Die Anzeichen verdichten sich, dass der Autokonzern sich als Trikotsponsor des VfB Stuttgart zurückzieht. Hier die Hintergründe zur Entwicklung.
So ein Footgolf-Cup ist eine spaßige Sache. Es werden zwei Sportarten vermischt, statt mit dem Golfschläger ein Bällchen im Loch zu versenken, versucht man es über mehrere hundert Meter mit dem Fußball und möglichst wenigen Schüssen. Für die Teilnehmer ist das ein Vergnügen, und die Mercedes-Benz Bank bietet die außergewöhnliche Kombination gerade als Gewinnspiel zusammen mit ihrem Partner VfB Stuttgart an. Das Besondere dabei: VfB-Fans und VfB-Profis bilden gemischte Teams.
Zum fünften Mal findet das Spektakel am 21. September im Golfclub Marhördt in Oberrot statt. Die Frage abseits der Bahnen wird jedoch sein, ob es weitere Auflagen gibt. Denn wie berichtet, denkt die Mercedes-Benz Group AG über einen Rückzug beim VfB nach. Nach Informationen unserer Redaktion taucht der Bundesligist in der Finanzplanung nach 2023 nicht mehr auf. Das kann sich zwar ändern, als ein positives Zeichen wird das Verschwinden des weiß-roten Postens bei den Marketingaktivitäten auf den Fluren des Autobauers jedoch nicht gesehen. Und die nächste Möglichkeit, das Engagement erheblich zu reduzieren, ist der auslaufende Vertrag als Trikotsponsor.
So äußert sich Mercedes
Die Mercedes-Benz Bank prangt seit Jahren mit dem guten Stern auf der Brust der VfB-Fußballer – diese Saison noch. Und dann? „Mercedes-Benz und den VfB Stuttgart verbindet eine langjährige und vertrauensvolle Partnerschaft“, heißt es bei dem Unternehmen, „mit all unseren Sponsoring-Partnern befinden wir uns im regelmäßigen Austausch zu unseren Engagements – so auch mit dem VfB.“
Wortgleich hatte sich der Finanzdienstleister auf Anfrage bereits im vergangenen März offiziell geäußert. Konkrete Aussagen gibt es nicht, und am Status quo der Gespräche hat sich offenbar über Monate hinweg nicht viel geändert. „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir uns zu laufenden Gesprächen sowie zu Vertragsdetails unserer Engagements grundsätzlich nicht äußern“, erklärt die Kommunikationsabteilung von Mercedes.
Die endgültige Entscheidung darüber, ob der Vertrag als Hauptsponsor – insgesamt sollen sich die Zuwendungen auf jährlich 16 Millionen Euro belaufen – verlängert wird, ist auch noch nicht getroffen. Weshalb sich selbst die beiden Mercedes-Vertreter Franz Reiner und Peter Schymon im Aufsichtsrat in Zurückhaltung üben sollen. Das führt in Teilen der VfB-Gremien sowohl in der AG als auch im e. V. zu Nervosität und Spekulationen. Zumal Mercedes nicht bereit war, beim Frauenteam des VfB als Trikotsponsor einzusteigen – für überschaubare 80 000 Euro im Jahr.
Dort steht nun die Allianz-Versicherung, und so manches VfB-Gremienmitglied fühlt sich vom großen Nachbarn hingehalten. Doch für Ende September ist nun ein Gespräch mit dem VfB-Vorstandsvorsitzenden Alexander Wehrle anberaumt – was im Clubhaus mit dem roten Dach die Hoffnung nährt, dass Mercedes als Sponsor erhalten bleibt (womöglich mit einem geringeren Volumen). Wozu sollte man sich ansonsten miteinander an einen Tisch setzen? „Unsere Marketing-Verantwortlichen stehen im engen Austausch mit Mercedes. Wir planen, unsere gemeinsamen Marketingaktivitäten aktuell eher zu intensivieren“, erklärt der VfB.
Das plant VfB-Chef Alexander Wehrle
Bereits bei seiner Vorstellung als neuer AG-Boss Ende März hatte Wehrle ausgeführt, dass er sich künftig eine Reihe von gemeinsamen Projekten mit dem Weltkonzern von nebenan sehr gut vorstellen könne, zum Beispiel in den Bereichen Nachhaltigkeit, Mobilität und Internationalisierung. Jetzt will er seine Ideen konkretisieren, und Wehrle gilt als der Mann, der beim Autobauer mit seinem Auftreten und seinem Sachverstand noch Überzeugungsarbeit leisten könnte.
Ob Wehrle etwas erreicht, bleibt abzuwarten. Denn die Marketingstrategie von Mercedes hat sich verändert. Das bekamen in Stuttgart schon das Tennisturnier auf dem Weissenhof und das Reitturnier in der Schleyerhalle mit dem Rückzug des langjährigen Geldgebers zu spüren. Die Ausrichtung ist global und nicht lokal. Mercedes konzentriert sich mit seinen Autos und damit auch mit seinen Werbeaktivitäten auf das Luxussegment – und das nicht auf dem europäischen Markt, sondern auf dem chinesischen.
Der VfB passt da so gar nicht ins Konzept, und es wird die Frage sein, ob der Traditionsverein von 1893 aus alter Verbundenheit eine Sonderrolle beibehält. Weil Mercedes weiterhin als Ankerinvestor fungiert und über die Namensrechte des Stadions hinaus sichtbar sein will? Weil der VfB noch immer als weicher Standortfaktor mit all seinen Fans im Unternehmen gilt? Weil der VfB noch über traditionsbewusste Befürworter in den oberen Mercedes-Etagen verfügt?
Die Antworten liefert der Vorstand rund um Mercedes-Chef Ola Källenius, dem keine Affinität zum Fußball nachgesagt wird. Der Schwede ist ein kühler Rechner. Aber auch der VfB muss rechnen und will wissen, ob er einen neuen Hauptsponsor suchen muss. Eine enorme Herausforderung. Lieber wäre es dem VfB-Vorstand, noch viele Footgolf-Cups mit der Mercedes-Benz Bank zu veranstalten.