Der Hunger ist groß – nach echten gemeinsamen Erlebnissen, nach Begegnung, nach Auseinandersetzung mit existenziellen Themen. Diesen Hunger kann und will das Zimmertheater stillen. Sechs Stücke stehen auf dem Spielplan, die Stallhalle ist startklar. Was fehlt, ist nur noch die Spielerlaubnis.
Rottweil - Der 24. April rückt immer näher. Es ist der Tag, an dem das Zimmertheater die Premiere von "Der Menschenfeind" von Jean-Baptiste Molière feiern will. Im Idealfall gemeinsam mit dem Publikum in der Stallhalle. Ob das möglich sein wird, ist immer noch offen.
"Wir haben auch einen Plan B. Wir spielen so oder so", kündigt Intendant und Regisseur Peter Staatsmann an. Falls man nicht öffnen darf, will das Zimmertheater eine Live-Übertragung wagen – eventuell mit Einführung und Erklärsequenzen.
Eine absolute Notlösung
"Wir sind im Schwebezustand. Und wir sind bereit, den grünen oder den gelben Knopf zu drücken. Wenn es auch holprig wird, wir lassen es aufnehmen. Vielleicht gucken da ein paar Leute zu", sagt Staatsmann.
Ihm sieht man an, dass er mit dieser alternativen Livestream-Option nicht wirklich glücklich ist. Denn er ist überzeugt: "Theater kann man nicht ins Internet übertragen. Da geht der Moment verloren, auf den es bei uns extrem ankommt." Das Eintauchen in die Geschichte, in die Charaktere, das Interagieren zwischen Schauspielern und Zuschauern – das alles ist im digitalen Format schwer umsetzbar. "Vielleicht können die Zuschauer eintauchen, wenn sie sich Kopfhörer aufsetzen und die Tür verriegeln, aber das kann man mit einem Theaterbesuch nicht vergleichen", sagt Staatsmann.
Es wäre eine absolute Notlösung, macht er klar. Aber: "Wir müssen wieder anfangen." Das Publikum sehnt sich danach – genauso wie die Schauspieler, die seit Monaten ununterbrochen proben und zum Teil fünf, sechs Stücke im Kopf haben.
"Das kann man nicht endlos erweitern", weiß Staatsmann. Und: "Für die Schauspieler ist es unmöglich, ohne Publikum zu spielen." Denn der Schauspieler öffnet sich nur, wenn der Zuschauer es will, wenn er es zulässt. "Das ist der Kern des Theaters."
"Fast Food" im Fernsehen
Diesen Unterschied "zwischen Theater und ›Fast Food‹ im Fernsehen" merken manche erst jetzt, stellt der Intendant fest. "Man will in etwas tiefer Ausgelotetes, in etwas Komplexeres eintauchen, etwas, was durch viele Stufen der Bearbeitung gegangen ist. Die Menschen wollen herausgefordert werden."
Intendantin Bettina Schültke sagt, es kommen immer wieder Nachfragen, manche wollen sofort Karten reservieren. "Man hat auf jeden Fall das Gefühl, dass eine Art von Hunger entsteht."
Mit sechs Produktionen kann das Zimmertheater sofort starten. Neben "Der Menschenfeind" stehen zwei weitere Premieren an: "Friedrich Prinz von Homburg" und "Ronja Räubertochter". Wiederaufgeführt werden "Das kunstseidene Mädchen", "Nathan der Weise" und "Atmen" von Duncan Macmillan.
Das letztere Stück, das nur zweimal vor dem Lockdown gespielt wurde, wurde begeistert aufgenommen, erinnern sich Staatsmann und Schültke. "Es sind Fragen, die aktuell sind. Ein junges Paar, die Frage nach dem Kind. Es geht um Privates, den allgemeinen Weltzustand und die ganzen Katastrophen am Welthorizont. Die Frau steht dabei im Mittelpunkt mit ihrer Frage nach dem Ich und nach dem Kinderwunsch. Und am Ende passiert alles ganz anders. Der ganze Lebensbogen wird mit erzählt", schildert Staatsmann. Er findet, dass das Stück eine interessante Perspektive für die jetzige Zeit bietet. "Auch weil wir jetzt anders nachdenken über das Leben. Wir waren im Rausch, die Gesellschaft war im Rausch. Wir hatten das Gefühl: Alles klappt, wir können alles, wir schaffen alles. Jetzt ist es anders."
Das Geheimnis der Hingabe
Das Theater erzählt auch solche Geschichten, lässt Einblicke, regt zum Nachdenken an und bietet eine ganz besondere Auseinandersetzung – diejenige mit sich selbst.
Diese Magie, diesen Zauber des Theaters will die Truppe des Zimmertheaters nun in einem Film zeigen, sagt Staatsmann. Mit diesem Projekt geht das Team neue Wege. "Theater ist nicht irgendetwas" lautet der Arbeitstitel. "Im Internet ist alles irgendetwas, alles ist auf gleicher Stufe. Die Truppe wehrt sich gegen diese Oberflächlichkeit, gegen das Beliebige. Denn das Theater ist viel komplexer, so komplex wie das Leben selbst", erklärt Staatsmann.
Im halbfiktionalen Film soll es um die Wege der Schauspieler, um das Geheimnis der Öffnung, der Hingabe gehen – und darum, dass das Theater etwas Kostbares ist, was nicht ersetzt werden kann.
Doch ob der Zuschauer jetzt nach vielen Monaten des Verzichts in der Krise diesen Tiefgang braucht? Oder eher etwas Lustiges und weniger Anspruchsvolles? Die Frage haben sich Staatsmann und Schültke auch gestellt – und sind sich einig: Sie wollen keinesfalls nur noch auf Boulevard-Komödien, Entertainment, Klamauk oder Trash-Ästhetik umsatteln. "Wir lassen uns nicht abbringen von unserer Aufgabe", sagt Staatsmann. Amüsant und humorvoll dürfen die Produktionen sein – aber auch Tiefgang und Anspruch bieten.
Dass man die Stücke bald live erleben kann, ist noch nicht sicher. Die Hoffnungen ruhen auf dem Tübinger Modell: Vielleicht wäre es auch in Rottweil für negativ Getestete möglich, mit ihrem Tagespass abends ins Theater zu gehen.
Für das Zimmertheater wächst auch der finanzielle Druck mit jedem Tag. Zwar habe man Hilfen und kleine Spenden von treuen Zuschauern bekommen und sei in ein Förderprogramm des Bundes mit aufgenommen worden, sagt Schültke, doch man möchte viel lieber spielen und finanziell auf eigenen Füßen stehen. Darauf warten auch die Schauspieler ungeduldig: Endlich wieder auf der Bühne vor dem Publikum stehen, wieder geben, schenken und glänzen können.