Cool: Johnny Depp in der Schleyerhalle Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Die Hollywood Vampires begeistern in der Schleyerhalle. Gut 100 Minuten lang überzeugen Johnny Depp, Alice Cooper und Joe Perry mit harter Rockmusik und perfekt inszenierter Traumtänzerei. Ein großer Schabernack – und ein Triumph der Überlebenden.

Der Luftballon platzt im Gitarrengewitter ohne vernehmbaren Knall: Ganz am Ende, im letzten Song, nimmt Johnny Depp wieder die Position des stillen Genießers an der Gitarre ein, in der er sich während der ersten Hälfte des grandiosen Konzerts der Hollywood Vampires in Stuttgart erkennbar wohlgefühlt hat. Er drischt freudvoll Akkorde aus seiner E-Gitarre, deren donnernde Gestalt in einem Gewitter aus drei Gitarren nicht unangenehm auffällt. Er sieht, wie es Alice Cooper mit seiner Stichwaffe – einem Zwischending aus Gehstock und Zauberstab - gelingt, einen der Riesenballons zum Platzen zu bringen, die unbeschwerte Tollerei suggerieren, während die Hollywood Vampires Pink Floyds „Another Brick in the Wall“ in „Schools out“ von Cooper höchstselbst vertäuen. „We don’t need no education“, singt Cooper, dessen Stimme an diesem Abend mitunter virtuos an der Grenze zum Würgereiz tänzelt, um dann wieder groben Sternenstaub aufzuwirbeln: „Wir brauchen keine Gedankenkontrolle!“, deklamiert er.

 

Erinnerung an Jeff Beck

Etwas in dieser Art mag sich Johnny Depp anno 1979 gedacht haben, als er mit 16 die Schule schmiss, um Rockstar zu werden. Nachdem dieses Projekt früh gescheitert war, sollte es bis 2022 dauern, ehe dem Hollywood-Filmstar an der Seite des englischen Gitarrenheroen Jeff Beck auch als Musiker die ersehnte Anerkennung zuteil wurde. Nachdem Jeff Beck nach dem Abschluss der umjubelten gemeinsamen Tournee vor einem halben Jahr gestorben war, reaktivierte Johnny Depp seine bessere Hobbyband Hollywood Vampires und präsentierte am Samstagabend vor knapp 5000 Zuschauern in der Schleyerhalle gemeinsam mit seinen alten Kumpels Alice Cooper, Joe Perry und Tommy Henriksen ein ergreifendes Jeff-Beck-Tribute-Instrumental mit Perry an Becks blütenweißer Originalgitarre.

Die sehnsüchtig-trotzige Hommage mit Diashow markiert einen emotionalen Höhepunkt eines an berührenden Momenten reichen Konzerts, das das Leben zelebriert, wenngleich viele seiner Songs den Tod im Titel tragen und und zur Vampires-Eigenkomposition „Who’s laughing now“ Totenköpfe auf der Videowand zunächst kullern, dann kauen und schließlich den Flammen trotzen: Johnny Depp brilliert als schnoddrig-cooler Sänger und agiler Rhythmusgitarrist im Jim-Caroll-Cover „People who died“ und lädt wenig später David Bowies „Heroes“ stimmlich mit der Wehmut eines gestrandeten Piraten auf. Joe Perry, ein der Hairrock-Ästhetik der späten siebziger Jahre verpflichteter Brachialvirtuose an der Gitarre, erlebt im Aerosmith-Cover „Walk this Way“ seinen siebten Frühling. Alice Cooper, ehemals sogenannter Schockrocker, überzeugt als erfrischend uneitler Conférencier der großen We-love-you-Johnny-Show. Als er sich zum Schluss in „School’s out“ lustvoll selbst covert, ist seine erstaunliche Wandlung vom Vogelscheuchen-Darsteller zum Zirkusdirektor des Rock ’n’ Roll erfolgreich vollzogen.

Johnny Depp hingegen überzeugt als Johnny Depp: Seine nonchalant schwermütige, zuweilen mit Blasiertheit flirtende Singstimme stattet er mit jener vom Leben überrumpelten Erstauntheit aus, mit der er im Sommer 2022 vor Gericht auch von der „fäkalen Angelegenheit“ berichtete, die er auf seiner Seite des gemeinsamen Ehebetts mit Amber Heard vorgefunden hatte. Mit seiner oft leicht geduckten Körperhaltung, die dräuende Frontalangriffe jederzeit zu antizipieren scheint, unterstreicht er seine vornehmlich aus sicherer Deckung operierende Musikalität. Johnny Depps Ausdruck vor Gericht und in der Schleyerhalle: Lasst uns diese windschiefe Konstruktion namens Leben mit Liebe möblieren, um bestmöglich durchzukommen.

Chorgesang zementiert Jungspower

Wenn die Protagonisten der Hollywood Vampires, die in der Vergangenheit mit Alkohol und Drogen zu kämpfen hatten, „My dead drunk Friends“ besingen, wenn sie „Raise the Dead“ beschwören – wo immer möglich mit Jungspower zementierendem Chorgesang – wird deutlich: Diese Show ist nicht zuletzt ein Triumph der Überlebenden.

Alice Cooper hat sich den Namen dieser 2015 gegründeten Supergroup ja deshalb ausgedacht, weil er und seine Saufkumpanen sich in den siebziger Jahren eben Hollywood Vampires nannten, wenn sie sich zu Trinkgelagen trafen. Ringo Starr soll dabeigewesen sein, Keith Moon auch. Jimi Hendrix, Janis Joplin und vielen anderen, die die dunkle Seite des Rock ’n’ Roll viel zu früh aus dem Leben gerissen hat, wird per Erinnerungsfoto auf der Videowand gedacht: „Sie waren alle meine Freunde“, singt Depp, der einen Rockstar verkörpert, der einen Piraten gibt, der einen Schatz voller Lieder erbeutet hat.

Er und die anderen Überlebenden werden von versierten Fährmännern an Schlagzeug, Bass und Keyboard unterstützt, und insbesondere der Gitarrist Tommy Henriksen sorgt – wenn mitunter allzu schamlos gestampft wird – alsbald für die Rückkehr in die harte Klarheit treibender Riffs. Da ihnen und ihrem Publikum klassische Rockmusik derart überschäumende Freude bereitet, sehen die Hollywood Vampires in Stuttgart augenscheinlich keinen Grund, auch nur ein Reserverädchen des Rock neu zu erfinden.