Der Geschäftsführer des Handball-Zweitligisten HBW Balingen-Weilstetten, Wolfgang Strobel, der aus Rottweil-Hausen stammt, hat angekündigt, nach über zwei Dekaden den Verein zum Saisonende zu verlassen. Zeit, Bilanz zu ziehen.
Noch ein halbes Jahr führt Wolfgang Strobel die Geschäfte des HBW Balingen-Weilstetten. Dann verlässt er jenen Klub, den er als Spieler und Funktionär bedeutend mitgeprägt hat. Im Interview spricht er über Höhen und Tiefen.
Herr Strobel, Glückwunsch zum Zweitliga-Saisonstart. Wir beurteilen Sie die bisherigen Auftritte der Mannschaft?
Mit dem, was wir bisher gespielt haben, bin ich sehr zufrieden. Aber es ist alles schwer einzuschätzen. Immer wenn man denkt, dass sich die Liga geordnet hat, passieren Überraschungen – das sind immer wieder Warnungen. Die Erwartungen an die Mannschaft steigen durch den Start natürlich auch, aber wir wissen dies intern richtig zu bewerten. Sie hat nicht immer gut gespielt, aber sie hat die Punkte geholt. Mich freut, dass sie in kritischen Situationen die Ruhe bewahrt und auf ihr Spiel vertraut.
Welche Bedeutung hätte es für Sie, sich mit dem erneuten Aufstieg als Geschäftsführer zu verabschieden?
Wir wollten in der Spitzengruppe dabei sein, nun führen wir diese Spitzengruppe an. Aber in dieser Liga kann es sehr schnell gehen, weil das Feld breit aufgestellt ist. Wenn wir bis März, April noch da vorne sind, haben wir die Möglichkeit aufzusteigen. Wenn man so lange wie ich Leistungssportler war, will man immer gewinnen. Allerdings ist es für mich nicht entscheidend, ob wir in dieser Saison oder erst in der nächsten in die Erste Liga zurückkehren. Ich sehe meine Arbeit darin, die Grundlagen und Voraussetzungen für die Bundesliga zu schaffen. Mein Grundsatz ist, dass ich einen Ort besser verlassen will, als ich ihn vorgefunden habe. Das ist mir, das ist uns gelungen. Die Umstrukturierung macht es für den HBW möglich, langfristig erfolgreich zu sein.
Haben Sie denn keine Lust mehr auf Handball?
Doch. Meine Entscheidung hat damit gar nichts zu tun. Und jeder, der mich arbeiten sieht, verspürt nicht, dass ich müde wäre. Für mich ist aber jetzt der Zeitpunkt gekommen, einen Wechsel anzustreben. Ich habe mit meinen Mitarbeitern viel auf den Weg gebracht. In den nächsten zwei, drei Monaten ist noch an ein paar Stellschrauben zu drehen, damit der HBW dauerhaft zu den Top 25 in Deutschland zählt. Für mich war immer klar, dass ich nicht beim HBW in Rente gehe. Ich wollte nicht damit beginnen, die nächste Stufe zu planen, um dann nach zwei, drei Jahren mitten in der Arbeit zu gehen.
Werden Sie dem Handball dennoch verbunden bleiben?
Natürlich, meine beiden Söhne spielen Handball, allein durch sie bleibe ich dem Sport treu. Ob ich weiterhin als Trainer bei der JSG Balingen-Weilstetten mithelfe, wird sich zeigen. Das hängt davon ab, wie viel Zeit mir dafür in meinem neuen Job bleibt. Außerdem ist die Verbundenheit zum HBW viel zu groß, um einfach den Stift fallen zu lassen und zu sagen „Ich bin jetzt weg.“
Es wird heißen: „Eine Ära geht zu Ende.“ Wie kommen Sie mit einer solchen Formulierung klar?
Wenn ich so etwas gelesen habe, bin ich meistens ein bisschen erschrocken, dass ich schon so lange hier bin. Aber wenn es so wahrgenommen wird, ist es eine schöne Wertschätzung dafür, wie ich mich eingebracht habe – egal, in welcher Funktion.
Was reizt Sie am Wechsel in die Wirtschaft?
Ich will zeigen, dass mein Gedankengut und meine Art zu arbeiten auch dort funktionieren. Zudem reizt mich die Entscheidungsmöglichkeit in dem Umfeld, in das ich komme, die Chance, richtig etwas zu bewegen und voranzubringen und die nächste Stufe zu erreichen.
Sie sind seit mehr als 20 Jahren beim HBW. Gab es Zeiten, in denen sie darüber nachgedacht haben, den Klub zu verlassen?
Es gab tatsächlich zwei Phasen, in denen ich andere Angebote hatte und mich zumindest damit auseinandergesetzt habe. Das erste Mal war, als Ecki Nothdurft zum VfL Pfullingen gegangen ist. Das war für mich als jungen Spieler ein emotionaler Bruch. Die Sicherheit, die ich bis dahin hatte, ist etwas weggeknickt. Es gab die Möglichkeit, mitzugehen oder etwas komplett anderes zu machen. Ich habe mich dann bewusst dazu entschieden hierzubleiben. Der HBW war mir schon zu wichtig. Ich wusste, welche Möglichkeiten ich schon bekommen hatte und welches Potenzial im Verein steckt. Ich hatte viel Spielzeit und viel Spaß. Das zweite Mal war ein paar Jahre nach dem Aufstieg, als mein erster Erstliga-Vertrag ausgelaufen ist. Da gab es ein paar Anfragen. Damals war mein ältester Sohn schon auf der Welt, und wir haben als Familie die Grundsatzentscheidung getroffen hierzubleiben.
Mit welchen Ehemaligen treffen Sie sich regelmäßig?
Was mich am meisten geprägt hat, war die Begegnung mit den Menschen – nicht nur was ich selbst für Verbindungen geknüpft habe, es gibt auch Sponsoren oder Helfer, die sich beim HBW kennengelernt haben und inzwischen gemeinsam in den Urlaub fahren. Was der HBW in dieser Hinsicht für einen Wert geschaffen hat, ist gigantisch. Wie viel Wert die Verbundenheit hat, war bei unserem Jubiläum im Oktober daran zu sehen, wie viele Ehemalige gerne gekommen sind, um alte Freunde zu treffen. Nichts verbindet mehr als gemeinsam Erlebtes – im Positiven wie im Negativen. Das Team, mit dem wir 2003 in die Zweite Liga aufgestiegen sind, war eine super Truppe. Da gibt es immer noch eine Wandergruppe, die sich regelmäßig trifft. Aber auch die 2006er-Aufstiegsmannschaft war klasse. Hier sind Freundschaften fürs Leben entstanden.
Mit welchen Gegenspielern hatten Sie den größten Zoff?
Das härteste Duell war einmal mit Vladica Stojanovic von der MT Melsungen. Er hat mich beim Abklatschen eingeklemmt und aufs Tor geworfen, danach haben wir ihn nach allen Regeln der Kunst bekämpft. Daniel Sauer, Frank Ettwein und ich sprechen immer noch sehr gerne darüber. Regelmäßig »Beef« gab es mit Guillaume Gille und Viktor Szilagyi. Da hat es auf jeden Fall einmal im Spiel gerappelt. Danach aber haben wir uns immer ganz normal verabschiedet.
Wer ist der beste Handballer, mit dem Sie zusammengespielt haben?
Chi-Hyo Cho war im Angriff der Beste. Er hatte eine unglaubliche Gabe und trotz seines schon recht fortgeschrittenen Alters eine brutale Qualität. Natürlich nenne ich in diesem Kontext meinen Bruder Martin. Mit den Erfolgen und dem, was er dem Spiel gegeben hat und wie er es lesen konnte – und das über eine Dauer von 17 Jahren –, das ist schon herausragend.
Was waren für Sie die größten Momente mit dem HBW?
Die Aufstiege 2003 und 2006, aber auch viele einzelne Spiele wie zum Beispiel der 39:37-Heimsieg gegen den THW Kiel, oder als wir nach einem hohen Rückstand in der SAP-Arena noch unentschieden gegen die Rhein-Neckar Löwen gespielt haben. Dann gab es noch ein Do-or-Die-Spiel gegen die HSG Wetzlar. Hätten wir das nicht gewonnen, wären wir abgestiegen.