Landesgartenschau, Verkehrsversuch, Kindergartenplätze – Ines Gaehn hat als neue Bürgermeisterin in den ersten Monaten vom Start weg gut zu tun. Warum ihr die Fülle an Themen keine schlaflosen Nächte bereitet, verrät sie uns im Gespräch.
Anfang Juli hat Ines Gaehn als erste Frau auf dem Bürgermeistersessel in Rottweil Platz genommen. Zeit, eine erste Bilanz zu ziehen und auf ihre bisherige Arbeit zurück zu blicken.
In Rottweil gibt es viele Aufgaben. Was stand denn am ersten Arbeitstag als Erstes an?
Ich habe mir als erstes einen Überblick verschafft. Es sind ja sehr viele Projekte – gerade im Zusammenhang mit der Landesgartenschau. Ich habe mich erstmal auf den aktuellen Stand gebracht. Wo stehen wir? Was sind die Knackpunkte? Welche Themen müssen schnell angegangen werden? Da war es sehr hilfreich, dass wir im Juli gleich eine Gemeinderats-Klausurtagung zum Thema Landesgartenschau hatten. Auch habe ich die Zeit genutzt, um die Fachbereiche kennenzulernen, die ich aus meiner früheren Tätigkeit bei der Stadtverwaltung noch nicht so gut kannte.
Der Fachbereich 2 mit den Themen Schulen, Kindergärten, Ordnungsverwaltung, Bürgerbüro aber auch der Bereich Forstverwaltung sind neue Themenfelder. Ich habe mir Zeit genommen, alle Abteilungsleiter und beispielweise die Kindertageseinrichtungen persönlich kennenzulernen. Aktuell fehlen noch einige der kirchlichen Kindertageseinrichtungen und dann sind auch noch die Schulen dran. Nach meiner ersten Einschätzung sind wir in dem Bereich gut aufgestellt – auch im Vergleich mit anderen Kommunen. Natürlich ist immer Luft nach oben. Es hört sich zwar immer etwas klischeehaft an, aber wir sind bei der Stadtverwaltung ein gutes Team. Ich kann es gar nicht anders sagen. Auch nachdem ich mir den ersten Überblick verschafft habe, konnte ich keine Bereiche entdecken, wo größere Themen verschlafen wurden.
Wie groß ist der Druck angesichts der Aufgabenfülle?
Der Rucksack wäre auch ohne die Landesgartenschau bereits gut gefüllt. So kommt noch ein Großprojekt mit festem Eröffnungsdatum dazu. Aber mit dem Druck kann ich umgehen. Bis jetzt ist noch jede Landesgartenschau eröffnet worden. Der Gemeinderat hat mir in den vergangenen Monaten seit meinem Amtsantritt ein großes Vertrauen entgegengebracht, für das ich sehr dankbar bin. Es ist ein lösungsorientiertes Zusammenarbeiten, ein Ringen um das beste Ergebnis.
Ich habe ein fahrendes Schiff betreten – mit einer super Mannschaft und einem tollen Kapitän. Jetzt gilt es zu schauen, dass wir das Ruder nicht links oder rechts rumreißen oder wenn doch, dass wir uns das sehr gut überlegen. Wichtig ist, dass wir weiter genügend Treibstoff haben und die Motivation im Team hochhalten. Das sehe ich als meine Aufgabe, denn der Kurs und auch die Geschwindigkeit stimmen.
Dass OB Dr. Ruf aus seiner Zeit als Bürgermeister meine Geschäftsbereiche sehr gut kennt, ist ebenfalls von Vorteil. Es ist wirklich eine sehr gute Zusammenarbeit, weil das Verständnis für die Projekte da ist – eine gute Stimmung, wertschätzend und produktiv.
Für Sie als Bürgermeisterin – ist es ein Glücksfall, Rottweilerin zu sein, oder wird man auf der Straße eher mal zu viel angesprochen?
Für mich ist es tatsächlich ein Glücksfall, in meiner Heimatstadt Bürgermeisterin sein zu dürfen. Ich bin der festen Überzeugung: Rottweil ist eine Stadt mit sehr viel Potenzial, mit ganz tollem bürgerschaftlichem Engagement und einer produktiven Stadtverwaltung. Da ich schon immer für meine Arbeit gelebt habe, war ich leider privat noch nie in vielen Vereinen aktiv. Also glaube ich, dass ich immer noch die notwendige Neutralität habe und man mir diese auch abnimmt.
Wie hat sich Ihr Alltag durch das Bürgermeisteramt verändert?
Mein Berufsalltag war schon immer arbeitsreich. Ich kenne das nicht anders. Daran hat sich die vergangenen 15 Jahre nicht wesentlich etwas verändert. Klar, für mich ist es super angenehm, dass ich nicht mehr pendeln muss, sondern dass ich mit dem Fahrrad oder zu Fuß zur Arbeit kommen kann. Das ist mit Familie einfach praktischer, weil Fahrzeit als Mutter verlorene Zeit ist. Mein Vorteil in Rottweil ist auch, dass ich ein großes familiäres Umfeld vor Ort habe. Als berufstätige Eltern ist es immer wichtig, dass man eine funktionierende soziale Infrastruktur hat, die einem den Rücken freihält.
Super Team, produktive Stimmung – wo gibt es noch unterschiedliche Auffassungen?
Unterschiedliche Auffassungen gibt es tatsächlich sehr wenige. Wir wissen, dass wir gerade im Bereich Digitalisierung noch Luft nach oben haben. Und auch wir haben Probleme, Fachkräfte zu finden. Wir müssen das Verständnis dafür wecken, dass wir im Rathaus mal den Teppich austauschen oder in die Inneneinrichtung investieren, weil auch wir als Arbeitgeber attraktiver werden müssen. Aber das ist der neuen Führungsmannschaft schon ganz gut gelungen.
Hat sich als Bürgermeisterin Ihr Blick auf die Dinge verändert?
Ich merke, es würde guttun, die Bürgerschaft umfangreicher zu informieren. Früher hat jeder Zeitung gelesen. Heute gibt es nicht mehr diesen einen Kanal, über den man alle Leute erreicht. Die Bürger sind über das Internet scheinbar mehr informiert, aber oberflächlicher. Alle Kommunen treibt daher die Frage um: Wie kommt man an den Bürger noch ran, um die notwendigen Informationen zu vermitteln?
Wir haben beispielsweise beim Verkehrsversuch durchaus versucht, breiter zu kommunizieren und wir haben gemerkt: Eigentlich müsste man es immer so machen. Nur hat das enorme Ressourcen gebunden und war im Ergebnis für mich immer noch unbefriedigend. Eine Möglichkeit wäre, verstärkt auf Multiplikatoren zu setzen. Der Gemeinderat ist ein solcher wichtiger Multiplikator. Und auch das Jugendhearing, bei dem sich die Stadtverwaltung und der Gemeinderat immer im Herbst mit Schülerinnen und Schülern austauschen, kann ein Teil der Lösung sein. Die Diskussion mit den jungen Leuten war in diesem Zusammengang ein sehr positives Erlebnis für mich.
Das Parkhaus Nägelesgraben gibt es nicht, fürs Parkhaus Zentrum liegt die Baugenehmigung vor. Ist das nun die zweitbeste Lösung?
Nein, wir brauchen beides. Wir haben gemeinsam mit dem Gemeinderat festgelegt, dass wir einen Parkierungsschwerpunkt Nord und einen Parkierungsschwerpunkt Süd entwickeln. Das entlastet unsere Innenstadt vom Durchgangsverkehr und vom Parksuchverkehr und macht sie damit lebenswerter. Wir werden – die These wage ich – die nächste Zeit keine autofreie Innenstadt bekommen, weil es einfach topografisch zu schwierig ist, eine akzeptable Umfahrung anzubieten. Mit Blick auf die Zukunft gebe ich aber zu bedenken: Man wohnt in einer historischen Innenstadt und hat ein Elektroauto – wo lädt man das? An einem Kabel in der Bruderschaftsgasse aus dem Fenster raus? Wir sind hier zu sehr ländlicher Raum, als dass ganz aufs Auto komplett verzichtet werden könnte, also werden gerade für die Anwohner Quartiersgaragen mit E-Ladeinfrastruktur wichtiger werden.
Dazu kommt bereits jetzt: Wir fördern Wohnraum in der historischen Stadtmitte über das Sanierungsgebiet Innenstadt und sind damit sehr erfolgreich. Somit haben wir wieder mehr Bewohner in der Innenstadt. Deshalb ist das Ziel, innenstadtnah neue Parkplatzangebote zu schaffen, richtig. Da kann man um die beste Lösung ringen, man kann überlegen, was der beste Standort ist, aber dass es auch im Norden einen Parkierungsschwerpunkt braucht, ist für mich keine Frage.
Also doch ein Parkhausneubau auch im Norden der Innenstadt? Wie wird sich die Parkplatz-Situation in den Quartieren entwickeln?
In diesem Zusammenhang weise ich darauf hin, dass zuletzt beim neuen Spital und unter dem Müller Markt öffentliche Stellflächen geschaffen wurden. Diese müssen aber auch den Wegfall eines Teils der Parkplätze vor Norma kompensieren, wo künftig der Zentrale Busumsteigepunkt (ZUP) entstehen wird. Wir werden die Entwicklung dort also genau beobachten müssen. Bis zur Landesgartenschau 2028 haben wir aber gar keine Kapazitäten mehr, im Norden ebenfalls eine Parkierungsanlage zu bauen.
Dass in den Quartieren in einem gewissen Umfang noch weitere Stellplätze zugunsten der Belebung der historischen Innenstadt reduziert werden müssen, ist für mich ebenfalls klar. Als Ersatz stehen die innenstadtnahen Parkplätze zur Verfügung, wo man seit 2022 mit einem Bewohnerparkausweis rund um die Uhr kostenlos parken kann. Auch davon erhoffen wir uns eine Entlastung der Gassen vom Parksuchverkehr. Wie erfolgreich es sein kann, den einen oder anderen Stellplatz in den Sommermonaten zugunsten der Außengastronomie umzuwidmen, hat man bei der Weinstube Russ in der Bruderschaftsgasse oder bei der Café-Bar Pauls in der Blumengasse gesehen. In beiden Fällen haben die Menschen das erweiterte Angebot sehr gerne und dankbar angenommen.
Kommen wir zum Verkehrsversuch. Wie fair ist es, wenn die täglichen Staus am Friedrichsplatz gottgegeben sind, am Stau in der Marxstraße im Verkehrsversuch dann aber die Stadtverwaltung schuld ist?
Wir versuchen, das Bestmögliche für die Gesamtstadt zu erreichen und die Weichen gemeinsam mit dem Gemeinderat zu stellen. Dass wir da auch mal Kritik zu hören bekommen und Diskussionen emotional geführt werden, liegt in der Natur der Sache. Da habe ich ein dickes Fell und nehme nichts persönlich, weil ich das in Teilen auch nachvollziehen kann.
Ich finde den Verkehrsversuch eine gute Sache, weil man mutig war und etwas ausprobiert hat. Wir haben hier vor Ort schwierige Rahmenbedingungen, es gibt keine einfache Lösung. Deswegen denken wir als Stadtverwaltung in Varianten, die man aber testen muss. Wir haben während des Verkehrsversuchs auf das Feedback aus der Bevölkerung reagiert und mit Rückendeckung aus dem Gemeinderat eine neue Variante entwickelt, die wir ab Oktober getestet haben und von der wir uns eine höhere Akzeptanz erhofft hatten. Aber auch die Erfahrung anderer Städte mit Verkehrsversuchen zeigt: es ist schwierig, für Eingriffe in den Straßenverkehr eine Mehrheit zu bekommen. Natürlich will jeder eine lebendigere und lebenswertere Innenstadt, aber nur eine Minderheit ist offenbar dazu bereit, dafür Umwege zu fahren oder längere Fußwege in Kauf zu nehmen.
Wenn Änderungen der Verkehrsführung so schwer zu vermitteln sind – wie wollen Sie dem Ziel einer lebendigen Innenstadt näherkommen?
Mit dem Sanierungsgebiet Stadtmitte, dem neu aufgebauten Innenstadtmanagement von Stadt und GHV sowie der Landesgartenschau haben wir ganz wichtige Hebel, um unsere Innenstadt zu beleben. Insofern war der Verkehrsversuch nur ein möglicher Baustein von vielen. Es kam ja auch vielfach die Kritik, dass sich am Friedrichsplatz während des Verkehrsversuchs gar nichts geändert habe. Dazu muss aber der Zentrale Busumsteigepunkt (ZUP) erst verlegt werden und wir müssen einen attraktiven Platz gestalten, damit sich neue Händler oder Gastronomen ansiedeln. Wir können als Stadtverwaltung nur die Bühne für die verschiedenen Akteure bereiten.
Dass das in Rottweil gelingen kann, hat sich in der unteren Hauptstraße gezeigt. Dort haben sich nach der Neugestaltung des Straßenraumes durch die Stadt zur traditionsreichen Eisdiele Venezia das Fotostudio Graner, das Restaurant Soluna, das Versicherungsbüro Müller und die Bar Onkel Rudi‘s gesellt. Es hat sich ein richtiger Platzcharakter entwickelt, vom Dienstleister bis zum Gastronomen. Was also zählt, ist die Summe der Dinge und die Mithilfe aller Akteure.