DHB-Vorstandschef Mark Schober (re.), EHF-Präsident Michael Wiederer: Erfolgreiche EM. Foto: imago/Beautiful Sports/imago/Beautiful Sports/Wunderl

Die Nationalmannschaft landete auf Platz vier, die Zuschauer strömten in die Hallen. Doch was kommt nach der Handball-EM? Was tut der DHB, um Nachwuchs zu gewinnen, um jünger, bunter und gesellschaftlich relevanter zu werden?

Mark Schober hält im Pressezentrum der Arena in Köln kurz inne, vereinbart den Termin, greift sich ein paar Salzstangen und spurtet weiter zur nächsten Verabredung. Der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Handballbundes (DHB) ist während der EM ständig auf Achse. Er besucht alle Spielorte, sitzt in zahlreichen Meetings mit dem DHB und dem europäischen Handballverband (EHF). Es geht um Sport, Organisation, die Sicherheitslage, den Bahnstreik und vieles mehr.

 

Feuerwehrmann Schober

Schober ist der Feuerwehrmann dieser EM. Diese Woche, die ersten Tage nach dem langen Turnier, werde er versuchen, „etwas langsamer zu machen“, sagt der gebürtige Bietigheimer, und ein Lächeln blitzt auf. Denn die bewusst gewählten stressigen Tage und Wochen haben sich gelohnt: „Auf dem Weg zu unserem großen Ziel, gesellschaftlich relevanter zu werden, sind wir einen Riesenschritt vorangekommen“, fasst Schober die Tage seit dem Eröffnungsspiel am 10. Januar bis zum packenden Endspielsieg der Franzosen gegen Dänemark zusammen.

Ganz bewusst hat der DHB im Oktober 2021 das „Jahrzehnt des Handballs“ ausgerufen – mit den Heimturnieren 2023 (Junioren-WM), 2024 (Männer-EM), 2025 (Frauen-WM) und 2027 (Männer-WM). Doch damit nicht genug: Bei dem Weltverband IHF und der kontinentalen Vertretung EHF hat der mitgliederstärkste Handballverband der Welt schon mal das grundsätzliche Interesse an fünf weiteren Turnieren hinterlegt: den Männer-Weltmeisterschaften 2029 und 2031 sowie den Europameisterschaften 2030 und 2032, immer gemeinsam mit der Schweiz und Frankreich.

Fans strömen zu allen Spielen

Für die EM der Frauen 2032 würde der DHB zusammen mit Polen und Dänemark antreten. Die Chancen, den Zuschlag zumindest für ein, zwei weitere Turniere zu bekommen, stehen nicht schlecht. „Wo sonst in der Welt kommen denn 10 000 Zuschauer in die Hallen, wenn das eigene Team nicht spielt?“, streicht Schober neben der traditionell tadellosen Organisation auch einen entscheidenden emotionalen Vorteil der Deutschen heraus.

Dass diese Großevents als Geschäftsmodell aufgehen, ist zwar nicht sicher, aber wahrscheinlich. Die gemeinsam mit Dänemark ausgerichtete WM 2019 brachte ein sattes Plus von drei Millionen Euro – wie hoch ein möglicher Gewinn diesmal ausfällt, ist noch offen. Aber DHB-Präsident Andreas Michelmann sagt: „Wir brauchten über unsere Haupteinnahmequelle Ticketing 75 Prozent Arenen-Auslastung, um eine schwarze Null zu schreiben. Wir haben jetzt 96 Prozent.“ Daher sei das Event wirtschaftlich als „Erfolg“ zu verbuchen. Fest steht: Die Kasse muss stimmen, zumal die Verluste der U-21-WM 2023 damit ausgeglichen werden müssen. Doch vor allem geht es dem Verband darum, die Sportart zu entwickeln, neue Fans und Freunde außerhalb der Handballgemeinschaft zu gewinnen. „Diese Highlight-Veranstaltungen im eigenen Land helfen uns massiv, Aufmerksamkeit in der breiten Bevölkerung zu bekommen“, betont Schober.

Spielgemeinschaften retten Spielbetrieb

Es gibt auch im Handball immer weniger Nachwuchs, vor allem im B- und A-Jugend-Bereich wäre ohne Spielgemeinschaften aus mehreren Stammvereinen der Spielbetrieb längst nicht mehr aufrechtzuerhalten. Es fehlt an ehrenamtlichen Helfern, Übungsleitern, Schiedsrichtern, an Hallenkapazitäten. „Diese Themen sind die größten Herausforderungen, denen wir uns gegenübersehen“, räumt Schober offen ein, verweist aber darauf, dass es klare Strukturen und Konzepte gebe, im Gegensatz zu früher, als nach den Titelgewinnen 2007 und 2016 von der Euphorie an der Basis wenig ankam, der Effekt verpuffte und der Aufschwung ausblieb.

Was der DHB inzwischen konkret besser macht? Schober nennt Beispiele: Während der abgelaufenen EM wurden an den Spielorten 1000 Trainer in einem Kurzlehrgang ausgebildet. Im Herbst besuchten Handballvereine 3000 Grundschulen, um insgesamt 270 000 erreichte Kinder zu begeistern und Lehrer mit der Sportart vertraut zu machen. Beim Tag des Handballs waren Migranten eingeladen. Auch für sie sollte die EM ein Magnet sein, der sie an eine für viele unbekannte Sportart heranführt. Bisher haben nur rund sieben Prozent der 740 000 DHB-Mitglieder eine Zuwanderungsgeschichte.

„Wir brauchen Migranten“

„Wir brauchen die Migranten, auf 30 Prozent unserer Bevölkerung zu verzichten wäre ein Riesenfehler“, stellt Schober klar, der beim Nachwuchs aus der Ukraine, dem Balkan oder dem Baltikum Wachstumspotenzial sieht und vor allem bei türkischstämmigen Mädchen einen Zulauf ausgemacht hat. „Sie erreichen wir leichter als die Jungs“, sagt der 51-Jährige und nennt Maßnahmen, um dies weiter zu fördern: „Wir geben Regelhefte und Handlungsleitfäden in verschiedenen Sprachen aus, es gibt Workshops für soziale Nachhaltigkeitsprogramme, wir bilden Multiplikatoren mit Migrationshintergrund aus, wir schrauben Zugangsbarrieren herunter, indem auf religiöse Feiertage Rücksicht genommen wird, und, und, und.“

Zielkonflikt beim Fernsehen

Der Verband will diverser, bunter, weiblicher – und jünger werden. Beim Buhlen um die Handballer von morgen passt es allerdings nicht ins Bild, dass die EM-Spiele der großen Vorbilder – bis auf das verlorene Spiel um Platz drei gegen Schweden – alle erst ab 20.30 Uhr über die Mattscheibe flimmerten. „Ein Zielkonflikt, der sich leider nicht lösen lässt“, bedauert Schober und bittet um Verständnis: „Zur Primetime haben wir mit Abstand die meisten Zuschauer.“

Ständig abrufbar sind dagegen Handballformate in den sozialen Medien, die vor allem durch den Einstieg von TV-Partner Dyn entstanden sind. „Es ist sehr befruchtend, wenn Stefan Kretzschmar, Pascal Hens oder Mimi Kraus in ihrem Podcast mit den Fans über unseren Sport diskutieren“, sagt der DHB-Chef. Dass sich manch einer einen solch charismatischen Ex-Nationalspieler im Verband wünscht, wenn wichtige Botschaften kommuniziert werden, hält Schober für nicht zwingend erforderlich: „Wir pflegen ein gutes Miteinander, unabhängig davon, ob ein solches Aushängeschild eine Funktion im Verband hat oder nicht.“

Artschwager lobt Typen

Unterstützung erhält er von Hans Artschwager, dem Präsidenten des Handballverbandes Württemberg (HVW): „Wir sind insgesamt gut aufgestellt und haben mit Knorr, Köster, Golla, Heymann tolle Typen und Gesichter unseres Sports, dazu einen starken Bundestrainer.“

Alfred Gislason trägt die Verantwortung für die sportlichen Erfolge. Und die sind entscheidend, um die nötige Aufmerksamkeit und Akzeptanz für die angestoßenen Ideen zu bekommen. Denn sonst wird darüber nur in der Handballfamilie diskutiert, und die gesellschaftliche Relevanz des Sports beschränkt sich auch in Zukunft nur auf den ersten Monat des Jahres.