Trainer Xavier Pascual Fuertes jubelt mit der Champions-League-Trophäe und seiner Mannschaft. Foto: AFP/Ina Fassbender

Die Ausnahmehandballer des FC Barcelona gewinnen mit ihrem 61. Sieg im 61. Saisonspiel die Champions League in Köln, stehen aber vor einem großen Umbruch. Roi Sanchez, der künftige Trainer des TVB Stuttgart, gibt Einblicke aus dem Innenleben.

Barcelona/Stuttgart - Er war als Co- und Torwarttrainer schon hautnah dran an der ersten Mannschaft des FC Barcelona. In dieser Saison konzentrierte sich Roi Sanchez coronabedingt auf das Coaching der zweiten Mannschaft. Deshalb war der künftige Trainer des Handball-Bundesligisten TVB Stuttgart auch nicht vor Ort in Köln, als die Spieler des katalanischen Renommierclubs mit einer historischen Bestmarke zum zehnten Mal Europas Handball-Thron bestiegen.

 

Doch nach dem 36:23-Endspielsieg gegen den dänischen Meister Aalborg Handbold jubelte auch Roi Sanchez mit. Zahlreiche Glückwünsche versandte er nach der Machtdemonstration der Blau-Roten direkt nach Spielende an die Champions. Es war ihr 61. Sieg im 61. Saisonspiel. Damit machte Barça das Triple aus nationaler Meisterschaft, Pokalsieg und dem Triumph in der Königsklasse perfekt. Noch nie hatte eine Mannschaft zuvor alle 20 Champions-League-Spiele in einer Saison gewonnen.

Die Gier nach Erfolg

„Der Hunger, die Gier dieser Mannschaft sind einfach unglaublich groß“, nennt Roi Sanchez das Erfolgsgeheimnis. Ihn begeistern nicht nur die Siege, sondern die Art und Weise, wie diese zustandekommen: Von der ersten bis zur letzten Minute wird um jeden Ball, um jedes Tor gekämpft. Auch nach noch so klaren Führungen lehnt sich keiner zufrieden zurück. Dieser Club der Unersättlichen arbeitet daran jeden Tag, in jedem Training. „Qualität im Kader haben doch auch andere europäische Spitzenteams wie Kielce, Veszprém oder Paris, aber die Mentalität der Spieler beim FC Barcelona ist besonders und macht den Unterschied aus“, erklärt Sanchez. Diesen optimalen Spirit zu erlangen, sei ein Prozess, den die aus der eigenen Akademie stammenden Spieler wie Gonzalo Perez de Vargas, Aleix Gomez oder Víctor Tomás maßgeblich mitprägen.

Lesen Sie aus unserem Plus- Angebot: Kiril Lazarov – mehr als ein Handballer

Doch der alles entscheidende Mann der vergangenen Jahre ist der Trainer: Xavier Pascual Fuertes. Wenn die Sprache auf den ehemaligen Torwart kommt, gerät Sanchez regelrecht ins Schwärmen. „Er hat den FC Barcelona zur besten Mannschaft der Welt gemacht. Mit viel Motivation und Empathie. Mit Feuer und Liebe“, sagt der künftige TVB-Coach. Er habe die Spielweise revolutioniert, hin zu einem attraktiven Hochgeschwindigkeitshandball. Und genau dieser Xavier Pascual Fuertes sagt nun „Adiós“. Er wechselt nach zwölf Jahren in diesem Sommer nach Rumänien, wo er von 2016 bis 2018 schon einmal die Nationalmannschaft trainierte, parallel zu seiner Tätigkeit bei Barcelona. Diesmal übernimmt der 53-Jährige die Vereinsmannschaft von Dinamo Bukarest.

Tiefe Zäsur

Überhaupt stehen die Katalanen vor einer tiefen Zäsur. Auch die Clublegende David Barrufet wird den Verein nach insgesamt 37 Jahren – davon 22 Jahre als Torwart – verlassen. Ebenso weitere aktuelle Stützen wie zum Beispiel Raul Entrerrios, Kevin Möller (zur SG Flensburg-Handewitt), Kreisläufer Cedric Sorhaindo (zu Dinamo Bukarest) oder Spielmacher Aron Palmarsson, der sich Finalgegner Aalborg HB anschließt. Dieser Wechsel war laut spanischen Medienberichten einer der Gründe für den Abgang des Erfolgstrainers. Xavier Pascual Fuertes soll den seit März 2021 im Amt befindlichen Clubpräsidenten Joan Laporta (und dessen für den Handball zuständige Berater) heftig kritisiert haben, den Vertrag mit dem Isländer nicht verlängern zu wollen.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: European League – eine deutsche Domäne

Ob das mit den Finanzen zusammenhängt? Fest steht: Der Schuldenstand des FC Barcelona soll sich auf knapp 1,2 Milliarden Euro belaufen. Und es bleibt die Frage, wie sich die desaströse wirtschaftliche Situation des Gesamtvereins auf eine untergeordnete Abteilung wie die des Handballs auswirkt. Auch Roi Sanchez, der das Innenleben des Clubs seit 2017 kennt, ist sich bei der Einschätzung der Zukunftsaussichten nicht ganz sicher. „Es werden sich immer Firmen finden, die Barça in der Krise Geld geben, und auch Banken, die Kredite genehmigen“, meint der 38-Jährige. So lieh die Investmentbank Goldman Sachs dem FCB erst Mitte Mai eine halbe Milliarde Euro, 100 Millionen flossen sofort.

Bei Sanchez schwingen zumindest leise Bedenken mit, ob das neue Handballprojekt in Barcelona genauso dominant sein wird wie das alte. Er weiß nur: „Einen besseren und erfolgreicheren Trainer wie Xavier Pascual Fuertes werden sie nicht finden.“ Dann ergänzt er mit einem Schmunzeln: „Der Neue müsste ja 62 Spiele hintereinander gewinnen.“

Ortega soll kommen

Der Mann, der diese ziemlich ambitionierte Aufgabe angehen soll, ist derzeit noch in der Bundesliga beschäftigt: Antonio Carlos Ortega von TSV Hannover-Burgdorf. Der mächtige Präsident Joan Laporta hat das bereits verkündet. Das Problem: Der 49-jährige Ortega steht noch bis 2023 bei dem ehemaligen Club von Roi Sanchez unter Vertrag. Und der aktuelle Bundesliga-Zwölfte fordert nach Informationen des Magazins „Handball inside“ eine Ablöse in Höhe von 250 000 Euro. Eine Summe, die im Handball viel Geld bedeutet, dem FC Barcelona aber wohl eher nur ein müdes Lächeln entlockt.