Verrückte Handball-Bundesliga! Eine Überraschung jagt die andere. Woran liegt es, dass die Außenseiter immer öfter die Favoriten stolpern lassen? Eine Ursachenforschung.
Bob Hanning hat gut reden. Seine Füchse Berlin sind die einzige Mannschaft, die mit ihren 16:0 Punkten noch eine blütenweiße Weise vorweisen. „Diese verrückten Ergebnisse tun der Liga unfassbar gut, diese Spannung ist genau das, was wir brauchen“, sagt der Geschäftsführer des aktuellen Tabellenführers der Handball-Bundesliga vor dem Heimspiel an diesem Donnerstag (19 Uhr) gegen den DHB-Pokal-Sieger Rhein-Neckar Löwen.
Reihenweise Überraschungen
Das Starensemble aus Mannheim (9:5 Punkte) hat am vergangenen Montag beim Aufsteiger ThSV Eisenach völlig überraschend mit 26:29 verloren. Es ist nicht das erste durchgeknallte Resultat in dieser irren Bundesliga-Saison. Einen Tag vorher entzauberte der bis dahin krisengeplagte TVB Stuttgart die hochgewettete SG Flensburg-Handewitt mit 34:31. Das Schlusslicht Bergischer HC brachte der als Tabellenführer angereisten MT Melsungen die erste Niederlage bei. Und das allergrößte Kunststück vollbrachte Kellerkind HSG Wetzlar mit dem 32:31-DHB-Pokal-Coup auswärts beim deutschen Meister THW Kiel, der in der Liga (genauso wie Flensburg) schon sechs Minuspunkte auf dem Konto hat.
Woran das alles liegt? Völlig außer Frage steht, dass die Liga insgesamt viel enger zusammengerückt ist. Bei den absoluten Topclubs scheint die Obergrenze der Etats erreicht zu sein. Die Vereine dahinter holen in Sachen Professionalität und damit auch Wirtschaftlichkeit immer mehr auf. „Der Begriff ‚stärkste Liga der Welt‘ erklärt sich vor allem dadurch, dass die Clubs auf den Plätzen zehn bis 18 in jeder Liga der Welt mit um die Spitze mitspielen könnten – auch der TVB Stuttgart“, sagte Liga-Geschäftsführer Frank Bohmann in der „Sport-Bild“.
Stimmung und Spannung
Genau diese Stärke, diese Stimmung und Spannung lockt die besten Spieler Europas nach Deutschland – und eben nicht nur zu den Spitzenclubs. Die Bundesliga profitiert davon, dass der Handball auch international immer ausgeglichener wird. Bei einem potenziellen Abstiegskandidaten wie der HSG Wetzlar spielt auf jeder Position ein Nationalspieler. Beim Bergischen HC gehört der deutsche Nationalspieler Fabian Stutzke derzeit nicht zur Anfangsformation. Beim TVB Stuttgart steht mit Jonas Truchanovicius ein Champions-League-Sieger auf der Gehaltsliste, über die Qualitäten von Silvio Heinevetter oder Kai Häfner, auch im fortgeschrittenen Alter, muss nicht groß diskutiert werden.
„Wir sind die NBA des Handballs, sich in jedem Spiel zu messen, in jedem Spiel Vollgas zu geben, das ist für Sportler interessant. Ähnlich wie die Fußball-Premier-League in England machen wir uns gerade unabhängig von den Erfolgen der Nationalmannschaft“, meint Hanning.
Eingleisige zweite Liga wirkt sich aus
„Jeder Spieler muss in jedem Spiel 100 Prozent geben, damit sein Team gewinnt. Davon profitiert die Entwicklung der gesamten Sportart“, ergänzt Markus Baur, der Trainer von Frisch Auf Göppingen. Sein Kollege Jens Bürkle streicht noch einen Aspekt heraus: „Die Einführung der eingleisigen Zweiten Bundesliga vor zehn Jahren schlägt inzwischen im positiven Sinne voll durch.“ Das im internationalen Vergleich erstklassige Unterhaus bietet zum einen Toptalenten aus der Jugend- und Junioren-Nationalmannschaft eine sehr gute Plattform, sich durch viel Spielzeiten weiterzuentwickeln, zum anderen bringen die Aufsteiger in die Bundesliga eine stärkere Qualität mit als früher.
„Eisenach – das St. Pauli des Handballs“
Bürkles HBW Balingen-Weilstetten ist dafür ein Beispiel, aber eben auch Mitaufsteiger ThSV Eisenach, der aufgrund seines Kultpublikums in enger Halle für Hanning „das St. Pauli des Handballs“ darstellt.
Wo das alles hinführt? „Zu einem fantastischen Handballjahr, zu unfassbar viel Spannung, zu viel Drama mit extrem vielen Höhen und Tiefen“, ist sich Bürkle sicher. Es würde nicht verwundern, wenn es am Ende zwei Clubs am Tabellenende erwischt, die aktuell noch gar nicht damit rechnen.
Und oben? Da Spielen die Füchse bisher eine überragende Saison ohne Ausrutscher – trotz der Abgänge von Schlüsselfigur Jacob Holm sowie den Verletzungen der Führungsspieler Paul Drux und Fabian Wiede. „Die Frage wird sein, wie lange wir es schaffen, das durchzuziehen“, sagt Hanning, der eines ganz gewiss weiß: Die Zeiten, in denen ein Team – wie der THW Kiel in der Saison 2011/12 – mit 68:0 Punkten eine perfekte Runde spielte, sind längst vorbei.