Eine ZF-Mitarbeiterin montiert ein automatisches Getriebesystem für schwere Nutzfahrzeuge. Foto: dpa/Felix Kästle

Jeder zweite Betriebsrat der Gewerkschaft in Baden-Württemberg erwartet 2024 einen Abwärtstrend seines Unternehmens. Bezirksleiter Roman Zitzelsberger macht nun einen ungewohnten Vorschlag: Automatisierung.

Die Hiobsbotschaften aus der Metall- und Elektroindustrie Baden-Württemberg häufen sich – zuletzt kamen noch Bosch und ZF hinzu. Aufseiten der Belegschaften geht die Stimmung teils in den Keller. Einen Riss durch die Industrie offenbart das jüngste Stimmungsbarometer der IG Metall. Danach sieht jeder zweite Betriebsrat (konkret 49 Prozent von bis zu 200 Betrieben) eine weitere Verschlechterung gegenüber Juni; zwölf Prozent halten die Lage sogar für „sehr schlecht“. 46 Prozent bewerten die Aussichten für die nächsten drei bis sechs Monate als (sehr) schlecht.

 

Stark getrübte Stimmung in der Industrie

So kritisch seien die Bewertungen lange nicht mehr gewesen, sagte IG-Metall-Bezirksleiter Roman Zitzelsberger unserer Zeitung. Nur 2020 habe es wegen Corona kurzzeitig ein ähnliches Tief gegeben. „Massiv eingetrübt“ sei die Stimmungslage, obwohl sich die Betriebe bemühen, einen guten Jahresabschluss zu erzielen. Gefühlt sei die Auslastung noch hoch, doch täusche die „Jahresendrallye“ darüber hinweg, „dass die Auftragsbestände in Wirklichkeit deutlich schrumpfen“. So wachse die Sorge an der Basis, „dass die Auftragsdecke im neuen Jahr zu dünn wird“.

Denn dann könnte mehr Kurzarbeit folgen. Die Arbeitsagenturen verspüren bereits einen erhöhten Beratungsbedarf der Unternehmen. Weiter getrübt wird die Sicht durch die Transformation. Das unabhängig forschende Automobilinstitut Center of Automotive Management prognostiziert, dass der Wandel zur E-Mobilität bundesweit bis zu 160 000 von 800 000 Stellen kosten könnte.

Entsprechend berichtet exakt jeder zweite Betriebsrat im Stimmungsbarometer von einer schlechten oder sehr schlechten Investitionsbereitschaft – was sich auch mit wissenschaftlichen Erkenntnissen wie des Ifo-Instituts deckt. „An so einen schlechten Wert kann ich mich gar nicht erinnern“, sagt der Bezirksleiter. Laut neun Prozent der Befragten besteht ein Liquiditätsengpass im Betrieb. Für jeden vierten Betriebsrat gibt es eine hohe und für weitere sechs Prozent eine akute Insolvenzgefahr.

Unternehmen könnten auf die „schiefe Ebene“ kommen

Zitzelsberger befürchtet, dass die „Unternehmen insgesamt auf die schiefe Ebene kommen“. Dies habe er schon 2019 befürchtet, nun zeige es sich „mehr denn je in der Realität“. Dass Unternehmen die Fertigung von nicht zukunftsfähigen Verbrenner-Bestandteilen – quasi die „Restabwicklung“ – nach Osteuropa verlagern, sei nicht so ungewöhnlich. Noch mehr beunruhigt die Gewerkschaft jedoch, dass Investitionen im Zukunftsgeschäft, gerade was Antriebe betrifft, tendenziell stärker in Osteuropa angestrebt werden. „Dies ist das größere Risiko für den Standort, weil so ein wichtiger Teil unserer Produktionskompetenz deutlich schrumpft.“

Damit wäre die wirtschaftliche Prosperität des Landes gefährdet. Nach Angaben der LBBW-Wirtschaftsexperten erzielt das produzierende Gewerbe einen Anteil von 38 Prozent am Bruttoinlandsprodukt in Baden-Württemberg – bundesweit sind es 30 Prozent, in der EU 26 Prozent, in den USA 18 Prozent. Auch die Exportquote des Südwestens, also die Abhängigkeit vom Welthandel, ist größer als die anderer Bundesländer. Doch Baden-Württemberg ist nicht mehr das Zugpferd. Was lange Zeit ein Vorteil war, könnte sich nun als Belastung erweisen. Wenn wichtige Ausfuhrländer wie China oder die USA einen strikt eigennützigen Kurs verfolgen, dann schlägt das in „The Länd“ voll zu Buche.

Wegen der Rufe von Politik und Kunden nach günstigeren Elektroautos beobachtet die IG Metall einen „unglaublichen Wettbewerbsdruck“. Weil die Automobilhersteller jedoch bei ihren Gewinnmargen keine Abstriche machen wollen, wird der Druck auf die Zulieferer weitergeleitet, sodass deren Bedingungen „deutlich schlechter werden“.

Laut dem Betriebsrätebarometer werden derzeit mehr Beschäftigte ab- als aufgebaut, was vor allem Leiharbeitnehmer betrifft. Diese Entwicklung kann zu einer akuten Bedrohung für Beschäftigte werden, es sei denn, die Gewerkschaft verhindert mit ihrer Verhandlungsmacht harte Einschnitte. Als Beispiel nennt Zitzelsberger „die wegweisende Zukunftsvereinbarung mit einer gigantischen Sicherung von Beschäftigung“, die im Sommer bei Bosch abgeschlossen wurde. Gemeint ist der Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen für fast 80 000 Beschäftigte der Kernsparte Mobility bis 2027. So werden Massenentlassungen mit einem sozial verträglichen Abbau unterbunden.

Bezirksleiter wirbt für mehr Automatisierung

Die hohen Arbeitskosten in Baden-Württemberg, an denen die IG Metall einen großen Anteil hat, seien immer mit dem hohen Know-how und der Arbeitsleistung zu rechtfertigen gewesen, sagt Zitzelsberger. „Da ziehen jetzt viele andere Länder nach.“ Produktivität habe aber viel mit Arbeitsabläufen zu tun und Arbeitsorganisation mit Technologieeinsatz. Deshalb wirbt er dafür, „mehr zu automatisieren, um menschliche Kompetenz durch den Einsatz von Technologie zu höherer Arbeitsleistung zu bringen“. Automatisierung sei eine der Antworten auf die Demografie und den Fachkräftemangel.

Dass die Industrie ihren Niedergang erlebt, sieht der Bezirkschef nicht. Baden-Württemberg sei noch das Land mit den meisten Patentanmeldungen und höchsten Ingenieursfähigkeiten. „Wir brauchen Zukunft und sind dabei, uns neu zu erfinden.“ Generative künstliche Intelligenz und andere Entwicklungen könnten dabei helfen. Mit Blick auf all die „IT-Hubs“ und Innovationen „stehen wir für Zukunftstechnologie – da sind wir überhaupt nicht im Tal der Tränen“.