Auf den Rängen gilt bald die 2-G-Regel, auf dem Spielfeld jedoch nicht. Foto: Baumann

Der Stuttgarter Internist Suso Lederle spricht über die Coronafälle beim VfB Stuttgart, die Verantwortung der Vereine – und darüber, warum das Immunsystem gerade bei Hochleistungssportlern häufig geschwächt ist.

Stuttgart - Nicht nur beim VfB Stuttgart gibt es ungeimpfte Fußballer. Dass die Clubs nicht auf die Coronaimpfung ihrer Profis bestehen – das kann Suso Lederle, Teamarzt der Stuttgarter Kickers, nicht verstehen.

 

Herr Lederle, beim VfB Stuttgart gab es zuletzt fünf positive Coronatests innerhalb weniger Tage. Warum gibt es trotz aller Appelle noch immer viele Fußballprofis, die nicht geimpft sind?

Das frage ich mich auch. Bei den Stuttgarter Kickers haben wir weiterhin einige ungeimpfte Spieler – das ist schlimm genug, aber hier reden wir von der Oberliga. Dass es auch beim VfB noch immer Profis gibt, die nicht geimpft sind, hat mich total überrascht. Denn ich dachte, dass sei ein hochprofessioneller Verein. Aber wie man sieht, ist das eben doch nicht der Fall.

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Welchen Vorwurf machen Sie dem VfB?

Ich würde von einem Präsidium oder Vorstand erwarten, dass es den Beschluss fasst, wer auf den Platz will, der muss geimpft sein. So habe ich mich bei den Kickers schon mehrmals geäußert – und das würde ich auch vom VfB erwarten.

Das käme aber einer Impfpflicht für die Spieler gleich.

So sehe ich das nicht. Bei einem Bundesligaclub wie dem VfB geht es um sehr viel Geld. Daher muss doch ein Unternehmen, das ein solcher Verein zweifellos ist, auch verlangen können, dass seine wichtigsten Mitarbeiter – die Spieler – maximal geschützt sind. Das bedeutet: Es muss eine Impfung durchgeführt werden, da darf es keine Ausreden geben. Und wer dazu nicht bereit ist, der spielt eben nicht. Ich sehe darin kein Berufsverbot. Vielmehr stellt der Trainer einen Spieler nicht auf, weil er gegen die vereinsinternen Regeln verstößt. Wenn künftig nur die Geimpfte oder Genesene ins Stadion dürfen, kann es nicht sein, dass die Hauptprotagonisten davon ausgenommen sind. Die 2-G-Regel muss auch für die Spieler gelten.

Beim VfB hat offenbar aber auch eine doppelte Impfung einzelne Spieler nicht vor einer Infektion bewahrt.

Wir wissen, dass es Impfdurchbrüche gibt und dass ein ungeimpfter Mensch viele andere infizieren kann. Und wir wissen durch neue Studien auch, dass die Immunbereitschaft im Körper eines Leistungssportlers unter Umständen herabgesetzt ist. Davon sind vor allem die Abwehrstoffe an Schleimhäuten, Mund und Rachen betroffen. Genau dort greift das Coronavirus an.

Es heißt doch immer, dass regelmäßiger Sport das Immunsystem stärkt.

Das stimmt auch weiterhin. Wer aber Hochleistungssport betreibt und an seine körperlichen Grenzen geht, der hat offenbar verminderte Abwehrreaktionen. Das erklärt auch, warum Leistungssportler besonders anfällig für Erkältungskrankheiten sind. Covid ist zwar keine Erkältungskrankheit – die Infektion findet aber wie gesagt gerade auch an den Schleimhäuten des Nasen-Rachen-Raumes statt. Daher finde ich es von den Vereinen im Übrigen auch unverantwortlich, einen Spieler, der nicht geschützt ist, auf den Platz zu schicken und von ihm Höchstleistung zu verlangen.

Welche Argumente hören Sie als Mannschaftsarzt von jenen Spielern, die sich nicht impfen lassen wollen?

Keine, die ich ernst nehmen kann. Ich höre auch keine Querdenker-Argumente – ich denke, es ist vor allem Nachlässigkeit. Was mich ebenso erstaunt wie fassungslos macht. Schließlich sprechen wir von einem Sport, der in der Öffentlichkeit stattfindet und in dem sehr viel Geld verdient wird.

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Würden Sie das Argument gelten lassen, dass ein Spieler fürchtet, durch eine Impfung in seiner Leistungsfähigkeit beeinträchtigt zu werden?

Nein. Natürlich ist man unmittelbar nach einer Impfung leicht eingeschränkt und sollte im Training zwei, drei Tage kürzertreten. Viel länger könnte es dauern, wenn man an Covid erkrankt.

Bedeutet: Das Risiko der Infektion wiegt schwerer als das Risiko der Impfung.

Es ist sogar viel größer. Glücklicherweise war es zwar in den bisher bekannten Fällen beim VfB und den Kickers so, dass diese Spieler nach der Quarantäne meist schnell wieder auf dem Platz stehen konnten. Es kann aber auch Verläufe geben, bei denen ein Spieler deutlich stärker beansprucht wird und für längere Zeit Probleme mit der Luft hat.

Sie selbst waren auch betroffen.

Nach meiner Infektion war ich körperlich zwei, drei Monate sehr eingeschränkt und konnte ein Jahr nichts riechen. Das hat mir gezeigt hat, dass das Virus nicht nur am Rachen, sondern auch im Gehirn war. Es kann sehr gefährlich sein.

Gesunde junge Menschen, so heißt es oft, müssen in der Regel aber kaum fürchten, schwerer zu erkranken.

Mir ist bislang tatsächlich kein Leistungssportler bekannt, der durch Corona in schwerster Weise getroffen wurde. Dennoch ist der Verlauf einer Infektion nicht völlig abwägbar. Laut Aussage der Chefärzte der Stuttgarter Kliniken liegen momentan auf den Intensivstationen fast ausschließlich ungeimpfte Covid-Patienten – darunter auch viele junge Menschen.