Mit 18 wurden Hülya Marquardt beide Beine amputiert. Wie verläuft ein Frauenleben mit dieser Einschränkung? Und was bedeutet es, Mutter zu werden? Ein Porträt aus unserer Reihe "Lesenswert aus 2023"
Was Hülya Marquardt nicht kann: Rangi hinterherrennen, Rangi in die Schaukel heben, Rangi allein von der Kita abholen, ihn auf dem Fahrrad kutschieren. Was Hülya Marquardt kann: Rangi im Arm halten, mit Rangi lachen, Rangi trösten, ihn lieb haben.
Ein warmer Frühsommermittag in Weissach im Tal. Hülya Marquart sitzt auf der Terrasse hinterm Haus, vor sich das Grün eines großen Gartens. Eben kommt ihr Mann Dennis mit dem dreijährigen Sohn aus der Kita. Hülya Marquardt rutscht vom Stuhl und stellt sich auf die Stubbies, wie sie ihre Oberschenkel-Prothesen nennt. Mit ihnen ist sie so groß wie auf Knien. Sie geht auf Rangi zu, der kuschelt sich müde an sie. „Ooch, du brauchst ein Schläfchen, hm“, sagt die Mama und streicht ihm über die Wange. Dann übernimmt wieder der Vater. Er wird mit Rangi ein bisschen Auto fahren, bis der nach wenigen Momenten eingeschlummert ist.
Auch der Vater hat schon Dysmelie
Mama ohne Beine – so wurde Hülya Marquardt in einer Fernsehdoku vorgestellt. Das trifft es exakt. Und doch wieder nicht, weil es all das Mit ausklammert. Die 40-Jährige hat Dysmelie, eine angeborene Fehlbildung von Körperteilen. An der rechten Hand hat sie zwei Finger, an der linken vier. Als sie 18 Jahre alt ist, müssen die Beine oberhalb der Knie amputiert werden. Wie verläuft ein Frauenleben mit dieser Einschränkung? Was bedeutet es, Mutter zu werden?
Hülya Marquardt wächst in Hagen in Nordrhein-Westfalen auf. Die Familienhistorie, eine Gastarbeitergeschichte: Der Großvater kommt aus der Türkei nach Deutschland, holt den ältesten Sohn nach, Hülyas Vater. Auch er leidet an Dysmelie, seine Beine werden im Kindesalter amputiert. Ihre Mutter wird als 17-Jährige mit dem Vater verheiratet, bringt drei Töchter zur Welt. Die älteste, Hülya, erbt die Krankheit. Sechs Jahre verbringt das Kind fast ununterbrochen im Uniklinikum Münster. Die Ärzte versuchen, ihre Beine zu retten, setzen Schienen ein, mit denen sie gehen kann. Krankenschwester Gaby mit den langen roten Haaren trägt das Mädchen überall hin, wo es sein möchte. Wenn Hülya bei den Eltern ist, sagt sie manchmal: „Ich möchte nach Hause zu meiner Mama“, und meint Gaby und das Krankenhaus damit.
Nach der Klinikzeit aber erlebt sie ihre Kindheit nicht anders als die ihrer Freundinnen und Freunde. Seilspringen, Volleyballspielen, Klettern, Verstecken. Alles macht sie mit. Und wenn die anderen Fahrrad fahren, steigt Hülya auf ihr Kindermotorrad mit Akkubetrieb. Eine Tante sagt dem Mädchen: „Du wirst nie einen Mann und Kinder haben.“ Ein Satz, der nagt, aber, wenn man Hülya Marquardts Weg bis hierhin betrachtet, sie vielleicht auch antreibt, ihn und so viele andere Vorstellungen von einem Leben mit Behinderung zu widerlegen.
Bei Strafen drücken die Lehrer ein Auge zu
Mit zwölf Jahren möchte sie auf eine religiöse Schule in Ankara, um in der Nähe ihrer Großmutter zu sein. Sie überzeugt die Eltern. Es ist eine gute Zeit, trotz aller Strenge in der Schule: „Wir mussten dort zur Strafe auf einem Bein stehen. Bei mir wurde da ein Auge zugedrückt“, sagt Hülya Marquardt und lacht darüber.
Zurück in Deutschland will sie auf ein Internat für Körperbehinderte. Sie wird dort neun Jahre verbringen, ihren Schulabschluss, eine kaufmännische Ausbildung machen – und sich für die Amputation ihrer Beine entscheiden. Sie hat immer wieder Schmerzen, Entzündungen darin, die Ärzte raten dazu. Vor allem der Abschied vom zweiten Bein macht ihr Angst. Diese Endgültigkeit. Als sie nach der Operation unter die Decke lugt, findet sie es nicht so schlimm, wie sie dachte. Sie blickt noch einmal auf ihre Schuhe, die im Krankenzimmer stehen – und von da an nur noch nach vorne.
Hülya Marquardt ist ein strahlender Mensch. Sie wirkt selbstsicher, unverstellt – offen. Wenn sie spricht, fliegen ihre lackierten Finger durch die Luft wie die einer Dirigentin. Wenn sie zuhört, blickt sie einem aus dunklen Augen interessiert-freundlich ins Gesicht. Ihre Stimme hat Wumms und hin und wieder den Klang des Potts. Man kann sich gut vorstellen, wie sie im Internat Hauptrollen in der Theatergruppe spielte, rappte und tanzte. „Ich hab dat so geliebt!“
In Dennis Marquardt (39) hat sie einen ebenbürtigen Charakter gefunden. Wenn die beiden eine Geschichte erzählen, wechseln sie sich ab, ohne einander ins Wort zu fallen, ergänzen sich in ihren Erinnerungen. Zum Beispiel von ihrem Kennenlernen. Es passiert auf Facebook über einen gemeinsamen Kontakt. Dennis Marquardt, Lehrer an der Waldorfschule in Schwäbisch Hall, schickt immer wieder kurze Nachrichten an Hülya, zu Weihnachten, zum Geburtstag. Nach einem Jahr antwortet sie endlich. Vier Wochen schreiben und telefonieren sie wie wild. Als sie ihm von der Dysmelie erzählt, spielt das schon keine Rolle mehr. „Da wollte ich sie schon unbedingt treffen“, sagt er. Acht Jahre ist das nun her.
Soll sie ihr Leben in Hagen aufgeben?
Kurz zögert Hülya Marquardt, ob sie in Hagen alles aufgeben soll. Die eigene Wohnung direkt in der Innenstadt gegenüber einer Disco, wo das Leben nur so pumpt. Die geliebte Stelle im sozialen Dienst eines Seniorenheims. „Da ist ja nur Wald, und keiner sagt Hallo!“, denkt sie über Dennis’ Heimat. Aber dann zieht sie doch um.
Auch die Entscheidung für Rangi war so eine impulsive. Das Paar führt ein freies Leben. „Wir waren das Pärchen, das immer reiste“, sagt Dennis Marquardt. Safari in Kenia, Städtetrip nach New York. Hülya Marquardt ist oft auf ihren Beinprothesen unterwegs, 1,71 Meter ist sie damit groß. Sie organisiert Seminare bei der Handwerkskammer Schwaben, führt mit ihrer Schwiegermutter Andrea eine Modeboutique in Weissach im Tal, fährt zur Fashion-Week nach Berlin.
Aber mit 35 hat sie plötzlich einen Wunsch, den sie zuvor nicht spürte. „Ich will jetzt ein Kind“, sagt Hülya zu Dennis. Und der sagt Ja. Dass das Baby die Dysmelie erben könnte, ist für beide kein Grund dagegen. Rangi kommt nach einer „perfekten Schwangerschaft“ gesund zur Welt.
Die Mutter fühlt sich wie eingesperrt
Der Kleine wird jetzt aus dem Auto-Nickerchen geweckt, sonst ist abends wieder Halligalli. Seine Mutter ist auf eine Decke in den schattigen Garten umgezogen. Rangi döst in ihren Armen weiter. So ruhig geht es selten zu. Als das Kind acht Monate alt ist, will es nicht mehr im Kinderwagen liegen oder sitzen, mit einem Jahr läuft es.
Für Hülya Marquardt beginnt eine schwierige Zeit. Zuvor ging sie viel mit dem Kinderwagen spazieren, schob den Sohn daheim in einem Korb auf Rollen herum. Jetzt rennt Rangi davon, klettert überall hoch, ist eben ein Kleinkind, das alles will, ohne zu wissen, was es tut. Hülya, die Mobile, kommt nicht hinterher, ist daheim wie eingesperrt.
Das Haus verlassen kann sie mit Rangi nur, wenn die Großeltern oder ihr Mann dabei sind. Zum ersten Mal spürt sie die Behinderung wirklich, die Abhängigkeit von anderen. Wenn Rangi mit dem Fingerchen zum Fenster zeigt und „Raus!“ ruft, dann will sie heulen. Sie zählt die Minuten, bis Dennis von der Schule nach Hause kommt. Und der steht im Klassenzimmer wie auf glühenden Kohlen, weil er weiß, dass ihn jetzt zwei Menschen brauchen.
Die Beinprothesen sind zu gefährlich mit Rangi
Aber sie haben sich eingerichtet in dieser Kleinkindzeit. „Alles nur eine Phase“ – das ist so ein berühmter Elternberuhigungssatz, der auch Hülya Marquardt hilft. Auf die langen Beinprothesen verzichtet sie. Zu gefährlich mit Rangi. Er könnte sie umwerfen oder sich die Finger in den Stahlgelenken einklemmen. Die Mutter zieht und schwingt sich nun mit trainierten Armen über den Boden, auf unebenem Gelände benutzt sie zwei Push-up-Bars dafür, Griffe, die wie flache Bügeleisen aussehen. Ein bisschen wirkt sie wie ein Sportler am Pauschenpferd damit. „Wenn Hülya nicht so fit wäre, ginge das alles gar nicht“, sagt ihr Mann.
Sie sind jetzt einfach überall zu dritt: auf dem Spielplatz, im Supermarkt, in der Kita. Wenn sie über die Felder spazieren, rollt Hülya auf einem Longboard nebenher.
Auch ihr Instagram-Account mit den Fotos von ihr ist seit 2017 ein Familienbetrieb. Dennis fotografiert und filmt, was gepostet wird: Hülya im Rollstuhl vor Bergkulisse, auf dem Markt von Izmir, am Trafalgar Square. Mit Prothesen beim Sport, im Wald, auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Und irgendwann eben auch mit dem schwarzen Kinderwagen neben sich, mit Rangi auf dem Schoß, neben der Schaukel.
Mehr als 120 000 Menschen aus der ganzen Welt folgen ihr mittlerweile. Viele Frauen mit Behinderung sind darunter, auch aus Ländern wie dem Iran, wo so ein Leben wenig zählt. Eine Frau schreibt ihr, sie übe jetzt auch, sich mit den Händen fortzubewegen, fühle sich freier damit als im Rollstuhl. Eine andere, dass sie sich nun doch für ein Kind entschieden hat. Diese Frauen haben gesehen, was Hülya Marquardt alles kann.