Sieht aus wie ein Silo, ist aber ein 1000-Kubikmeter-Pufferspeicher – und der Clou an der neuen Anlage in Ammerbuch-Breitenholz. Foto: /Horst Haas

Das neue Heizungsgesetz interessiert die Bewohner von Ammerbuch-Breitenholz nicht mehr sonderlich. Sie heizen seit Kurzem mit 100 Prozent erneuerbaren Energien.

Das neue Herz von Ammerbuch-Breitenholz liegt paar Schritte außerhalb vom Dorf. Auf den ersten Blick sieht es aus wie ein Silo, ist es aber nicht. Während derzeit viele Städte und Gemeinden grübeln, wie ihnen die Wärmewende gelingen kann, ist sie in Ammerbuch-Breitenholz so gut wie umgesetzt. Was hier am südwestlichen Rand der 770-Seelen-Gemeinde gebaut worden ist, ist die neue Heizzentrale.

 

An einem Vormittag unter der Woche sind die Gehwege in Breitenholz im Landkreis Tübingen hochgeklappt oder gar nicht erst vorhanden. Hier gibt es die Kirche, den Gasthof Ochsen, das war’s. Es gibt nicht einmal ein Gasnetz. An der Bushaltestelle steht ein gesprächiger Einwohner. Er sei nicht angeschlossen ans Wärmenetz, weil er bereits vor Jahren klimafreundlich umgerüstet habe, erzählt er. Vor seinen Füßen zieht sich eine Baustellennarbe das Hauptsträßchen entlang. Breitenholz war in den vergangenen zwei Jahren eine einzige Baustelle. Regionale Baufirmen haben 4000 Meter Wärmenetz verlegt, um die Breitenholzer mit dem neuen Herzen draußen am Feld zu verbinden.

Anschluss ans Nahwärmenetz war gratis

Dieser Winter ist für die Menschen in Breitenholz ein besonderer. Die ersten Leute beheizen ihre Stuben mit der neuen Wärmequelle. Von den 250 Gebäuden sind knapp 150 dabei, die Eigentümer haben einen Vertrag unterschrieben und sich ans Nahwärmenetz andocken lassen. Den Anschluss gab es gratis. Voraussetzung ist eine Beteiligung an der Bioenergie Breitenholz eG & Co. KG, dem Erbauer und Betreiber; sie ist eine Tochter der Bürger-Energie Tübingen, die 2018 den Anstoß für das Wärme-Projekt gab und ebenfalls beteiligt ist. „Wir sind mit 85 Verträgen gestartet, der Rest kam in der Bauphase dazu“, sagt Günther Gamerdinger von der Bürger-Energie Tübingen.

Seit die genossenschaftliche Bürger-Energie das besondere Wärmekonzept für Breitenholz auf den Weg gebracht hatte, ging man in der Gemeinde durch ein Wechselbad der Gefühle. So jedenfalls klingt es, wenn Günther Gamerdinger erzählt, wie alles kam. In seinem roten Kittel steht er vor dem neuen Wunderding, am Horizont die Wurmlinger Kapelle. Je nach Planungsphase waren die Leute euphorisch oder kritisch. „Heute laufen die Breitenholzer mit erhobener Brust durch den Ort“, sagt er.

Heizungsgesetz mit neuen Anforderungen ab 2024

Nicht nur, weil sie schon bald offiziell sagen können, dass sie in einem Bioenergiedorf wohnen. Auch und vor allem, weil sie die Anforderungen des neuen Heizungsgesetzes schon erfüllen. Das Gesetz verpflichtet zu mindestens 65 Prozent erneuerbaren Energiequellen, wenn man die Heizung tauscht oder neu baut. In Breitenholz kommen sie bereits heute auf 100 Prozent. Und das bei ähnlichen oder sogar niedrigeren Preisen als für das vorher gängige Öl.

Die neue Anlage bezieht übers ganze Jahr gesehen ihre Energie zu 65 Prozent aus Holzhackschnitzeln und zu 35 Prozent aus Solarthermie; die Vorlauftemperatur liegt bei 85 Grad. Die Kollektoren, die das Sonnenlicht in Energie verwandeln, sind noch nicht aufgeständert, seit Juli wird vorübergehend nur mit Waldhackschnitzeln geheizt. Aber bis zum Frühjahr 2024 soll die Solarthermie auf 2000 Quadratmeter nahe des Kraftwerks zwei Wiesen pflastern. Wobei versiegelt wird nicht. „Es gibt die Idee, dass hier Schafe grasen“, sagt Günther Gamerdinger.

Besonders stolz ist der hauptberufliche Banker, der zwei Orte weiter wohnt, auf den Bau, der einem Silo ähnelt. Ein Pufferspeicher mit 1000 Kubikmetern, 20 Zentimeter dick gedämmt. Dieser Speicher ist die Versicherung, dass es nicht von jetzt auf gleich kalt wird, sollte die Technik einmal streiken. Er würde den Reparateuren etwa zwei Tage Luft verschaffen.

Pufferspeicher als ganzer Stolz

Auch wenn Breitenholz etwas ab vom Schuss liegt, die Idee soll sich verbreiten. Das Konzept der Ammertal-Gemeinde sei ein Beispiel dafür, wie die Wärmewende im ländlichen Raum klappt, sagt Jörg Dürr-Pucher von der Plattform Erneuerbare Energien. Hier könne man im Kleinen fürs Große lernen. Besonders den hohen Solaranteil hebt er hervor. Im Sommer, aber auch in einem sonnigen Februar könnten die Kollektoren den Breitenholzern allein einheizen. Mit anderen Worten: Der Winter kann kommen.

Wärme aus Sonne

Solarthermie
Immer mehr Kommunen entdecken Solarthermie als Wärmequelle. Voraussetzung ist, dass die Kollektoren die Energie „siedlungsnah“ einsammeln, um den Wärmeverlust zu minimieren, erklärte Dirk Mangold, Leiter des Stuttgarter Forschungsinstituts Solites, im Rahmen eines Webinars zu Solarthermie im Großformat. Neben Bodenflächen seien auch Dächer ab einer Größe von 1000 Quadratmeter interessante Standorte. Um möglichst viel des Wärmebedarfs übers Jahr abzudecken, brauche es zwangsläufig einen Speicher, so Mangold.

Verbreitung
Stand Juli 2023 waren laut dem Projekt Solnet-Plus in Deutschland 52 solare Wärmenetze in Betrieb. Dazu zählen auch Netze in der Region Stuttgart: in Stuttgart (Burgholzhof und Benzstraße) , bei Festo in Esslingen sowie in Ludwigsburg. Acht weitere Anlagen seien im Bau, unter anderem die bundesweit künftig größte Anlage in Leipzig sowie die zweitgrößte in Bad Rappenau. (ana)