Das Trickfilmfestival Stuttgart ist ein Fest künstlicher Bildwelten. Der parallele Branchentreff FMX zeigt: Animation ist auf dem Digital-Weltmarkt Gold wert. Ist man sich dessen am Standort Stuttgart wirklich bewusst?, fragt unser Autor.
Weltmarktführer – ein verführerisches Wort. Man benutzt es gerne in Baden-Württemberg und besonders in der Region Stuttgart. Soll heißen: Technologisch macht uns keiner etwas vor. Auch nicht in Sachen Digitalisierung. Ja, geht es darum, das Internet der Dinge mit (Waren-)Leben zu füllen, sind Branchengrößen wie Bosch und Mittelständler wie Festo weit vorne, und das rollende Infotainment-Center kommt aus Untertürkheim. Die Industrie 4.0 ist keine Vision, sie wird im Eiltempo Realität.
Wesentlich mit ermöglicht wird dieser Wandel durch die rasante Entwicklung insbesondere auch für die Medizintechnik wichtiger künstlicher Bildwelten. Wie macht man diese populär? Im Zentrum der Metropolregion Stuttgart findet alljährlich ein Treffen statt, das als „Internationales Trickfilmfestival Stuttgart“ aktuell wieder viele Menschen begeistert.
Branchentreff FMX mit Stars aus aller Welt
Doch in diesen Tagen geht es um weit mehr: Mit der parallel zum Trickfilmfestival stattfindenden internationalen Fachkonferenz FMX zu Animation, Visuellen Effekten und dem Boomsektor Immersive Medien ist Stuttgart Spiegel und Taktgeber weltweiter bildnerischer Forschung.
So richtig es ist, das Trickfilmfestival an seinem künstlerischen Markenkern zu messen, so wichtig ist es doch, diese Tage in Stuttgart über das Treffen der Branchenbesten als internationales Digitalforum zu verstehen. Animation ist Gold wert – das ist die eigentliche Botschaft. Deren Protagonisten jonglieren mit künstlichen Realitäten und künstlicher Intelligenz so selbstverständlich, als sei Vieles schon erreicht.
Tatsächlich aber läuft die Diskussion über das individualisierte optische 3-D-Alltagserleben – etwa mit der Möglichkeit, altersbedingten Einschränkungen entgegenzuwirken – oder den nicht mehr nur gedacht automatisierten Straßenverkehr erst an. Künstliche Intelligenz ist als Megathema schnell benannt, doch es geht auch um Nachhaltigkeit, um Diversität, Gleichstellung und Inklusion.
Enorme Investitionen gefragt
Die Qualität, immer schneller in immer größeren Einheiten immer realistischere künstliche Bilder entstehen zu lassen, ist ein entscheidender Maßstab für den Erfolg im hart umkämpften Animationsmarkt. Es ist eine Qualität, die enorme Investitionen verlangt. Ohne unbedingten politischen Willen, als Land und Region eigene Akzente zu setzen beziehungsweise entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen, sind diese kaum denkbar.
Die Akteure selbst haben wichtige Brücken geschlagen. Im Höchstleistungsrechenzentrum der Universität Stuttgart in Vaihingen sind die Spitzen hiesiger Animationsbüros Stammgast. Da passt es, dass die Tage des Trickfilmfestivals (in den Stuttgarter Innenstadtkinos und auf dem Schlossplatz), des Branchentreffs FMX (im Haus der Wirtschaft) und einer Plattform für Produktion und Vertrieb (Animation Production Days auf der Landesmuseums-Bühne Dürnitz) auf Wunsch der Landespolitik als „Stuttgart Animated Week“ gehandelt werden. Vorsicht aber – ein Label ist noch keine belastbare Strukturförderung.
Gefragt sind verlässliche Anschübe
Durchaus gegen Widerstände hatte Baden-Württembergs Kunstministerium den Museen im Land 2016 einen harten Digitalkurs verordnet. Mit Erfolg. Ein Blick über die Grenzen zeigt nun: Museen wandeln sich im Eiltempo zu mehrdimensionalen Erlebnisräumen. Im Land stockt derweil die Digitalfreude – und damit der Weg von der Entwicklung zur Realisierung. Das aber kann sich die Region Stuttgart nicht leisten – schon gar nicht in Themen wie Medizintechnik oder vernetzter Kommunikation im Individualverkehr. Die Qualität der künstlichen Bildwelten ist Gold wert – und braucht übergreifende neue Anschübe. Die „Stuttgart Animated Week“ ist ein Anfang.