IG-Metall-Vize Christiane Benner: keinen Drang nach Berlin. Foto: IG Metall/Frank Rumpenhorst

Der Gewerkschaftsbund muss die Nachfolge von DGB-Chef Reiner Hoffmann neu besetzen. Den Posten sollte nach Ansicht vieler eine Frau übernehmen, doch die Suche nach geeigneten Anwärterinnen stockt.

Stuttgart - Das Thema gilt als geheime Kommandosache – im Grunde entscheiden nur die Chefs der großen Gewerkschaften IG Metall, Verdi und IG Bergbau, Chemie, Energie (BCE) darüber. Auf sie wächst der Druck, eine neue Spitze für den Gewerkschaftsbund (DGB) zu finden. Denn wer auf Amtsinhaber Reiner Hoffmann folgen soll, ist noch offen.

 

Erschwerend kommt hinzu, dass nach Ansicht vieler erstmals eine Frau auf den Topposten gewählt werden soll. Hoffmann fand schon vor einem halben Jahr „eine Frau als meine Nachfolge außerordentlich sympathisch“, wie er unserer Zeitung sagte. „Es wäre an der Zeit.“ Doch tut sich der im Sommer mit der Suche beauftragte dienstälteste Vorsitzende Michael Vassiliadis (IG BCE) dem Vernehmen nach schwer – wenngleich Verdi-Chef Frank Werneke gegenüber unserer Zeitung beruhigt: „Natürlich gibt es Überlegungen. Wann wir die der Öffentlichkeit vorstellen, das müssen wir im Kreis der Einzelgewerkschaftsvorsitzenden entscheiden.“ Da im Mai der DGB-Bundeskongress sei, „wird es jetzt bald Vorschläge geben“.

Ambitionen auf den IG-Metall-Vorsitz?

Die zuvor favorisierte Frau will – bisher – offenbar nicht antreten: IG-Metall-Vize Christiane Benner. Gut möglich, dass die 53-Jährige weiter Ambitionen auf den Chefposten ihrer eigenen Gewerkschaft hegt. Denn gewiss ist: Der Esslinger Jörg Hofmann wird im Herbst 2023 in Ruhestand gehen.

Somit wird immer öfter Anja Piel genannt, die seit März 2020 dem engeren Bundesvorstand des DGB angehört und sich mit, wie es heißt, guter Arbeit Respekt verschafft hat. Ob sie schon mehrheitsfähig ist, wird aber bezweifelt. Wegen der traditionellen Bindungen an die SPD wäre es für manchen auch gewöhnungsbedürftig, dass Piel den Grünen angehört und zuvor den Fraktionsvorsitz in Niedersachsen innehatte. Im Januar 2018 unterlag die Partei-Linke im Kampf um den Grünen-Vorsitz der Realo-Frau Annalena Baerbock. Freilich wurde Verdi lange Zeit von dem Grünen Frank Bsirske geführt – insofern wird die Parteizugehörigkeit immer unwichtiger. Piel ist zudem Verdi-Mitglied, was Werneke nur recht sein kann. Die IG Metall hat angeblich keine weitere Frau aufzubieten.

„Die Kerle haben schon ein bisschen komisch geguckt“

Dass Handlungsbedarf besteht, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen, ist beim DGB erkannt. Auf der Bezirksebene wird die männliche Vorherrschaft mit Druck von oben beseitigt: Jüngst wurde in Rheinland-Pfalz die zweite weibliche Doppelspitze gewählt. „Das reicht noch nicht“, sagte Reiner Hoffmann jüngst auf der Bundesfrauenkonferenz. „Wenn alles gut läuft“, sollen künftig zwölf von 18 Führungskräften in neun Bezirken Frauen sein. „Das ist doch ein tolles Ergebnis“, jubelte er. „Es ist vielleicht auch ein Signal für andere Gewerkschaften.“

Speziell die IG Metall muss noch aufholen: Derzeit gebe es nur knapp 400 000 weibliche Mitglieder, also einen Anteil von knapp 18,5 Prozent, berichtete Christiane Benner auf der Konferenz. „Wir sind durch Corona etwas runtergerutscht, aber wir haben den Ehrgeiz, wieder Richtung 20 Prozent zu gehen.“ Vorwärtsdrang zeigt sie auch bei der Besetzung von Leitungspositionen: „Bei uns haben die Kerle schon ein bisschen komisch geguckt und gesagt: Wir haben doch nur 20 Prozent bei uns in den Branchen beschäftigt – warum sollen wir in der Führung der IG Metall 30 Prozent haben? Das fanden nicht alle logisch.“ Es sei trotzdem beschlossen worden – jetzt habe man „insgesamt 30 Prozent hingekriegt“. Somit wird von 155 Geschäftsstellen schon knapp ein Viertel weiblich geführt. Eine Etage höher, auf der Ebene der Bezirksleiter, agiert freilich erst eine Frau. „Total schlecht – viel zu wenig“, rügt Benner. Im geschäftsführenden Vorstand sind zwei von sieben Kräften weiblich– da sind wiederum Verdi oder die IG BCE klar voraus.

„Frauen müssen an den großen Trog“

„Wir entwickeln uns gut, aber es ist immer harte Arbeit“, sagt Benner, die sich selbst als „absolute Quotenfetischistin“ bezeichnet. Verstärkt würden auch Kolleginnen an der Basis motiviert, in den Betriebsräten Verantwortung zu übernehmen. „Die Kraft kommt von den Wurzeln – da müssen wir sehen, dass wir in den Betrieben gleichstellungspolitisch stärker werden.“

Auch in Gesellschaft und Arbeitswelt will die IG-Metall-Vize stärker in die Offensive gehen. „Frauen müssen an den großen Trog – dorthin, wo es Geld und Einfluss gibt“, betont sie. Dies wolle sie „nicht den Männern überlassen“. Deswegen müssten die Frauen „Banden bilden, zum Teil auch mit den Kerlen“. Die müssten verstehen, was die Themen seien, die Frauen voranbringen. Gleiche Entwicklungsmöglichkeiten und gleiche Qualifizierung – „da müssen wir jetzt Gas geben, weil wir eminente Veränderungen haben in den Industrien und in der Gesellschaft“, betont sie. „Da will ich, dass Frauen gleichberechtigt gute Chancen haben.“

Dringender Wunsch aus dem Plenum

Zum Schluss der Konferenz meldete sich eine Delegierte: Sie wolle ein Tabu brechen – also über die Hoffmann-Nachfolge reden. „Ich habe die Bitte, noch mal zu gucken und eine Kollegin zu finden“, sagte sie. Beifall brandete auf – auch von Christiane Benner.

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