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Hilfsnetzwerk Wie gefährlich ist Horbs Drogenszene?

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Pillen und Marihuana im Verkauf. Foto: photographee.eu – stock.adobe.com

Die Bahnhofsgegend und der Wohnsiedlung Haugenstein sind Dealer-Treffs, und in Horb sind jede Menge Drogen im Umlauf. Am Rande eines Gerichtsprozesses hat kürzlich ein Betroffener vor der großen Gefahr für Jugendliche gewarnt. Aber steht es wirlich so schlimm um die angebliche Drogenszene Horb? Wie ist die Wirklichkeit aus Sicht des Hilfsnetzwerks, das im Landkreis existiert? Der Schwarzwälder Bote hat nachgefragt und berichtet darüber in seinem (SB+)Artikel.

Horb - Im Corona-Jahr ruft die Advents-Besinnlichkeit auch Ängste wach. Erhöht der Lockdown zum Jahresende das Risiko von Suchterkrankungen? Ist Horb wirklich ein Ort mit gefährlicher Drogenszene? Müssen Jugendliche und Eltern jetzt aufpassen? Welche Hilfsstrukturen gibt es für Betroffene?

Am Rande eines Amtsgerichtsprozesses hat vor Kurzem ein Angeklagter ein finsteres Bild von Horb gemalt: Die Drogenszene der Stadt sei weitum bekannt, und jeder Jugendliche über 15 Jahren komme in Kontakt mit Drogen. Aber ist die Drogenszene in Horb schlimmer als in anderen Städten? Hat der Kreis Freudenstadt hier ein Problem? Der Schwarzwälder Bote hat nachgefragt.

Hilfsnetzwerk

Im Landkreis existiert ein Netzwerk an Einrichtungen, die sich mit dem Thema Sucht beschäftigen und Hilfe anbieten. Es gibt Schulsozialarbeit und mobile Jugendarbeit, aktiv betrieben und finanziert von der Stadt.

Und es gibt die Fachstelle Sucht der Diakonischen Bezirksstelle Freudenstadt. Dort hört stoßen erschreckende Berichte über die Horber Drogenszene auf Skepsis.

Verzerrte Wahrnehmung

Laut Suchtberaterin Maria Flaig-Maier ist es "eine Frage der Perspektive" – ein Einzelerlebnis oder eine allgemeine Entwicklung. Flaig-Maier schildert: "Am Beispiel Nikotin lässt sich das gut belegen: Manche Jugendliche sagen auf Nachfrage, dass doch alle Jugendlichen rauchen, weil das in ihrer selektiven Wahrnehmung so ›stimmt‹. Tatsächlich haben im Jahr 1993 20 Prozent der 12- bis 17-Jährigen geraucht, 2010 nur noch 13 Prozent und 2019 nur noch 5,6 Prozent, ein statistisch-belegbarer kontinuierlicher Rückgang also (Quelle www.rauchfrei-info.de)."

Viele Lebensrealitäten

Doch zurück nach Horb und in den Landkreis, wo jungen Erwachsene und Jugendliche sehr vielfältig und unterschiedlich seien, ebenso ihre Einstellung zu Suchtmitteln und der persönliche Umgang damit. Flaig-Maier: "Die ganze Bandbreite an Lebensrealitäten – von der bewussten Abgrenzung zu allen Suchtmitteln, weil jemand beispielsweise sportlich sehr ambitioniert ist, bis hin zum geradezu ritualisierten Besäufnis am Wochenende in der Clique oder dem ›Miteinander-Abhängen‹ in der Kifferclique oder einer Szene, die polytoxe und sogenannte härtere Substanzen konsumiert – ist selbstverständlich auch im Landkreis Freudenstadt anzutreffen."

Konsum kaum messbar

Oft ist die Rede von immer mehr künstlichen Drogen, die auch auf dem Land zu bekommen sind. Es gibt Berichte über immer mehr billiges Kokain oder stärkeres Cannabis. Dazu meint die Suchtberaterin: "Es ist schwer, über die Häufigkeit und quantitative Veränderungen Aussagen zu treffen." Aus dem Drogen- und Suchtbericht 2019 der Bundesregierung lasse sich jedoch ableiten: In den letzten 20 Jahren kann man in Bezug auf illegale härtere Drogen (wie Opioide und Kokain) keine signifikante Zunahme der Konsumhäufigkeit feststellen.

Cannabis wird stärker

Der Konsum von Cannabis bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist seit einem Hoch im Jahr 2000 kontinuierlich zurückgegangen. Die Suchtberater bestätigen allerdings, dass der THC-Gehalt (also die Substanz, die berauscht) im Cannabis in vielen Züchtungen stark angestiegen ist. Das heutige "Gras" sei nicht vergleichbar mit dem der Hippie-Zeit. "Früher betrug der THC-Gehalt unter 10 Prozent, heute stellt die Polizei Freudenstadt auch mal Stoff mit bis zu 30 Prozent THC-Gehalt sicher. Die Folge davon ist ein erhöhtes Risiko für Psychosen und Schizophrenie."

Gefährlicher Mischkonsum

Was die Suchtberater ebenfalls feststellen: Mischkonsum verschiedener auch anderer illegaler Drogen kann starke psychiatrische Folgeerkrankungen haben, die sich bereits chronifizieren, bevor diese Menschen das 30. Lebensjahr erreicht haben. Diese Kranken bekommen dann eine "Doppeldiagnose" – mit weitreichenden Folgen fürs weitere Leben.

"Legal Highs"

Die Suchtberater im Landkreis beobachten außerdem einen Rückgang des Konsums der sogenannten Neuen Psychoaktiven Substanzen (NPS), die häufig rechtlich fehlgehend als "Legal Highs" bezeichnet werden. "NPS haben ein extrem hohes, unkalkulierbares Gefahrenpotenzial, was bei einigen Usern zu abschreckenden Erfahrungen geführt hat, und dies hat sich unserer Einschätzung nach in der ›Szene‹ herumgesprochen. Die fälschlicherweise als ›Legal Highs‹ bezeichneten Substanzen sind alles andere als harmlos, was der Name und das entsprechende Marketing in Onlineshops aber zu suggerieren versuchen."

Die Fachstelle Sucht des Diakonischen Bezirksstelle teilt auch die – nicht neue –Einschätzung, dass Drogen überall erhältlich sind, in der Stadt wie auf dem Land. Es seien aber neue Beschaffungswege über das Internet und Darknet entstanden.

Alkohol

Die Suchtberater aus dem Landkreis unterstreichen: "Alkohol ist das Suchtmittel Nummer eins quer durch alle Altersschichten." Immerhin sei der Pro-Kopf-Alkoholkonsum in den letzten 40 Jahren zurückgegangen. "Immer weniger 12- bis 17-Jährige trinken überhaupt Alkohol und immer weniger trinken regelmäßig Alkohol." Dennoch: Vom Sektempfang bis zu den "Schnapsbrunnen" beim Wandern sei der Konsument häufig mit seinem Suchtmittel konfrontiert. "Immer wieder werden auch Jugendliche mit einem Alkoholabusus in die Klinik eingeliefert (im Jahr 2019 waren es 29 Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren). "In Kooperation mit dem Krankenhaus und dem Jugendamt in Freudenstadt führen wir im Rahmen des HaLT (Hart am Limit)-Programms zeitnah Beratungsgespräche mit diesen Jugendlichen, sofern diese einwilligen (im Jahr 2019 waren es zehn Gespräche)", berichtet die Fachstelle Sucht.

Gefahr für Jugendliche

Bei allen beteiligten Verantwortlichen brauche es jedoch eine hohe Sensibilität für die Gefährdung Jugendlicher durch Rauschmittel. Die Suchtberater schreiben: "Fakt ist: Je früher eine Suchtbiografie beginnt, desto geringer sind die Chancen, diese zu überwinden. Demzufolge müssen alle Anstrengungen unternommen werden, Jugendschutzbestimmungen konsequent umzusetzen und eben nicht beim 15-Jährigem mit dem Glas Wodka in der Hand ein Auge zuzudrücken."

Jugendarbeits-Strategie

Nicht einfach wegsehen: das ist auch die Devise der städtischen Jugendreferats mit seiner Mobilen Jugendarbeit. Aktuell ist sie einmal pro Woche im Wohngebiet Haugen­stein unterwegs. Das Referat schildert erste Erfahrungen: "Der Aufbau einer auf Vertrauen basierten Verhältnisses benötigt jedoch Ausdauer, Empathie und Zeit. Erst wenn dieses besteht, können auch Probleme und Schwierigkeiten von jungen Menschen gemeinsam mit ihnen angegangen werden." Für nächstes Jahr ist auf dem Haugenstein ein Gestaltungsprojekt mit jungen Leuten geplant.

Weitere Informationen zum Thema

 Netzwerk

Das Kommunale Suchthilfenetzwerk (KSHN) Freudenstadt ist ein Zusammen-schluss des Landkreises Freudenstadt und der Leistungserbringer in der Prävention und Versorgung suchtkranker und suchtmittelgefährdeter Menschen in der Region – sowie deren Rehabilitation und Wiedereingliederung. Die Koordination dieses Netzwerks liegt bei der Fachstelle Sucht der Diakonischen Bezirksstelle Freudenstadt.

Anlaufstelle

Die Kooperationspartner zielen darauf ab, die Suchtkrankenversorgung im Landkreis im Interesse der von Suchtmittelproblemen betroffenen Menschen und des Gemeinwohls wohnortnah, niederschwellig und bedarfsgerecht zu verbessern. Das Netzwerk befördert zudem die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Sucht.

Wenn sich die Entwicklung einer Suchtmittelabhängigkeit abzeichnet, ist die

Fachstelle Sucht

erste Anlaufstelle, um durch Beratung zu stabilisieren und gegebenenfalls im Sinne eines Clearings einen intensiveren Hilfebedarf in die Wege zu leiten. Für junge Konsumentinnen mit problematischem Konsum gibt es beispielsweise beim ZfP Weissenau die Stationen Clean.kick (16 bis 18 Jahre) und Clean.Kids (12 bis 15 Jahre) – mehrwöchige stationäre Angebote, bei denen die jungen Patientinnen entgiften und ein suchtmittelfreies Leben einüben.

Stationäre Reha

Auch die deutsche Rentenversicherung finanziert über die Rentenversicherung der Eltern eine Kinderrehabilitation in einer speziellen Suchtfachklinik für unter 18-Jährige.

Ambulante Reha

Jungen Erwachsenen stehen viele weitere Optionen offen, unter anderem auch eine ambulante Rehabilitationsmaßnahme bei der Fachstelle Sucht für die Dauer eines Jahres. Zudem bieten die Fachstelle psychosoziale Begleitung bei Substitution an und hat Kontakt zu verschiedenen Substitutionsärzten. Dieses Programm wird überwiegend von opiatabhängigen Menschen angefragt, die bei Kontaktaufnahme jünger als 30 Jahre sind. Drogenkonsumräume wie beispielsweise in Karlsruhe gibt es im Landkreis Freudenstadt nicht.

Hilfe für Angehörige

Häufig sind auch Angehörige sehr besorgt über die Lebenssituation ihrer Kinder/ Partner usw. Auch ihnen steht das Beratungsangebot offen.

Verhältnisprävention

Die sogenannte Verhältnisprävention richtet den Blick darauf, für Jugendliche Verhältnisse zu schaffen, die Selbstkompetenz fördern und Schutz bieten. Dazu gehört beispielsweise der Bau eines Skaterparks, in dem Jugendliche sich ausprobieren, sich als selbstwirksam und erfolgreich erleben können und mit Gleichgesinnten ein Interesse teilen. Freizeit- und Erlebnismöglichkeiten als Alternative zum Konsum von Rauschmitteln sind laut Suchtberatung wichtig, ebenso der Beitrag der vielen Vereine und Institutionen der Jugendhilfe.

Schulsozialarbeit

Trägerin ist hier die Stadt Horb. In Einzelgesprächen oder der Einzelfallberatung der Schulsozialarbeit wird bei Bedarf das Thema Sucht, Abhängigkeit und Kriminalität thematisiert, und es werde auch bei Elterngesprächen angesprochen.

Projektbeispiele

Jährlich findet das Präventionsprojekt "Red Box" statt. Dabei lernen die Siebtklässler aller weiterführenden Schulen, wie sie sich selbst vor Sucht und Gewalt schützen können, und dass sie für sich selbst und andere verantwortlich sind. Den Schülerinnen und Schülern wird hierbei auch ein interessanter und anschaulicher Einblick ins Jugendschutzgesetz gegeben.

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