Maxie entdeckt im Puppenhaus die sehr eigenwillige Zahnfee Violetta mit ihrer Libellenfreundin. Foto: picture alliance/dpa/Telepool

Im Kinofilm „Meine Chaosfee und ich“ spricht Jella Haase eine Zahnfee. Im Interview spricht sie über Kinderfilme, heftige Drehs, „Fack ju Göhte“ und die DDR.

Jella Haase (30), Charakterdarstellerin der Stunde, leiht ihre Stimme einer Trick-Zahnfee, die in der Menschenwelt das Leben der zwölfjährigen Maxi durcheinanderbringt.

 

Frau Haase, was hat Sie an dieser Zahnfee gereizt?

Meine Mama ist Zahnärztin und unsere persönliche Familien-Zahnfee. Und Violetta ist ein sperriger Charakter. Sie passt gut zu mir, glaube ich. Außerdem werden im Film auf spielerische Art Themen wie Naturschutz und Freundschaft verhandelt. Das finde ich wichtig, und es ist schön erzählt.

Wie viel Einfluss hat man als Sprecherin auf die Ausgestaltung der Figur?

Die Frage ist, wie viel man sich traut und wie viel gewollt ist. Wie schräg darf es sein, wie überdreht? Wo reduziert man, damit das eine Nahbarkeit behält? Die Balance muss stimmen. Das Drehbuch war auf den Punkt geschrieben. Man probiert dann, welche Farben man reingibt, wie man das ausmalt.

Was war die größte Herausforderung?

Das ist etwas sehr Pures, man kann sich nicht hinter Mimik und Gestik verstecken. Man hat im Studio keine Spielpartner, man ist auf sich zurückgeworfen, das ist etwas sehr Intimes.

Mögen Sie Trickfilme?

Ich liebe sie. Ich habe mich schon als Kind gefragt, wie das sein kann, dass diese Figuren eine Stimme haben. Ich habe viel imitiert, beim Spielen Sätze rezitiert. Das war schon ein unbewusstes Ausleben der Schauspielerei. Von „Chihiros Reise ins Zauberland“ habe ich heute noch den Sprachduktus im Ohr, was sie sagt, wie sie lacht, schreit, traurig ist. „Harry Potter“ war ein prägendes Erlebnis – auch wenn das kein reiner Trickfilm ist. Kinderfilme klug und liebevoll zu zeichnen ist eine Kunst. Gute Kinderfilme werden ja meistens auch von den Erwachsenen geliebt. Wenn nicht, sind sie meistens nicht aufrichtig.

In der Netflix-Serie „Kleo“ spielen Sie eine kuriose Ex-Stasi-Agentin – wie kam das zustande?

Die haben zu mir gesagt: „Wir würden das gerne für dich entwickeln, du bist unsere Kleo!“ Das ist natürlich toll, aber auch einschüchternd. Sie haben diese Figur gezeichnet, und ich durfte ihr das Leben einhauchen. Es gab da die Befürchtung, dass das zu wild wird oder zu krass. Am Set war es dann aber toll, die Regisseurin Viviane Andereggen hat mir große Freiheit gegeben. Wir sind von einem Extrem ins andere geschlittert, haben aber auch leise, zarte Momente gefunden. Das war für mich eine sehr intensive Arbeit, bei der ich viel einbringen konnte, musste und wollte und mit meiner Sprecherzieherin wirklich jedes Wort umgedreht habe.

Wie nähert man sich als Spätgeborene der DDR? Im Spielfilm „Lieber Thomas“ sind Sie ja schon mal eingetaucht . . .

Ich habe tatsächlich durch die Projekte einen Zugang zum Osten gefunden. Ich habe viel gelesen und angeschaut, Musik aus der Zeit gehört. Und ich habe mich daran erinnert, wie ich früher mit meiner Mama in den Ostbezirk Hohenschönhausen zum Eiskunstlauftraining gefahren bin. Sie hat immer gesagt: „Schau mal, da stand die Mauer.“ Und auch so als Voll-Wessi: „Guck mal hier, die Ossis!“ Aber nicht so doof, sondern eher lustig. Ich habe erst nach und nach verstanden, dass da eine Teilung war, dass Menschen eine andere Sozialisierung erfahren haben und was das bedeutet. Meine Annäherung an den Osten ist aber überhaupt nicht abgeschlossen.

Helfen FDJ-Szenen mit DDR-Kostümen, -Parolen, -Liedern?

Ja, aber man braucht den Hintergrund aus der Recherche, um dafür ein Gefühl zu bekommen. Das ist ja doch sehr konträr zu meinem Leben und wie ich aufgewachsen bin. Ich habe viel mit Leuten geredet, auch im Freundeskreis gibt es viele Geschichten, wenn man fragt und hinhört. Und das ist ja gar nicht lange her. Thomas Brasch sagt, „nicht mal eine Sekunde in der Menschheitsgeschichte“. Er bezieht das auf den Faschismus, aber für den Mauerfall gilt das genauso.

Wie war das bei „Berlin Alexanderplatz“? Der Film spielt im Jetzt, ist aber erfüllt vom Geist Alexander Döblins.

Wir haben viel Text aus dem Roman eingeflochten. Mieze sagt: „Man muss zum Leben hingehen und es anfassen.“ Das mag ich so, das kann man total aufs Jetzt übertragen. Nach solchen Begrifflichkeiten und Symbolen haben wir gesucht. Das war auch ein großer Spaß, und wir haben sehr darauf geachtet, dass es nicht zu plakativ wird.

Mieze macht Schlimmes durch. Fasst Sie das am Set auch mal persönlich an?

Auf jeden Fall, das war ein heftiger Dreh. Man hat eine Vorbereitung, man weiß, worauf man sich einlässt. Trotzdem knallt es dann rein. Aber ich wusste in der Sekunde, als das Drehbuch bei mir ankam: Das muss, das will ich machen – ich bin Mieze!

Bleiben solche Erfahrungen für später?

Irgendwie schon, aber auch nicht. Ich muss mich immer aufs Neue hineinfallen lassen und komme dann schnell in einen spielerischen Modus. Romantisierend gesprochen, ist mein Beruf ja verspielt – ich habe einen kindlichen, spielerischen Zugang zu meinem Schaffen. Manchmal erschreckt mich, was man so in sich sucht, aus einem inneren Kern schöpft und transformiert darbietet. Aber ich könnte nicht anders, ich liebe es und habe mich dem verschrieben. Wenn ich eine Figur spiele und fühle, dann kompromisslos mit Haut und Haaren. Das erwarte ich auch von allen um mich herum. Ein Team muss mittragen und auffangen, dass man da gerade sehr sensible Themen über seinen Körper passieren lässt und dafür einen geschützten Raum braucht. Das ist dann auch die Magie des Filmemachens.

Sie gehören zu einer neuen Film-Generation wie Albrecht Schuch, mit dem Sie zwei große Filme gedreht haben. Fühlen Sie sich als Teil einer großen Sache?

Dieser Blick von außen ist schön und freut mich total. Wir selbst hinterfragen das nicht, es ist einfach so, wie eine Fügung, ein gemeinsames Sein, in dem man sich begegnet, zusammenfindet und irgendwie auch zusammengehört. Es ist auch eine Typfrage. Ich habe schon immer das Gefühl, dass ich die feinen, aufrichtigen Menschen anziehe. Ich bin wirklich so glücklich! Ich bin so vielen tollen Menschen begegnet beim Drehen!

„Fack ju Göhte“ hat Sie über Nacht als Komödiendarstellerin bekannt gemacht. Wie geht man damit um?

Dieses Bohei muss man erst mal verarbeiten. Ich habe mich meiner Figur Chantal danach noch einmal anders angenähert, ich musste hineinwachsen in diese Außenwahrnehmung. Ich hätte einige Filme drehen können mit ähnlichen Figuren und habe entschieden: Ich mache erst mal keine Komödien mehr. In Deutschland gibt es auch nicht viele, die das so können wie Bora Dagtekin. So mutig und so anders. Neulich habe ich den zweiten Teil wieder angeschaut und dachte: Alter, jetzt verstehe ich das erst! Es ist so drüber, aber so konsequent durchgezogen von allen, dass es eine absolute Berechtigung hat. Vieles würde heute so nicht mehr gehen. Es ist krass, wie schnell die Welt sich verändert hat. Das ist natürlich gut und spiegelt sich dann filmhistorisch wider.

Die Schauspielerin und ihr Werk

Leben
 Geboren 1992 in Berlin-Kreuzberg, spielt sie schon als Kind Theater.

Karriere
 Sie ist im Neonazi-Filmdrama „Kriegerin“ (2011) im Kino zu sehen und in „Lollipop Monster“ (2011). Bora Dagtekins erfolgreiche Schulkomödie „Fack ju Göhte“ (2014) macht sie dem großen Publikum bekannt. 2020 spielt sie in Burhan Qrbanis Adaption von „Berlin Alexanderplatz“ die Edelprostituierte Mieze. Für ihren Auftritt als Frau des DDR-Autors Thomas Brasch im Spielfilm „Lieber Thomas“ (2021) bekommt sie den Deutschen Filmpreis. Auf Netflix ist sie derzeit in der Serie „Kleo“ als Ex-Agentin auf Rachefeldzug zu sehen.