Zwei schlagkräftige Heldinnen kämpfen für die Befreiung versklavter Frauen: Scarlett Johansson (links) und Florence Pugh in „Black Widow“. Foto: /Marvel Studios

Scarlett Johansson hat nun ihren eigenen Marvel-Superheldenfilm, doch Florence Pugh stiehlt ihr die Schau. Es geht um manipulierte Kriegerinnen, Familienbilder, Frauenrollen und die Rache am Patriarchat.

Stuttgart - Frauen sind rar in der Welt der Superhelden. 2017 mischte Gal Gadot als „Wonder Woman“ die Männerwirtschaft von DC Comics auf, 2019 Brie Larson als Titelheldin in „Captain Marvel“ (2019) jene von Marvel. Letztere allerdings hat schon lange eine Heldin, die das Studio nun mit einem eigenen Film ins Rampenlicht rückt: Black Widow alias Natasha Romanoff.

 

Scarlett Johansson schlüpfte bereits 2010 in „Iron Man 2“ erstmals in die Rolle der ehemaligen KGB-Agentin, die bei den Avengers aufgenommen wurde, der amerikanischen Superhelden-Elite. Romanoff hatte in mehreren Filmen denkwürdige Auftritte, auch dank Johanssons körperlichem Einsatz, sie blieb aber eine Nebenfigur. „Black Widow“ nun erklärt, wo sie eigentlich herkommt.

Die Schwestern schenken sich nichts

Und deutet gleich an, dass die Wachablösung naht: Die Engländerin Florence Pugh (25) als kleine Schwester Yelena stiehlt der Charakterdarstellerin Johansson (36, „Marriage Story“) ein ums andere Mal die Schau. Keine andere Schauspielerin versprüht derzeit mehr Energie als Pugh, schon in „Lady Macbeth“ (2016) mischte sie als Zwangsvermählte im 19. Jahrhundert die damalige englische Männerwelt kräftig auf.

Die Schwestern prügeln sich beim Wiedersehen erst mal ordentlich und sachkundig, und sie schenken sich auch sonst nichts: „Du bist so eine Poserin“, sagt Yelena spöttisch, als Natasha nach einem Sprung in bester Superheldenmanier landet.

Beide sind aus einer Privatarmee „schwarzer Witwen“ entkommen, die eigentlich eher Waisen sind: Der Bösewicht Dreykov (Ray Winstone) verschleppt Mädchen, bringt ihren Willen unter seine Kontrolle und bildet sie zu Supersoldatinnen aus – zu Kriegssklavinnen, mit denen er nach Belieben das Weltgeschehen beeinflusst. Natasha und ihrer Schwester Yelena allerdings wurden direkt von den Eltern an Dreykov übergeben – nachdem sie als KGB-Agenten in den USA aufgeflogen waren und fliehen mussten.

Was ist eine Familie – und was nicht?

Dreykov hat das Format eines klassischen Bond-Schurken, und „Black Widow“ wäre in dieser Filmreihe einer der besseren. USA, Kuba, Marokko, Norwegen sind Schauplätze in der Crash-Boom-Bang-Blockbuster-Inszenierung mit hohem Schauwert auf allen Ebenen und bis in die Details – wenn das Kleinflugzeug mit den Flüchtenden an Bord abhebt, fliegt ihm die Kamera exakt im Bogen der Flugbahn entgegen.

Zugleich bietet „Black Widow“ eine gewitzte Reflexion zum Thema Familie. Entstehen auch dann Bindungen, wenn Menschen nur als Tarnung zusammenleben? Taugt ein Freundeskreis – etwa die sich nun in Auflösung befindlichen Avengers – als Familienersatz?

Rachel Weisz (51), herausragend als Widersacherin von Emma Stone in „The Favourite“ (2018), spielt das schlagkräftige mütterliche Vorbild Melina und repräsentiert als Schauspielerin eine dritte Frauengeneration. David Harbour, schon in der Serie „Stranger Things“ eine herrlich ambivalente Vaterfigur, gibt den Agenten mit Profilneurose, den die Sowjets einst zum „Red Guardian“ aufzüchtete – als Gegenentwurf zum US-Superhelden Captain America.

Die vier finden sich nach langer Zeit wieder und durchlaufen Krisen, wie sie nur in Familien vorkommen. Als Kitt dient ausgerechnet die Erinnerung an das Lieblingslied der kindlichen Yelena: „Miss American Pie“. Auch für Sowjetagenten gibt es keine schönere Musik als diese inoffizielle US-Hymne – doch die Ironie der Situation und die emotionalen Verstrickungen brechen jeden Propagandaverdacht.

Frauen nehmen Rache an übergriffigen Männern

Vor allem aber ist dies natürlich ein Film über Frauen, die Regisseurin Cate Shortland fokussiert auf ihre Protagonistinnen, die sehr zeitgemäß und stimmig wirken. Und obwohl sie in extremen Verhältnissen leben und extrem streitbar sind, bieten sie viele Anknüpfungspunkte ans reale Leben. Die Frauen regeln alles pragmatisch, während die selbstverliebten Männer – Dreykov, Alexei – vor allem um sich selbst kreisen und eine große Klappe haben. Auch das wirkt sehr stimmig, treffend karikiert Shortland Geschlechterrituale.

Auf einer Metaebene trägt „Black Widow“ ähnlich universelle Züge wie Quentin Tarantinos „Django unchained“: Wie Jamie Foxx dort Sühne für die US-amerikanische Sklaverei als solche suchte, rächen Johansson und Pugh hier sämtliche Frauen, die je von Männern bevormundet, dominiert, ihrer Freiheit beraubt oder misshandelt worden sind.

Das Marvel-Universum hat schon öfter in solche Tiefen geführt: In „Iron Man 3“ durchlebt Robert Downey jr. in der Titelrolle eine handfeste Superhelden-Identitätskrise, „Captain America: Civil War“ ist ein großes, existenzielles Drama um alte Schuld, Intrigen und Loyalität von seltener Komplexität.

Die streitbaren Schwestern befreien die anderen, noch unterjochten Black Widows in einem furiosen Finale, in dem so richtig die Fetzen fliegen in Dreykovs Trutzburg des Bösen. Ein gut konstruierter Kniff im „Mission: Impossible“-Stil und einige ausgeklügelte Details erzeugen Thriller-Spannung und bieten exzellentes Entertainment.

Filmwirtschaftlich schließlich setzt Disney ein wichtiges Signal: Nachdem der Konzern zuletzt alle Filme exklusiv auf seinem Streamingdienst Disney+ gestartet hat, kehrt er mit „Black Widow“ zurück in die wiedereröffneten Kinos. Und da gehört dieses epische Werk auch hin mit all seinem Crash-Boom-Bang, seinem überlebensgroßen menschlichen Drama und seinen glänzenden weiblichen Stars.

• Ab diesem Donnerstag im Cinemax Mitte und SI, im Gloria und EM

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