Gisela und Marianne Hafner durchlebten in den 60er und 70er Jahren eine Kindheit unterhalb der Armutsgrenze – geprägt von Gewalt und Vernachlässigung. „Ohneeinander hätten wir es nicht geschafft“, sagen die eineiigen Zwillinge.
Zuerst kommt Marianne. Die Mutter meint schon, sie habe die Geburt überstanden. Dann sagt der Arzt: „Da kommt noch eins.“ Die Babys sind erbärmlich klein. Vorsorglich lässt man die Mädchen in der Krankenhauskapelle nottaufen.
Richtig groß geworden sind sie nie. Marianne Hafner bringt es auf 1,58 Meter. Gisela ist noch drei Zentimeter kleiner. Und mit ihren 62 Jahren haben sich beide eine Teenagerfigur erhalten. „Vielleicht sind wir wegen der ständigen Unterernährung so klein geblieben“, sagt Gisela Hafner. „Ohne einander hätten wir nicht überlebt.“
Ein überschwänglicher Empfang. „Dürfen wir Du sagen, oder?“ Sie haben eine Erdbeerroulade vom besten Konditor der Stadt für den Gast gekauft. „Welche Kaffeetasse geben wir ihm?“ – „Die schöne runde.“ Mary ist an diesem Nachmittag die paar hundert Meter rübergekommen zur Schwester in den fünften Stock eines Mietkomplexes unweit der Bozener Altstadt. Farblich sind sie wieder eins: rote Pullis und Jeans. „Aber es ist nicht so, dass wir uns morgens anrufen und fragen: Was ziehst du an?“ Bei eineiigen Zwillingen läuft das über Gedankendraht.
Sie sehen sich, so oft es geht. Nach zwei Tagen ohne einander, fangen sie an zu jammern. Sie sind virtuos aufeinander abgestimmt: Macht die eine mal Sprechpause, spricht die andere nahtlos weiter.
Der Anfang ihrer Geschichte spielt in einem seelischen Trümmerfeld. Was sie wissen, haben sie später von ihrer Mutter und vom Bruder erfahren. Aber es erwachen auch immer wieder Erinnerungsbilder in ihnen, die bis in die ersten Kinderjahre reichen.
Eine Kindheit im „Unglückshaus“
Sie wachsen auf am Bodensee. Der elterliche Bauernhof steht mitten im Dorf. 1400 Einwohner – und jeder weiß, was in dem „Unglückshaus“, wie die Schwestern es bezeichnen, vor sich geht: Nachbarn, Verwandte, Lehrer. Aber man sieht lieber weg. Der Ortsname soll nicht genannt werden – sie wollen mit niemandem abrechnen. Schon gar nicht mit den Eltern, deren Not sie durch alle Verletzungen hindurch sahen.
Es hat einmal gute Zeiten gegeben im Unglückshaus. Aber als die Zwillinge zur Welt kommen, sind die schon vorbei. Der Vater ist chronisch kränklich, die Mutter hochdepressiv. Es ist kein Geheimnis, dass in der Familie bis zum Unverstand geprügelt wird. Und auch sonst alles marode: die Fenster zugig, die Wände schwarz vom Ofenruß, die Stühle mit Brettern belegt, weil in den Sitzflächen Löcher klaffen. Nur in der Küche fließend kaltes Wasser, die einzige Möglichkeit sich zu waschen. Die Toilette ein stinkendes Plumpsklo im angebauten Schuppen.
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Nach zwei Monaten fängt für die Babys der Ernst des Lebens an. Das Gitterbett wird in die Stube gestellt. Morgens, kaum dass Mutter sie versorgt hat, binden die Eltern dicke Schnüre um die Fenstergriffe und verschließen die Tür hinter sich. Bis zum Abend sind die Kinder sich selbst überlassen. Helmut, der ältere Bruder, muss mit aufs Feld. So geht das jahrelang.
Wenn Mutter abends heimkommt und die die Kleinen ihr auch noch Arbeit machen, schreit es aus ihr heraus. Der Vater ist heillos überfordert. Das Geschrei der Frau entfesselt seine Gewalt, die sich an den Kindern entlädt. Zunächst nur an Helmut, dann, als sie älter sind, auch an den Zwillingen.
Wenn sie vom Kindergarten heimkommen, ist die Haustür zu und Mutter unauffindbar. Sie gehen zur Nachbarin, um was zu trinken und zu essen. Dass ihnen mal jemand übers Haar streicht oder sie tröstet, kennen die Kinder nicht. Mutter breitet ihre Todessehnsucht schonungslos aus.
Ein Leben unter der Armutsgrenze
Sie hat keine Kraft, für die Familie zu sorgen. Im Schuppen die Kühltruhe ist voll mit vergammelten Fleisch. Ein Leben weit unter der Armutsgrenze. Und der Vater fügt sich in die Umstände mit seinen Schlägen. „Vielleicht hat er Mutter besser verstanden als alle anderen“, sagt Mary.
Die Hygiene beschränkt sich auf ein monatliches Bad in der Zinkwanne. Die Kleider werden noch seltener gewaschen. Auf dem Schulhof rufen die anderen „Stinker, Stinker“. Einmal behandelt man Karius und Baktus im Unterricht. Daheim gibt es keine Zahnbürsten, nur ein Stück Kernseife. Eine Frau bellt ihnen auf dem Gehweg nach: „Eure Mutter ist eine Drecksau.“ Gisela und Mary sind die asozialen Kinder.
In der Schule weinen sie, wenn die Lehrerin das Wort an sie richtet. Erwachsene machen ihnen Angst, in ihrer Gegenwart können sie nicht richtig sprechen. Mit Ach und Krach werden sie nach einem Wiederholungsjahr in die zweite Klasse versetzt. Zuhause hilft ja keiner beim Lernen. Die einzige Lektüre dort ist ein Warenhauskatalog.
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Weil es daheim kein Essen gibt, suchen sich die Kinder ihre Nahrung in Gärten zusammen. Vor allem Äpfel, viele Tomaten und Gurken, Karotten, Salat, Nüsse, Beeren. „Wir waren das, was man heute Rohkostler nennen würde“, sagt Gisela. Die Mangelernährung hat Folgen. Neben dem starken Untergewicht ein ständiges Nasenbluten „und Blähbäuche wie bei den Kindern in Afrika“. Gisela weiß noch, dass sie manchmal in die Schule getorkelt ist wie eine Betrunkene. Der Kreislauf. Oder dass sich abends, wenn sie im Bett lag, die Decke gedreht hat wie im Karussell.
Sie erinnert sich: Ein Sonntagmittag, Vater hat die Suppe mit so viel Maggi gewürzt, dass sie keinen Löffel davon herunterbringen kann. Er will auf sie einschlagen, aber ihre Schwester stellt sich vor sie. Gisela, die ängstliche. Mary, die Starke. Sie nimmt schon früh eine Beschützerrolle ein.
Dann diese eine Nacht im kalten Zimmer, wo alle fünf schlafen. Mutter weint wieder. Plötzlich wird es hell und wohlig warm. Gisela liegt nicht mehr im Bett, sondern sie schwebt. Immer höher. Dieses Gefühl trägt sie fortan mit sich wie einen geheimen Schatz. Nicht mal der Schwester erzählt sie davon. Die spirituelle Ader ist ihr geblieben.
Der gute Engel für die Mädchen
Manchmal gehen die Mädchen zu einer Frau im Ort. Was für eine schöne Wohnung die hat. Wie gut es da riecht. Die Frau hilft bei den Hausaufgaben, liest Märchen vor, übt Kopfrechnen mit ihnen. Und so ein köstliches Essen! Vorher wird immer gebetet.
Der drei Jahre ältere Helmut hat nicht so einen guten Engel wie die Schwestern. Und keinen Zwilling, an den er sich schmiegen kann, wenn er wieder Prügel und Beschimpfung einstecken musste. Der Junge stottert. Er entwickelt epileptische Anfälle. „Vielleicht auch, weil Pa sich mit seinen Schlägen an ihm abgearbeitet hat“, sagt Mary.
Die Mutter bleibt jetzt meist zu Hause wegen ihrer offenen Beine. Teilnahmslos liegt sie auf der Couch. Die Kinder müssen nach der Schule aufs Feld. Vater arbeitet inzwischen als Maurer, den Hof macht er nebenher. Das Geld reicht hinten und vorne nicht. Für zwei Mark schrubben die Zwillinge den Holzboden bei einer alten Frau, davon kaufen sie Nudeln für die Familie. Anschreiben dürfen sie nicht mehr: „Sagt daheim, die sollen erst die offenen Rechnungen zahlen.“ Den Hof zu verkaufen, bleibt für Vater tabu.
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In dem Meer aus Verwahrlosung und Gewalt gibt es schöne Inselchen. Weihnachten zum Beispiel: der Tannenbaum, der nach Wald riecht. Ma backt Lebkuchen. Helmut bastelt Strohsterne. Pa holt seine Mundharmonika hervor. Alle singen. Es gibt sogar Geschenke: ein Paar Socken für Helmut, Strumpfhosen für die Mädchen.
Oder wenn ein Kalb geboren wird und Pa die Mädchen mit in den Stall nimmt. Oder die Kommunion: Noch nie hatten sie so viel Besuch – Oma, Onkel Berthold mit seinen Töchtern, Großonkel Josef, Tante Hilde. Mutter erzählt viel, Vater ist lustig. Warum kann nicht öfter so ein Wundertag sein?
Sie haben später nach Erklärungen gesucht, warum ihre Eltern so wurden – und einiges gefunden. Anna, die Mutter, kam als uneheliches Kind zur Welt. Eine Schande. Sie erzählte oft unter Tränen, dass sie keiner wirklich gewollt habe. Beim Tanzen lernte sie Norbert kennen: dunkler Teint, pechschwarzes Haar mit Wellen wie ein Italiener.
Norbert hatte sehr strenge Eltern. Als einziger Sohn war er früh in die Pflicht genommen worden. Selbst fast noch ein Junge, wurde er in den Krieg einberufen und kam in russische Gefangenschaft. Traumatisiert kehrte er mit 19 Jahren zurück. Nach dem frühen Tod der Eltern übernahm er mit 21 den verschuldeten Hof. Sein Vater bürdete ihm am Sterbebett das Versprechen auf, den Betrieb wieder hoch zu wirtschaften. Er hielt auf Gedeih und Verderb an seinem Wort fest.
Und dann die Sache mit dem erstgeborenen Sohn Günther. Bei der Geburt hörte Anna ein Knacken. Der Arzt hatte ihm aus Versehen das Genick gebrochen. Anna erholte sich nie davon, redete immer von ihm. Norbert schwieg. „Getrauert hat er gewiss auch. Vielleicht, wenn er im Wald war“, sagt Mary.
Auftritte als die „Hafner-Zwillinge“
Mit zwölf Jahren finden die Mädchen Arbeit als Putz- und Haushaltshilfen. Zu der Zeit hören die Schläge des Vaters auf. In der Schule werden sie richtig gut. Mit 15 gehen sie in den Fußballverein. Als Gesangs-Duo „Die Hafner-Zwillinge“ haben sie Auftritte bei Festen und zur Fasnacht. Das macht Spaß: Wenn es den Leuten gefällt und sie applaudieren. „Wir wollten Fuß fassen im Leben. Wir wünschten uns nichts mehr als Normalität.“
Zuhause häufen sich die Mahnbriefe. Vater wird immer schwächlicher, er macht keine Stallarbeit mehr. Die Kühe stehen in einem Berg aus Mist. Wenn ihn die Sorgen besonders plagen, schüttet er Most in sich hinein. Bei Helmut staut sich die Wut: „Du lässt deine Familie im Dreck sitzen.“
1977 schaffen die Mädchen einen sehr guten Hauptschulabschluss. Der Rektor erwähnt sie sogar in seiner Rede und lobt ihren Fleiß. Alle machen Komplimente. Noch schöner wäre es, wenn die Eltern da wären.
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Was anfangen nach der Schule? Die jungen Frauen kommen in der Packerei einer Fabrik unter. Sie beziehen ihr erstes eigenes Nest, eine möblierte Dachwohnung in Radolfzell. Mutter ist froh über den Auszug, Vater weint. Vom ersten Lohn kaufen sie elektrische Zahnbürsten, Badesalz, Hautcreme und was es so alles gibt.
Dann kommt der Tag, da will der Vater plötzlich doch sein Land verkaufen und den alten Hof aufgeben. Der Ortsvorsteher gibt ihm für die Äcker ein paar tausend Mark. Als die Kühe abgeholt werden, begleitet der Vater jedes einzelne Tier bis in den Transporter. Er schaut dem Lastwagen noch hinterher: „Etz send se elle weg.“ Kurz darauf stirbt er.
Die Zwillinge verlieben sich in den gleichen Mann
Gisela und Mary lernen Altenpflegehelferinnen und arbeiten in dem Heim, wo schließlich auch die Mutter hinkommt. Ihre Beine mussten amputiert werden. Die Töchter pflegen sie.
Mary verliebt sich in einen Mann aus Bozen. Eigentlich verliebt sich Gisela auch, sie haben ja den gleichen Männergeschmack. Aber er entscheidet sich für Mary, sie zieht zu ihm nach Südtirol. Keine einfache Zeit für die Schwestern. „Genau gesagt, war es die allerschlimmste Zeit meines Lebens, mir kamen schon die Tränen, wenn nur jemand den Namen Mary erwähnte“, erzählt Gisela. Zu guter Letzt heiratet sie den Bruder von Marys Mann und zieht auch nach Bozen. Sie lernen leicht Italienisch. „Ein Wunder, wenn man bedenkt, dass wir als Sechsjährige noch kaum sprechen konnten – außer in unserer eigenen Sprache, die nur wir verstanden.“
So finden die Geschwister in ein Familienleben, wie sie es von zuhause nie kannten. Mit Zelturlaub in Kroatien, Spaziergängen, Zoobesuchen. Mit Zuwendung. Beide bekommen zwei Kinder, aus allen ist was geworden. Gisela hat schon eine Enkelin.
Die Kindheit hinterließ Spuren: die Wirbelsäulenprobleme, die chronischen Schulterschmerzen, Gisela hat einen verhärteten Hubbel am Nacken. Sie glaubt, das kommt alles von der Fehlhaltung beim Schlafen. Sie konnten ja, bis sie mit zwölf ein größeres Bett bekamen, nie die Beine ausstrecken.
Die asozialen Mädchen haben in ein normales Leben gefunden. Helmut nicht. Seine erste Ehe scheiterte bald. Die zweite Partnerschaft ging wegen seiner Spielsucht entzwei. Ein schweres Nierenleiden und sein krankes Herz ließen ihn nur 49 Jahre alt werden.
Aus den Zwillingen sind fröhliche Menschen geworden. Es widerstrebt ihnen, zu jammern oder anzuklagen. Nur nicht so werden wie Mutter. Sie seien sehr dankbar und zufrieden, betonen beide. Wenngleich auch ihr Familienglück nicht von Dauer war. Giselas Ehe hielt 22, Marys 28 Jahre.
Sie haben es aus dem elterlichen Rußloch in helle Wohnungen unter der Sonne Südtirols geschafft. Und da sind immer neue Lichtblicke: Giselas älteste Tochter liegt an diesem Tag in Meran in den Wehen. Am Abend kommt ein gesunder Bub zur Welt.
Buch: Gisela Hafner: „Nichts Gutes kommt aus diesem Haus“ (207 Seiten, 10 Euro), erschienen im Bastei-Lübbe-Verlag, Köln.