Eine schreckliche Hungersnot hält die Afghanen im Griff. Eine Millionen Kinder könnten den harten Winter nicht überleben. Der Westen kann die Not beenden – doch politische Interessen stehen im Wege.
Stuttgart - Afghanistans dramaturgischer Höhepunkt ist aus westlicher Sicht erzählt. Was kann kommen nach den Bildern vom Kabuler Flughafen – von Menschen, die sich an durchstartende Flugzeuge klammerten und in den Tod stürzten, um der grausamen Talibenherrschaft zu entgehen? Nach den Berichten von blutjungen Mädchen, die an Taliban-Kämpfer zwangsverheiratet wurden? Nach der Scham des Westens über das eigene vollumfassende Versagen? Es folgte: Afghanistan-Müdigkeit. Endlich, hörte man ein fast kollektives Aufseufzen, ist das sinnlose Abenteuer am Hindukusch zu Ende.
Doch was für den Westen der tragische Höhepunkt war, ist für die Afghanen erst der Anfang. Afghanistan steht am Rande einer schrecklichen Hungersnot. Eine Millionen Kinder, so Schätzungen der UN, könnten den Winter nicht überleben. Immer mehr Bilder völlig abgemagerter Kleinkinder und Säuglinge kommen aus einem Land, in dem der Westen zwanzig Jahre Aufbau geleistet hat. Zwanzig Jahre, in denen von Brunnenbohren und Mädchenschulen die Rede war. Nun kämpfen die Afghanen einen einsamen Kampf gegen den Hunger.
Seht her, wie die Steinzeitislamisten das Land ruinieren!
Afghanistan leidet unter der schlimmsten Dürre seit zwei Jahrzehnten, die Forscher als direkte Folge des vom Klimawandel verursachten La-Nina-Phänomens einstufen. Fataler für die Afghanen aber ist, dass die USA mit der Machtübernahme der Taliban sämtliche staatliche Rücklagen, die wegen der schwachen afghanischen Währung überwiegend auf US-Konten lagern, quasi über Nacht einfroren. Lehrer, Krankenschwestern und Ärzte bekommen seither keinen Lohn. Hilfsorganisationen konnten aufgrund der harschen Sanktionen keine Gelder nach Afghanistan transferieren. Viele Afghanen haben aufgrund der extremen Bargeld-Knappheit keinen Zugriff mehr auf ihre Bankkonten. Die Wirtschaft ist implodiert.
Vordergründig ist das Kalkül der USA verständlich: Eine Regierung von menschenverachtenden Islamisten, die sich an die Staatsspitze hinaufterrorisiert haben, soll ins Abseits sanktioniert und schließlich zu Zugeständnissen bewegt werden. Mehr moderate Kräfte in der Regierung, mehr Frauenrechte, die ungehinderte Ausreise westlicher Helfer – die Wunschliste ist lang. All das sind gute und wichtige Ziele. Doch der Einsatz, das Leben von Millionen Zivilisten, ist zu hoch. Wenn es überhaupt um derart hehre Ziele geht. Man habe den Taliban vor der Übernahme mit der totalen Isolation des Landes gedroht, sagen US-Politiker. Sicher geht es nun auch darum, die eigenen Drohungen wahr zu machen und ein Exempel zu statuieren: Seht her, wie die Steinzeitislamisten in Rekordgeschwindigkeit ein Land in den Ruin treiben!
Wir tragen Verantwortung für die Afghanen
Der Bürgerkrieg in Syrien hat gezeigt, dass ein weit entfernter Konflikt Flüchtlinge und Terror bis vor die eigene Haustür trägt. Im Falle Afghanistans wird das kaum die USA treffen – sehr wohl aber Europa und allen voran Deutschland mit seiner großen afghanischen Exilgemeinde. UN-Mitarbeiter warnen bereits, dass der IS beginnt, sich den Hunger zunutze zu machen. Wer meint, nach den Taliban könne nichts Schlimmeres kommen, sei auch an Somalia erinnert. Auf vom Westen harsch sanktionierte Regime folgte schließlich: ein von Warlords zerstückeltes staatliches Nichts, in dem es schlicht keine Ansprechpartner mehr gab.
Der Westen darf in Afghanistan keine stupiden Denkzettel verteilen, darf keine systemischen Kämpfe ausfechten. Er darf es sich nicht einfach machen. Nach zwanzig Jahren bleibt eine besondere Verantwortung für die Afghanen – ob es gefällt oder nicht. Im Moment scheint der Westen aber auf bestem Wege, seinen bislang schlimmsten Fehler am Hindukusch zu begehen.