Am Samstag startet die Sommertour des Friedrichsbau Varietés auf Schloss Solitude. Als Herzog Carl Eugen von Württemberg bittet Martin van Bracht mit der Künstlertruppe Die Artistokraten bis zum 23. Juli zu einem schrägen Spektakel mit barocker Opulenz. Wirt Jörg Mink liefert das Menü dazu. 
 
Stuttgart – Herr van Bracht, Sie verkörpern auf Solitude den einstigen Schlossherrn. Herzog Carl Eugen von Württemberg hat 77 uneheliche Söhne anerkannt. Mögen Sie auch was anerkennen?
Man muss sich anerkennend äußern über diese Leistung. Geiz ist nicht angebracht. Ihrem Land, das man Ländle nennt, hat mein Zeugungswillen gutgetan. Zu Wohlstand und Lebenslust haben es meine Nachkommen in den 250 Jahren meiner Abwesenheit gebracht. Anerkennung! Anerkennung!
Ihre Identifikation mit der Herzog-Rolle verdient durchaus Anerkennung. Aber ich wollte wissen, wie das bei Ihnen, dem Darsteller Martin van Bracht, persönlich aussieht.
Man kommt und geht im Leben und kommt dann wieder. Also mein Stammbaum sieht so aus: 77 uneheliche Söhne, 522 Enkel, 5300 Urenkel, 10 486 660 Ururenkel. Alle werden anerkannt, alle sind mit mir verwandt!
Carl Eugen war ein Macho, der es richtig hat knallen lassen. Sein Hang zu Luxus und rauschenden Festen führte das Land an den Rand des Ruins. Erklären Sie uns, weshalb die halbe Welt glaubt, Schwaben seien geizig?
Das zeigt, dass viele Menschen, die Vorurteilen folgen, nicht richtig hinschauen. Also. ich war immer sehr großzügig als Herzog.
Also gut, Herr Herzog. Haben Sie eine Gemeinsamkeit mit Herrn van Bracht? Sind Sie beide etwas durchgeknallt?
Wissen Sie, Herr Hofberichterstatter, man ist so geboren und sollte sich nicht gegen seine Natur wehren. Was heißt schon durchgeknallt? Das ist das falsche Wort. Lebensfroh, dieses Wort trifft es besser. Auf Lebenslust kommt es an. Trocken Brot ist für mich Käse.
Hätten Sie gern vor 250 Jahren am Hof gelebt? Damals sind die Menschen jung gestorben.
Ich lebe gern im Hier und Jetzt. Aber damals wäre ich natürlich lieber der Herzog als der Bauer gewesen. Im Nachhinein mussten meine Untertanen ja ganz schön schuften bei diesen klasse Schlössern.
Wie erklären Sie sich die Sehnsucht der Deutschen nach Schlössern?
Im Grunde wollen wir doch alle eine Prinzessin sein. Und die Demokratie hat doch wahrlich viel zu wenig Dekoration, zu wenig Pompöses und zu wenig Goldkonfetti!
Jetzt lassen Sie Goldkonfetti regnen und rufen in der Show unentwegt „Huldigung! Huldigung!“. Woher kommt Ihr Faible für barocke Pracht?
Ich heiße mit bürgerlichem Namen Martin van Bracht, und von Bracht zur Pracht ist es doch nur ein kleiner Weg! Der holden Pracht kann man nicht genug huldigen. Selbstredend eine klare herzögliche Logik. Huldigung! Huldigung!
Wenn Deutschland wieder einen König bekommen sollte – wer sollte es werden?
Seit Sonntag haben wir viele Könige – das gesamte Fußballnationalteam. Ein Fußball-Kaiser reicht uns nicht mehr. Sollte die Euphorie in Deutschland irgendwann doch nachlassen, hätte ich einen weiteren guten Vorschlag. Also, ich wär’ bereit.
Sie bringen Ihren Hofstaat ins Schloss Solitude mit. Was sind die Höhepunkt in Ihrem artistischen Programm?
Meinerselbst turnt mit dem Lustknaben exzellente Partnerakrobatik. Gräfin Esterhazy schwingt 48 Kilo Tafelsilber in Hula-Hoop-Formation um ihre Hüften. Unser Rittmeister erscheint in großer Keulenjonglage. Außerdem haben wir: Charlotte die Flotte mit großer Arie und Oper, eine echte Prinzessin mit Einradkunst, den größten Hofnarr Europas, die echte Mona Lisa und einen virtuosen Cellisten. Für das Spektakel habe ich den Zeremonienmeister und Maitre de Benimm Otto Kuhnle gewinnen können.
Dinner-Shows laufen in Stuttgart gut. Wollen Sie mit Ihrer Show „Sommerfrische“ eine Sahneschnitte von der Torte?
Wir wollen keine Sahneschnitte abhaben, wir sind selbst die Torte. Mit herzoglichem Marzipansiegel!
Die Show ist ein Teil der Sommerreise des Friedrichsbau Varietés, das den angestammten Platz in der L-Bank verlassen musste und auf den Pragsattel umzieht. Was für einen Stellenwert hat der Friedrichsbau in der bundesdeutschen Varieté- und Kleinkunstszene?
Top, top, top! Der Friedrichsbau ist die Champions League unter den Varieté-Häusern Deutschlands. Stuttgart hat den Stellenwert eines hervorragenden Champagners, beschwingt, erfrischend, perlend im Geschmack und Bukett! Der Friedrichsbau ist sehr geschätzt in der nationalen Kulturlandschaft. Huldigung! Huldigung! Huldigung!
 
Solitude heißt Ruhe. Die werden Sie im Schloss nicht zulassen. Wie bereiten Sie sich in Berlin auf Stuttgart vor?
Wir verspeisen vermehrt Maultaschen und Flädlesuppe. Sprachlich trainieren wir im Prenzlauer Berg, und die Kehrwoche wurde in allen Haushalten per Dekret angeordnet.
Apropos Maultaschen. In Ihrem ersten Leben waren Sie Koch. Was sind die Gemeinsamkeiten von Herd und Bühne?
Es kommt immer auf die Zutaten an. Und die Temperatur ist auch sehr wichtig: Lauwarm geht nur beim schwäbischen Kartoffelsalat.

Die Artistokraten mit Martin van Bracht gastieren im Rahmen der Sommertour des Friedrichsbau Varietés vom 19. bis zum 23. Juli (Beginn um 20 Uhr, außer am Sonntag, da geht es um 19 Uhr los) mit der Show „Sommerfrische“ im Schloss Solitude. Wirt Jörg Mink lässt ein Fünf-Gänge-Menü aus schwäbischen Spezialitäten mit heimischen Zutaten servieren. Show, Menü und Champagner gibt’s für 165 Euro unter Telefon 07 11 / 2 25 70  70 oder online hier