Die Helios-Klinik in Rottweil steht massiv in der Kritik. Foto: Schulz

Unsere Berichterstattung über die Helios-Klinik hat eine Lawine losgetreten. Täglich wenden sich weitere Patienten und Angehörige an uns. Deren Berichte machen fassungslos. Sie alle sind froh, dass die Zustände nun an die Öffentlichkeit kommen. Es soll sich etwas bewegen.

Kreis Rottweil - "Ihre Artikel haben mir aus der Seele gesprochen", sagt eine Frau, deren Mann erst vergangene Woche aus der Klinik entlassen wurde. "Wir sind froh, dass er raus ist", sagt sie. Weil der pflegebedürftige Mann nicht richtig versorgt worden sei, hätten sich die Angehörigen trotz Besuchsverbot um ihn gekümmert. "Ihm wurde das Essen einfach hingestellt, obwohl er gar nicht selbstständig essen konnte. Wir hatten Angst, er verhungert uns noch. Und wir wollten ihn auch mal waschen."

 

Ehefrau als Krankenschwester mitgenommen

Es ist einer von vielen Anrufen, der unsere Redaktion in diesen Tagen erreicht. Und der Tenor ist einstimmig: Die Pflegenotstand in der Rottweiler Klinik sei eklatant. Ein Mann hat seine Frau auf eigene Kosten mit einquartiert, damit er überhaupt adäquat versorgt wird, sagt er.

Und dann sind da noch die Abmeldungen sowohl der Helios-Klinik als auch des SRH-Krankenhauses in Oberndorf von der Notfallversorgung.

Der DRK-Betriebsratsvorsitzende Michael Török wirft dem Helios-Geschäftsführer vor, auch dazu öffentlich nicht die Wahrheit zu sagen.

Doch zurück zu unserem ersten Fall: Der Patient hatte sich laut Schilderung seiner Ehefrau im Pflegeheim mit Corona infiziert und musste wegen massiver Atembeschwerden vorvergangene Woche in die Klinik. Seine Angehörigen hatten Mühe, telefonisch Informationen über seinen Zustand zu bekommen. Irgendwann hätten sie mit einer Ärztin "ausgehandelt", dass sie sich trotz Besuchsverbot auf der Isolierstation um ihn kümmern dürfen.

Mann im Gitterbett – Essen auf dem Nachttisch daneben

"Er lag da halbseitig gelähmt im hohen Gitterbett, das Essen wurde ihm aber einfach auf den Nachttisch daneben gestellt", zeigt sich die Ehefrau fassungslos. Auch die Tabletten vom Morgen, die er dringend nehmen sollte, lagen dort auch am Nachmittag noch. Die Angehörigen waren froh, ihn waschen zu können – was dringend notwendig gewesen sei. Ebenso wie die Zahnpflege. "Es wurde nichts gemacht."

Natürlich, so die Ehefrau, sei das Personal angesichts der Belastung mit einem pflegebedürftigen Mann erst recht überfordert. Aber um ihm wenigstens Essen zu geben oder ihn zu waschen müsse es dann eben eine Hilfskraft geben. "Das müssen ja keine ausgebildeten Krankenschwestern sein", sagt sie. So gehe es jedenfalls nicht.

Den Bericht unserer Redaktion über die Schilderungen einer Angehörigen vergangene Woche könne sie nur "eins zu eins so bestätigen".

Die Spitze des Eisbergs

Genau das bekräftigt auch ein weiterer Anrufer. Der Rottweiler sagt: "Das, was jetzt ans Licht kommt, ist wohl nur die Spitze des Eisbergs." Er selbst sei am Tag vor Silvester mit einem Knöchel- und Wadenbeinbruch mit einer Schiene wieder nach Hause geschickt worden. Für eine OP gebe es aktuelle keine Chance, habe es geheißen. Erst am 5. Januar sei sein Bruch dann operiert worden. Und im Krankenhaus liegend habe er schnell gemerkt, dass die Patientenversorgung völlig unzureichend ist.

"Ich habe dann meine Frau im Zimmer einquartiert, die sich um mich gekümmert hat. Das musste ich als Privatpatient natürlich auch bezahlen", erzählt er. Er wolle sich nicht ausmalen, wie sein Aufenthalt ohne seine "persönliche Krankenschwester" abgelaufen wäre. Bekannten sei es ähnlich ergangen. Der Mann, der in Rottweil vielfältig engagiert ist und Einblick in die Strukturen hat, nimmt kein Blatt vor den Mund und sagt: "Dieses Haus gehört geschlossen!"

Mit den Folgen noch zu kämpfen

Noch heute ärgert er sich, dass er sich nicht hat verlegen lassen. Aber als Patient sei man in dem Moment eben mit anderen Dingen beschäftigt. Mit den Folgen seines Bruchs habe er noch heute schwer zu kämpfen. Inzwischen versucht der Rottweiler, in einer Fachklinik eine Expertise zu bekommen.

Eins ist ihm bei all dem wichtig: "Das Personal, das unter diesen Bedingungen arbeiten muss, tut mir in der Seele weh!"

Auch alle anderen Patienten machen deutlich, dass man dem Personal nicht Schuld an der Misere geben dürfe. "Da müssen junge Mädle schaffen was geht – nur damit am Schluss der Profit stimmt", ärgert sich ein weiterer Patient aus dem Kreisgebiet, der sich in der Klinik falsch behandelt sieht. Er würde "nie wieder" in die Klinik nach Rottweil gehen, ist er sich sicher.

Wohin mit den Patienten?

Gleichzeitig hat das DRK nach wie vor das Problem, dass es zeitweise einfach nicht weiß, wohin mit den Patienten. Ein Angehöriger bestätigt dies. Sein 97-jähriger Vater sei in einem akuten Notfall "mit Todesangst" im Krankenwagen vor dem Haus gelegen. Die Notfallsanitäter hätten nicht losfahren könnten – "sie haben sich die Finger wundtelefoniert, bis sie für meinem Vater überhaupt einen Platz gefunden haben."

Der DRK-Betriebsratsvorsitzende Michael Török wirft dem Klinik-Geschäftsführer vor, mit seiner Aussage, Notfälle würden immer angenommen, nicht die Wahrheit zu sagen. Was Geschäftsführer Tobias Grundmann jetzt dazu sagt und wie die Lage in Rottweil aus Sicht des Sozialministeriums ist, werden wir noch ausführlich berichten.

Auslöser für den Sturm der Entrüstung waren Aussagen der Klinik-Leitung gewesen, dass man eine stabile Personallage habe und alles im Normalbereich liege. Dies hatte die Geschäftsführung anschließend relativiert. Es habe kurzfristig weitere Personalausfälle gegeben, die nicht so leicht zu kompensieren seien. Patienten und Mitarbeiter berichten dagegen eher von einem Dauerzustand.