie sieht Ihre Arbeit in Corona-Zeiten aus?

Corona hat mich, wie viele andere, auf die Probe gestellt – ich durfte ja keine Präsenz-Seminare geben. Ich musste den Kontakt zu meinen Jahresgruppen aufrecht erhalten, sodass die Teilnehmer nicht verzweifeln. Ich fing an, endlich das zu machen, was ich lange vorhatte: Einen Youtube-Kanal, wo Interviews und Informationen von mir stehen und wo ich immer mehr Auftritte entwickeln kann, also doch Freiraum habe. Ich fing an, ein Studio bei mir zu Hause aufzubauen, die Technik zu beschaffen und zu lernen, damit umzugehen. Im Dezember habe ich meine neue Jahresgruppe online abgehalten und ausgefallene Seminare online veranstaltet. Ich lerne, wie diese genauso erlebnis- und prozessorientiert sein können, wie meine Seminare sonst verlaufen.

Wie hat sich die Nachfrage nach Ihren Angeboten in Corona-Zeiten verändert?

Gerade im Sommer hatte ich 30 Anmeldungen für das Clowncamp am Wusterwitzer See in Brandenburg. Zu dem Zeitpunkt habe ich Kurse noch mit Maske durchgeführt. Wir waren fast nur draußen und konnten die Abstandsregeln gut einhalten.

Viele Menschen haben noch vor der Technik Angst. Sie bezweifeln oft auch, ob ein Online-Angebot überhaupt Spaß machen kann. Kürzlich habe ich über die Clownschule in Hannover (TUT) eins meiner Seminare: "Creative Vision – Das Ziel ist im Weg" übers Internet angeboten. Es waren acht Anmeldungen da, viel weniger als sonst für dieses Seminar. Drei Tage bevor Niedersachsen Präsenz-Seminare untersagte, schlug ich vor, das Seminar online anzubieten. Daraufhin sagten fünf Teilnehmer ab. In den folgenden Tagen meldeten sich insgesamt sieben Leute an. Es waren dann zehn Teilnehmer insgesamt.

Warum können Clowns gerade in diesen Zeiten besonders gebraucht werden?

Es hilft immer, wenn wir lachen können. Niemand braucht mehr daran zu zweifeln, dass Lachen gesund ist. Das wusste man eigentlich vor den wissenschaftlichen Untersuchungen auch schon. Corona bietet noch eine Herausforderung mehr: Wie wir mit uns und anderen Menschen umgehen und wie wir verantwortungsvoll handeln, auch wenn wir die Schnauze voll haben oder verzweifelt sind. Schon vorher stand die Frage, wie man mit Frust, Ärger und Angst umgeht und wie man Verantwortung für das eigene Leben übernimmt. Clownspiel fördert eine hohe Selbstwahrnehmung wie auch eine Verantwortung für die eigenen Gefühle und setzt sie spielerisch um. Ein Clown weiß nicht vorher, was aus seinem Spiel wird. Wenn er von einer Grundannahme ausgeht, hört der Spaß ziemlich schnell auf. Er vertraut darauf, dass er lebendig und froh bleibt, wenn er das Leben und alle Umstände umarmt, anstatt in allem, was er nicht mag, einen Gegner zu sehen, den er bekämpfen muss. Ein Clown vertraut auf die Lebenslust und Lebenswitz. n Die Fragen stellte Jonas Huber.