Eine Scheibe, die nicht trennt, sondern verbindet: Mit solchen technischen Hilfsmitteln wie hier im Miru Café können Kunden ihre Bestellungen aufgeben. Foto: Felix Lill/Lill

Kürzlich ist in Japans Hauptstadt ein Café mit gehörlosen Servicekräften eröffnet worden. Das Experiment belegt: Spezielle Vorkehrungen für eine beeinträchtigte Gruppe stellen sich als hilfreich für alle heraus. Eine Erkenntnis, die in alternden Gesellschaften wichtig ist.

Yuriko Koike hält sich die Handkante vor die Nase, dann krümmt sie die Zeigefinger und rahmt damit ihr Gesicht ein. Die meisten Anwesenden verstehen nicht, was die Gouverneurin von Tokio sagt, aber ihr Gegenüber weiß Bescheid. Maki Yamada, Japans beste gehörlose Sprinter, erwidert die Geste – auf japanischer Gebärdensprache bedeutet sie „Hallo“. Dann greift Koike zum Mikrofon, wendet sich ans Journalistenpublikum und erklärt: „In zwei Jahren starten die Deaflympics in Tokio! Bis dahin müssen wir noch viel schaffen. Und das hier ist ein sehr, sehr wichtiger Schritt!“

 

Dann wird es unruhig in dem geräumigen Lokal im Zentrum der japanischen Hauptstadt. Kameras klackern. „Hiermit ist das Miru Café eröffnet!“, erklärt eine Moderatorin. „Nun hat Tokio also ein Café, in dem es kein Problem mehr ist, wenn man nicht hören kann. Wir wünschen Ihnen viel Spaß!“ Die Anwesenden mögen jetzt gern einen Kaffee bestellen. „Dass das Personal nicht hört, ist dabei kein Hindernis.“ Das sei das Konzept.

Intelligenter Spracherkennungssoftware

Dass das Miru Café, das unlängst so feierlich eröffnet wurde, kein gewöhnliches Lokal ist, zeigt sich nicht nur am Prominentenauflauf und den 50 Journalisten, die zur Einweihung gekommen sind. An den Tischen sind hier Spracherkennungssysteme installiert, die aus gesprochenen Wörtern geschriebene machen. So verstehen Mitarbeitende ohne Gehör die Bestellungen auch dann, wenn ihre Ohren ihnen dabei nicht helfen können. „Ein Macchiato bitte“, steht auf einer flachen Anzeigetafel in großen Lettern. Kein Problem.

Durch die Verfügbarkeit intelligenter Spracherkennungssoftware könnte sich das Miru Café als Pionier herausstellen. Einerseits kommt das Gastronomiegeschäft in Japan zwar längst auch ohne Servicekräfte aus, indem Kundinnen und Kunden ihre Bestellungen an einem Automaten im Eingangsbereich einloggen und dann abholen. Aber um Effizienz geht es hier kaum.

„Das Miru Café soll ein Ort sein, der verschiedene Menschen zusammenbringt“, sagt Yuriko Koike von der Tokioter Metropolregierung, die das Pilotprojekt für begrenzte Zeit finanziert. Ikumi Kawatama, die als Vertreterin der Stiftung Nippon Foundation das Café mitkonzipiert hat und selbst gehörlos ist, erläutert: „Im Alltag kommt es vor, dass Menschen mich nach dem Weg fragen und sich verunsichert abwenden, wenn sie merken, dass ich die Frage nicht hören konnte. Das ist schade.“ Das Café solle Menschen füreinander sensibilisieren.

Tatsächlich mausert sich Tokio gerade zu einer Metropole, die besonders auf Menschen ohne oder mit nur schwachem Gehör Rücksicht nimmt. An großen U-Bahnstationen sind seit kurzem ähnliche Spracherkennungssysteme installiert wie im Miru Café. Gehörlose können hier einerseits Wünsche und Fragen eintippen, andererseits die gesprochenen Antworten des Personals auf einem Bildschirm lesen. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen sendet zig Programme mit Gebärdensprachenübersetzung.

Die Teilhabe kennt keine Grenzen

Hintergrund dieser Vorstöße sind die Deaflympics, die Mitte November 2025 in Tokio stattfinden. Vier Jahre nach den Olympischen und Paralympischen Sommerspielen – die pandemiebedingt von 2020 auf 2021 verschoben wurden – will die größte Metropole der Welt dort weitermachen, wo sie für das Megasportevent „Tokyo 2020“ begonnen hatte: Tokio soll in Sachen Barrierefreiheit neue Maßstäbe setzen.

Der Sprinter Maki Yamada, der bei den Deaflympics 2017 im türkischen Samsun zweimal Gold holte, hält Tokio schon jetzt für führend. „Im Vergleich zu anderen Städten bewegt man sich hier relativ gut. Es gibt auch ein paar andere Restaurants, wo entweder Personen ohne Gehör arbeiten oder sich gut zurechtfinden können.“ Da sei etwa das Restaurant Sign With Me, wo man essen sowie Gebärdensprachkurse besuchen kann. Auch bei Menya Yoshi, einem Geschäft für Ramennudeln, ist das Personal gehörlos.

Die Teilhabe kennt keine Grenzen. Im Dawn Café bedienen Rollstuhlfahrer die Gäste mit Hilfe ferngesteuerter Roboterr. Vor einigen Monaten machte das Restaurant Mistaken Orders Schlagzeilen: Dort wickeln Personen mit Demenz die Bestellungen ab, wobei es zum Charme des Etablissements gehört, dass die Kellnerinnen womöglich etwas Falsches an den Tisch bringen.

Dass sich Tokio generell in Sachen Barrierefreiheit verbessert hat, hängt längst nicht nur mit den Deaflympics oder den Olympischen und Paralympischen Spielen zusammen. Die Stadt – und mit ihr das ganze Land – erlebt eine riesige Herausforderung, die über die kommenden Jahre und Jahrzehnte auch in anderen wohlhabenden Ländern immer deutlicher zutage treten wird: Eine alternde Gesellschaft, die ganz andere Anforderungen an eine Stadt hat.

Fast 30 Prozent der Japaner sind 65 Jahre oder älter

In Japan sind fast 30 Prozent der Menschen 65 Jahre oder älter, zehn Prozent mindestens 80. Ikumi Kawamata von der Nippon Foundation sagt: „Eine Einrichtung wie das Miru Café ist nicht nur nützlich für gehörlose Personen wie mich. In Zukunft werden mehr Menschen Probleme mit ihrem Gehör haben, selbst wenn es bessere Hörgeräte gibt.“ Kawamata, die sich beruflich für Barrierefreiheit einsetzt, hat immer wieder beobachtet: Spezielle Vorkehrungen für eine bestimmte Gruppe entpuppen sich schnell als Verbesserung für viel mehr Menschen.