Der deutsche Schlager wird als seichtes Milieu der Weltflucht geringgeschätzt. Udo Jürgens blieb zeitlebens davon unberührt. Der Literaturwissenschaftler Rainer Moritz über das ungebrochene Renommee eines Geschichtenerzählers.
Pscholka hieß er. Seinen Vornamen habe ich vergessen. Nennen wir ihn Uwe. Er wohnte wie ich in Heilbronn, in der Burenstraße, fünf Fahrradminuten von der elterlichen Wohnung entfernt. Wir waren keine engen Freunde, Schulkameraden, die herausfanden, dass sie ein damals eher abseitiges Interesse teilten: den deutschen Schlager. Ich selbst hatte mich, was einer fehlgeschlagenen musikalischen Sozialisation geschuldet war, früh dafür begeistert, was Bernd Clüver, Gitte, Michael Holm oder Marianne Rosenberg sangen, und lernte zu verkraften, dass ich mit dieser Neigung von Mitschülern nur ein spöttisches Lächeln abbekam.
In dieser existenziellen Einsamkeit war ich froh, dass es Uwe Pscholka gab, der mit der angloamerikanischen Rock- und Popmusik jener Jahre offenkundig auch nicht viel anzufangen wusste. So fanden zwei verlorene Seelen zueinander, und wir trafen uns ein paar Mal in der Pscholka’schen Wohnung. Ausgestattet mit selbst aufgenommenen Kassetten der aktuellen deutschen Hits, spielten wir das Prozedere der Radio- und TV-Schlagerparaden nach und bewerteten das Gehörte nach einem ausgeklügelten Punktesystem. Dass wir zu zweit waren und nicht wie beim „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ mit einem Dutzend Juroren wetteiferten, senkte zwar den Spannungsbogen unserer Nachmittage, doch einen echten Schlagerfan kann das nicht verdrießen.
Wem damals im Einzelnen unsere Gunst gehörte, weiß ich im Detail nicht mehr. Kein Zweifel allerdings besteht daran, dass Udo Jürgens zu unseren Favoriten zählte, und immer noch höre ich Udo voll Zuversicht sein „Immer wieder geht die Sonne auf“ schmettern.
So also begann alles, mit diesem Song. Uwe Pscholka und ich waren uns in dessen Bewertung einig und vergaben die Höchstpunktzahl, wodurch das Ergebnis unserer nachgespielten Hitparade früh feststand. Seit damals hat mich Udo Jürgens begleitet; mal stand er direkt neben mir, mal sah ich ihm aus der Ferne zu. Bis zu jenem 21. Dezember 2014, als er völlig überraschend nach einem Spaziergang an einer Herzattacke starb. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer, und sie erschütterte nicht nur mich auf merkwürdige Weise.
Udo Jürgens tot? Das war unvorstellbar und gab einem das schmerzhafte Gefühl, dass hier nicht irgendeine Größe aus Politik, Sport oder Kultur gestorben war. Obwohl er nicht als mittelalter Mann starb, wirkte er unverwüstlich, stellte sein Tod eine Art Beleidigung dar. Die Falten, die sein Gesicht zu einer markanten Karstlandschaft formten, standen nicht für Gebrechlichkeit. Sie sprachen für die reichhaltige Erfahrung eines intensiv gelebten Lebens und deuteten trotz aller Melancholie, die dieses Gesicht manchmal durchsichtig machte, darauf hin, dass hier bis zuletzt ein nimmermüder, neugieriger Geist regiert hatte.
Es gab in diesem Leben kein auffälliges Schwinden der Kräfte, kein Dahinsiechen. Wir dürfen davon ausgehen, dass er auf seinem letzten Spaziergang Pläne schmiedete. Zu leben, als gäbe es keinen Tod, mag oft ein Zeichen von Verdrängung und Verblendung sein. Udo Jürgens wirkte frei davon, er brauchte diese Haltung, um weiterleben zu können. Sein Nachruhm zehrt auch davon.
Udo Jürgens’ Karriere schien beendet, bevor sie begann
Es dauerte lange, bis seine Karriere ins Laufen kam. 1954 nahm er seine erste Platte auf: „Es waren weiße Chrysanthemen“ – ein Flop, und was auf diesen Fehlstart folgte, war ebenso wenig der Rede wert. Obwohl Branchengrößen für ihn komponierten und texteten, fehlte den frühen Liedern fast ausnahmslos eine eigene Note. Jürgens sang mit einer bewusst eingesetzten tiefen Stimme, die kaum an den Sänger späterer Jahre erinnert, und versuchte, von seinen Produzenten genötigt, alles nachzuahmen, was damals populär war. So klangen diese Schlager mal nach Gerhard Wendland, mal nach Peter Kraus oder Freddy Quinn, mal nach Caterina Valente oder Vico Torriani.
Trotz mancher Erfolge schien die Karriere des Sängers Jürgens beendet, ehe sie richtig begonnen hatte. Mit seinen Kompositionen reüssierte er international, etwa als Shirley Bassey sein „Reach out for the Stars“ aufnahm, doch seine Interpretenlaufbahn sah wie eine Sackgasse aus, nachdem die Polydor 1963 seinen Plattenvertrag gekündigt hatte. Erst mit Hans R. Beierlein als neuem Manager änderte sich das. Als er 1966 im dritten Anlauf mit „Merci Chérie“ beim „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ gewann, setzte ein Aufstieg ein, der er in der deutschen Schlagergeschichte seinesgleichen sucht.
Binnen weniger Jahre avancierte „Udo 70“ zum Star, absolvierte Welttourneen und erreichte eine Popularität, die selbst von den Kennedy-Brüdern kaum übertroffen wurde. Sein Auftreten und seine Lieder zogen eine Vielzahl von Deutungen nach sich. Jürgens’ Wirkung rief Feuilletonisten, Musikwissenschaftler und Soziologen auf den Plan, die voller Fantasie nach Erklärungen suchten. Schriftsteller wie Johannes Mario Simmel oder Hans Hellmut Kirst, Publizisten wie Axel Eggebrecht und Reginald Rudorf oder Theologen wie Adolf Sommerauer und Adolf Holl äußerten sich zu ihm. Politiker wie Kurt-Georg Kiesinger, Willy Brandt und Bruno Kreisky suchten seine Nähe.
An kuriosen, tiefschürfenden Interpretationen mangelte es nicht. So erläuterte der Musiklehrer und „Sexologe“ Günther Hunold ausführlich, worin die erotische Sprengkraft der Jürgens’schen Auftritte bestehe: „Udo Jürgens bietet seinen weiblichen Zuhörern das musikalische Äquivalent eines pausenlosen Orgasmus, einer nicht endenwollenden Kette von Höhepunkten. (. . .) Einen Orgasmus, auf den sie im Leben verzichten müssen, weil es ihn physiologisch nur selten und künstlerisch gestaltet überhaupt nicht gibt.“ Jürgens’ Konzerte seien folglich „kollektive Sexualveranstaltungen“ und hätten „Orgien“-Charakter.
Udo Jürgens gelangen zeitlose Evergreens
Manager Beierlein erkannte früh die Gefahr, dass sich die „Marke“ Udo Jürgens totlaufen könnte, und verordnete seinem Zögling einen Imagewechsel. Der „Werthers-Leiden-Sänger“, der mit „Sag ihr, ich lass’ sie grüßen“ oder „Sag mir wie“ als Spezialist für oft melancholisch eingefärbte Herzschmerzlieder galt, durchlief einen Wandel. Mit einem Mal sang er auf Englisch („Cotton Fields“), näherte sich halbironisch als „Happy Udo“ der slawischen Damenwelt („Anuschka“, „Babuschkin“) und provozierte nicht nur das Feuilleton mit demonstrativ gesellschaftskritischen Liedern („Lieb Vaterland“, „Ein ehrenwertes Haus“).
So verblüffte er sein Publikum mit überraschenden Titeln, bei denen ihm kongeniale Texter wie Wolfgang Hofer oder Michael Kunze zur Seite standen. In den 1970er Jahren gelangen ihm Evergreens wie das Gastarbeiterlied „Griechischer Wein“ oder das vor zu viel Zucker warnende „Aber bitte mit Sahne“. Auch Peinlichkeiten wie das juntafreundliche „Buenos Dias Argentina“, das er 1978 mit der deutschen Fußball-Nationalelf einsang, gehörten dazu.
Udo Jürgens strebte als Komponist nach Höherem, doch weder seine Musicals noch seine ambitionierte sinfonische Dichtung „Die Krone der Schöpfung“ schrieben Musikgeschichten. Unvergesslich hingegen blieben jene Lieder, die ihn als „Geschichtenerzähler“ zeigten – wie in „Ich war noch niemals in New York“, „Ich schrieb nie ein Lied für Karin“ oder „Und dabei könnt’ sie meine Tochter sein“. In seinen letzten Lebensjahren wurde er zum unantastbaren Heiligen des Showgeschäfts, dem das Fernsehen Geburtstagsgalas widmete.
Sein Renommee ist seit seinem Tod nicht kleiner geworden. Das hat Gründe. Er war ein Komponist von hohen Graden, der nie an einem Schema festhielt. Er vermittelte stets den Eindruck, für seine Sache zu brennen und sich bis zum Letzten, bis zum Bademantelfinale zu verausgaben. So erlangte er den Status eines „authentischen“ Künstlers. Ein Zynismus, wie er im Schlagerbusiness nicht selten vorkommt, war ihm fremd.
Seine Eskapaden nahm ihm das Publikum nie übel
Wo er auftrat, wirkte er so, als sei er ganz bei sich selbst, als gäbe es nur dieses Hier und Jetzt. Das Publikum besitzt dafür ein feines Sensorium, und so verzieh es ihm fast alles. An Skandalen, Aufregungen und Peinlichkeiten mangelte es nicht. Ob er in einen Starfighter stieg, ob er Affären hatte und als Womanizer galt, ob seine Ehen scheiterten, ob er uneheliche Kinder in die Welt setzte, ob er mit Steuerbehörden in Konflikt geriet, ob er mit Liedern das Establishment provozierte, ob er sein Privatleben zur Schau stellte – Udo Jürgens war ein Lieblingskind des Boulevardjournalismus, den er zeitweilig bewusst bediente, um im Gespräch zu bleiben.
Das Publikum jedoch nahm ihm nichts dauerhaft übel. Er geriet nie in die „Strafklasse“, verlor die Sympathie seiner Fans nicht und erntete auch bei Intellektuellen wie Thomas Bernhard oder Günter Grass Respekt. Man sah in ihm keinen perfekten Darsteller seiner selbst, sondern einen fehlbaren Mann, der nicht versuchte, diesen Eindruck zu kaschieren.
Die freimütigen Bekenntnisse zu Leidenschaften und Irrtümern gehörten zum Faszinosum Udo Jürgens. Und sie färbten auf seine Texte ab. Wo niemand gemutmaßt hätte, dass ein Heino, wenn er von blauem Enzian und Bergvagabunden sang, seine Freizeit ständig als Wandergeselle in den Alpen verbringen würde, oder dass eine Nana Mouskouri persönlich irgendwelche Seemänner mit weißen Rosen aus Athen an die Treue erinnern würde, da wirkte Udo Jürgens in seinen Liedern so, als würde er coram publico sein Herz ausschütten.
Udo Jürgens war bis zuletzt ein Suchender
Da berichtete einer aus seinem Leben, da verzichtete einer darauf, eine Rolle zu spielen, da trat einer ungeschützt vor sein Publikum, das sich deshalb in seinen Liedern „wiederfand“. Das Identifikationsangebot war, je älter Jürgens wurde, ein eindeutiges: Schaut her, so bin ich, schaut her, solche Fehler hab ich gemacht, schaut her, so leide ich unter den Missständen der Welt! „Unterhaltung mit Haltung“ nannte er das einmal.
Udo Jürgens blieb bis zuletzt ein Suchender, einer, der nicht erwachsen werden, sich nicht auf Erreichtem ausruhen, keine wächserne Altersweisheit ausstrahlen wollte. Denn erwachsen zu sein, das hieße ja, sich mit den Gegebenheiten zu arrangieren, auf Träume und Sehnsüchte zu verzichten. Das trieb Udo Jürgens an, bis zu seinem letzten Konzert. Sein plötzlicher Tod passte dazu.
Schon 1969 nahm Udo Jürgens den Song „Wenn der letzte Vorhang fällt“ auf – mit dieser Schlussstrophe: „Wenn der letzte Vorhang fällt, / dann trittst du stumm in die Kulissen. / Bald wird man nichts mehr von dir wissen, / so vergesslich ist die Welt.“
Es ist anders gekommen.