Fühlt sich als Zweite Vorsitzende der IG Metall sehr wohl: Christiane Benner. Foto: IG Metall/Frank Rumpenhorst

IG-Metall-Vize Christiane Benner über die digitale Arbeitswelt, den Druck ihrer Gewerkschaft, sich mehr auf hoch qualifizierte Angestellte einzulassen – sowie zu der Frage, ob sie den Deutschen Gewerkschaftsbund führen will.

Stuttgart - Im Mai 2022 wählt der Gewerkschaftsbund eine neue Führung. IG-Metall-Vize Christiane Benner, die intern schon als Favoritin für den Posten gehandelt wurde, äußert dazu im Interview eine klare Haltung.

 

Frau Benner, Sie setzen sich sehr für bessere Arbeitsverhältnisse bei den Internet-Plattformfirmen ein – also für Menschen, die ausschließlich digitale Aufträge abarbeiten. Ist Ihnen nun bei der EU der Durchbruch gelungen?

In der Plattformökonomie herrscht teilweise arbeitsrechtlich ,Wilder Westen‘. Da finde ich es sehr gut, dass die EU den Regulierungsbedarf erkannt hat und die Arbeitsbedingungen von Plattformarbeit verbessern will. Im Kern geht es um Schutzmechanismen. Soloselbstständige sollen bei Erfüllung gewisser Kriterien leichter nachweisen können, dass sie Arbeitnehmer sind, mit allen damit verbundenen Konsequenzen wie etwa einer Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall. Ein weiterer wichtiger Schutzmechanismus sind bessere Informations- und Beschwerderechte. Den EU-Richtlinienentwurf muss man aber auch zusammen sehen mit den Leitlinien für das europäische Wettbewerbsrecht. Damit sollen Kollektivvereinbarungen für Soloselbstständige ermöglicht werden.

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Worin steckt der große Fortschritt?

Der Entwurf dreht die bisherige Logik ein Stück weit um. Im Moment wird davon ausgegangen, dass die bei den Plattformen Beschäftigten Soloselbstständige sind – obwohl diese Arbeit ganz stark durch Algorithmen gesteuert wird, also wie in einem normalen Arbeitsverhältnis durch das Direktionsrecht des Arbeitgebers. Diese Perfidität zeigt sich extrem bei den Lieferdiensten, wo der Algorithmus der Taktgeber ist und alles bis ins Letzte vorschreibt. Nach dem EU-Entwurf sollen die Plattformen künftig begründen müssen, warum diese Menschen wirklich Selbstständige sind und keine Arbeitnehmer. Das ist eine sehr gute Grundlage.

Die Arbeitgebervereinigung BDA protestiert: Die EU greife damit in das nationale Arbeitsrecht ein. Müssen Sie noch Aufweichungen fürchten?

Natürlich werden die Arbeitgeberverbände dagegen lobbyieren, weil es als Restriktion wahrgenommen wird. Aber es ist nicht so, dass die EU etwas völlig Absurdes fordert. Die geplante Beweislastumkehr ist ja schon in zehn weiteren EU-Ländern gang und gäbe. Es gibt auch Plattformarbeitgeber, die längst Verantwortung übernehmen und mit uns eine freiwillige Selbstverpflichtung für mehr Entgeltgerechtigkeit erarbeitet haben. Wir wollen Plattformarbeit nicht abschaffen, sondern für faire Spielregeln sorgen. Und wir wünschen uns, dass sich die Gremien der EU gegenüber der Lobbyarbeit der Wirtschaftsverbände als widerstandsfähig erweisen.

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Wird das Crowd- oder Clickworking als Gefahr für klassische Beschäftigungsformen von der deutschen Politik ausreichend ernst genommen?

Die Lieferdienste sieht man immerhin, weil sie mit ihren bunten Jacken durch die Gegend fahren. Aber die EU rechnet mit insgesamt bis zu 28 Millionen Beschäftigten in der Plattformökonomie. Diese Dimension wird von der Politik hierzulande jetzt erfasst.

Wie kommt die IG Metall beim Organisieren der Crowdworker voran?

Im Koalitionsvertrag haben wir das digitale Zugangsrecht zugesichert bekommen. Für uns ist das megarelevant, denn wie soll ich Beschäftigte zur Mitwirkung gewinnen, wenn ich keinen Zugang zu ihnen habe? Ich sehe das als eine gute Entwicklung.

Grenzen sich IG Metall und die auf dem Feld auch aktive Verdi voneinander ab?

Wir sind im produktiven Austausch.

Die Ampel hat auf ein eigenständiges Digitalministerium verzichtet. Weinen Sie als Digitalexpertin der Idee nach?

Nein. Die bisherigen Versuche etwa mit einer Staatsministerin für Digitalisierung waren nicht so richtig wirkungsvoll. Das Thema muss in alle Ministerien integriert werden.

Immerhin wird im Koalitionsvertrag ein Schwerpunkt auf Digitalisierung gelegt. Das dürfte Ihnen entgegenkommen.

Ja. Der Koalitionsvertrag bietet für uns definitiv genug Ansatzpunkte. Wir hätten uns zwar beim Ausbau der Mitbestimmung mehr vorstellen können, weil Beteiligung der Beschäftigten in der Arbeitswelt von heute einfach dazugehört. Die Ampelparteien scheinen aber verstanden zu haben, um was es hier geht. Dass es da mehr Drive braucht als unter der letzten Regierung, ist klar. Ganz ehrlich, an der Stelle setze ich aber auch auf die FDP, deren Energie natürlich arbeitnehmergerecht gerahmt werden muss. Da passt es, dass der Bundesarbeitsminister schon vor der Bundestagswahl einiges zur Regulierung der Plattformökonomie vorgelegt hat. Insofern bin ich ganz optimistisch. Aber weil es jetzt umgesetzt werden muss, werden wir natürlich hart am Wind bleiben.

In der Metall- und Elektroindustrie sind Softwarespezialisten einerseits sehr gesucht – andererseits werden IT-Ingenieursstellen abgebaut, weil ihr Wissen rasch veraltet. Verändert die Digitalisierung die Arbeit nicht viel schneller, als es den Beschäftigten vermittelt wird?

Richtig ist, dass das Wissen in der Informationstechnologie wegen der raschen Veränderungen eine relativ kurze Halbwertszeit hat. Die Jobs sind potenziell noch viel stärker gefährdet, als es sich akut darstellt. Wir versuchen darauf zu reagieren, indem wir zum Beispiel durch sogenannte Software-Akademien in Unternehmen dem Ingenieur mehr IT-Kompetenzen vermitteln – als ,training on the job‘.

Regierung und IG Metall erwecken teils den Eindruck, dass sich mit Fortbildung alles regeln lässt. Glauben Sie wirklich, dass sich alle IT-Fachkräfte zu Softwarespezialisten weiterbilden lassen?

Die Anwendungsfelder in den Unternehmen sind doch mannigfaltig. Es werden sich nicht alle mit dem autonomen Fahren befassen. Benötigt werden auch Leute, die Datenverarbeitung im Hintergrund organisieren und sich um die Hardware kümmern. Da braucht man ganz unterschiedliche Qualifikationsniveaus und Fähigkeiten der Leute. Das ist wie einem Hochhaus, in dem man Leute von Etage zu Etage weiter qualifiziert – keiner zieht vom Keller direkt in den 15. Stock. Richtig ist aber auch, dass es nicht reicht zu sagen: Wir werden eine Weiterbildungsgesellschaft – und dann ist der Drops gelutscht. Das ist er nicht. Mit Qualifizierung wird man nicht alles lösen. Wir brauchen vielfältige Maßnahmen.

Die Bereitschaft zur Weiterbildung ist unter den Beschäftigten ohnehin begrenzt – erst recht in der Pandemie.

Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, das ganz konkret im Betrieb zu machen. Überall, wo es die Menschen konkret betrifft und sie mitgestalten können, da sehen sie in Weiterbildung mehr Sinn und empfinden die Digitalisierung oft auch als eine Entlastung.

Die IG Metall tut sich seit jeher schwer in den Angestelltenbereichen – speziell bei Hochqualifizierten. Muss sie noch mehr auf deren Bedürfnisse eingehen?

Die IG Metall muss sich an der Stelle noch weiter wandeln. Wir haben da schon angefangen, etwa mit dem Tariflichen Zusatzgeld (T-Zug) zur Vereinbarung von Beruf und Privatleben – oder mit dem Tarifvertrag für mobile Arbeit. In vielen Betrieben haben wir auch Regelungen zum „Joint Leadership“ gemacht, also zu Tandemlösungen auf Führungspositionen. So etwas könnte mal ein Thema für einen Tarifvertrag sein. Wir sollten unsere tariflichen Regelungen weiter eng abgestimmt mit den Beschäftigten entwickeln. In der vorigen Tarifrunde haben sich viele Dual Studierende – also akademische Klientel – dafür eingesetzt, dass es einen Tarifvertrag für sie gibt. Meine Erfahrung ist: Wenn wir existenzielle Regelungen für alle schaffen, gewinnen wir die Angestellten auch. Die Arbeitgeber stellen sich da teilweise noch bockbeinig an. Aber auch sie müssen sich die Frage stellen, wie zeitgemäße Tarifpolitik aussehen kann, damit die Unternehmen Attraktives anbieten können.

2020 hatte die IG Metall bei den Angestellten einen leichten Zuwachs auf knapp 336 000 Mitglieder. Wie ist die Entwicklung im zweiten Corona-Jahr?

Im Angestelltenbereich ist die Mitgliederentwicklung relativ stabil. Ich fände ein Plus der Zahlen in dem Bereich noch cooler, aber das haben Gewerkschaften in der schwierigen Pandemie-Situation nirgendwo. Entscheidend ist für uns, dass die Beschäftigtenstrukturen in den betrieblichen Gremien gut abgebildet sind. Da haben wir einen guten Trend. Bei Ingenieuren oder Jüngeren etwa versuchen wir, die Belegschaft besser zu repräsentieren, um die Interessen der unterschiedlichen Beschäftigtengruppen gut zu vertreten und attraktive Betriebsratsarbeit für alle zu machen.

Vielfach dominiert noch der klassische Arbeiterton – ist das ein Problem?

Wir brauchen auch die akademische Denke in den Gremien und der Gewerkschaftsarbeit. Diese Beschäftigten sind zum Teil härter am Wind, was die unternehmerische Ausrichtung an neuen Geschäftsmodellen und Strategien angeht. Die Frage ist nun: Wie kriege ich mit ihnen angesichts der zunehmenden Umbrüche das Bild einer solidarischen Belegschaft erarbeitet, die in der Auseinandersetzung zusammensteht? Da treffen wir den Ton immer öfter. Es wird erkannt, dass die Vielfalt in der Belegschaft zu einer Stärke führt, wenn ich die Interessenlagen bündeln kann. Wenn sich die Leute mit ihren Themen aufgehoben fühlen, dann kriegen wir das hin. Bei unseren Beschäftigtenbefragungen nehmen IT-ler oder Vertriebler schon überproportional teil. Die trauen uns viel zu – auch wenn sie nicht immer gleich Mitglied werden.

Zu Ihrer Person: Sie hätten vermutlich große Chancen, DGB-Vorsitzende zu werden. Doch heißt es, dass Sie dieses Amt nicht anstreben. Warum nicht?

Danke für Ihre Einschätzung. Mir bereitet meine Tätigkeit in der IG Metall eine enorme Freude. Es ist für mich wirklich eine große Ehre, mit Kolleginnen und Kollegen an der Spitze dieser tollen Organisation stehen zu dürfen. Ich habe das Gefühl, hier die Herausforderungen der Transformation am konkretesten mitgestalten zu können – und dass ich hier am besten die Frage beantworten kann, wie die IG Metall in einer veränderten Arbeitswelt stark und eine relevante Akteurin im größten Wirtschaftssektor bleiben kann. Ich sehe somit meinen Platz in dieser Organisation, denn ich bin eine Metallerin mit Kopf und Herz.

Wäre das höchste Gewerkschaftsamt nicht eine Chance, Ihre Anliegen in vorderster politischer Front zu vertreten?

Ich bin sehr happy mit meiner Arbeit, auch weil ich stark von der Industriegewerkschaft geprägt bin. Ich habe das Gefühl, dass ich in der IG Metall eher den Unterschied ausmachen kann. Da sehe ich mich besser aufgehoben als bei der Aufgabe, die Heterogenität im Gewerkschaftsbund an der DGB-Spitze zusammenzuführen.

Was bedeutet das dann für Ihre künftigen Ambitionen in der IG Metall?

Wir haben enorme Herausforderungen. Da ist es mein Plan, auf diese sich verändernde Arbeitswelt mit meinen Kolleginnen und Kollegen Antworten zu finden. Direkt gesagt: Es geht um die IG Metall – es geht nicht um mich. Ich will, dass wir diese Organisation weiter entwickeln, um die massiven Umbrüche in den Betrieben sozial zu gestalten und damit den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft weiterzuentwickeln. Da haben wir in den vergangenen Jahren auch einen guten Job gemacht, und daran möchte ich gerne anknüpfen.

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Zweite Vorsitzende

IT-Expertin
 Christiane Benner (53) ist seit sechs Jahren Zweite Vorsitzende der IG Metall – an der Seite des seither amtierenden Chefs Jörg Hofmann aus Esslingen. Zuvor kümmerte sie sich schwerpunktmäßig um den Bereich Informationstechnologie und Telekommunikation – derzeit auch um Betriebspolitik und Crowdsourcing. Die gebürtige Aachenerin sitzt zudem in den Aufsichtsräten von BMW und Continental.

Quotenbefürworterin
 Zuständig ist die studierte Soziologin ferner für Gleichstellungsfragen und die diversen Zielgruppen der Gewerkschaft. Dazu äußerte sie neulich auf der DGB-Bundesfrauenkonferenz, eine „absolute Quotenfetischistin“ zu sein. „Frauen müssen an den großen Trog – dorthin, wo es Geld und Einfluss gibt“, lautet ihr Credo.