Die Corona-Krise erschwert vielen Frauen den Weg zum Frauenhaus. (Symbolbild) Foto: dpa

Während Lockdown ist es für Opfer von häuslicher Gewalt schwieriger, an Hilfe zu kommen.

Calw - Wenn Frauen von ihrem Partner misshandelt werden, bleibt ihnen oft nur ein Ausweg: davonlaufen. Im Frauenhaus finden sie eine Zuflucht. Ihr Weg dorthin wird durch Corona allerdings nicht leichter. Wie Mitarbeiterinnen des Frauenhauses Calw die Situation erleben, erzählen sie in unserem (SB+)Artikel.

 

Elena Fischer und Franziska Maybach: So nennen sich die beiden Mitarbeiterinnen des Frauenhauses im Kreis Calw, wenn sie es mit der Presse zu tun haben. Die Namen sind Aliasse, das Telefon wird umgeleitet, die Adresse der Einrichtung ist ein Postfach. Wo genau im Landkreis sie sich befindet, bleibt ein Geheimnis. Diese Vorsichtsmaßnahmen zeigen, wie ernst die Lage der Frauen ist, die dort Zuflucht suchen. Ihrem gewalttätigen Partner entkommen, müssen sie sich - und gegebenenfalls ihre Kinder - auf dem Weg in ein neues, besseres Leben so gut verstecken, dass dieser sie nicht finden kann.

Aktuelle Informationen zur Corona-Lage in unserem Newsblog

1992 wurde das Frauenhaus eröffnet, Träger ist der Verein "Frauen helfen Frauen". Seither sind dort 1430 Frauen und 2327 Kinder untergekommen, nachdem sie ihr Zuhause verlassen hatten, weil sie dort unter körperlicher und/oder seelischer Gewalt litten. Der Großteil der Frauen kommt aus Baden-Württemberg, längst nicht alle stammen aus dem Landkreis Calw - "weil es für viele zu gefährlich wäre und zu nah", erklärt Fischer.

Jede vierte Frau von häuslicher Gewalt betroffen

Je weiter das Frauenhaus von zu Hause weg ist, desto geringer ist die Chance, dass der gewalttätige Partner seine Frau dort aufspürt. Das kommt selten vor, aber passiere. Weil manche Männer auf dem Handy ihrer Frau eine Tracking-App installieren oder in einem Kuscheltier des Kindes einen Peilsender verstecken. "Wir hatten auch schon Peilsender am Auto", berichtet Elena Fischer.

Laut Studien ist oder war jede dritte bis vierte Frau zwischen 16 und 99 Jahren von häuslicher Gewalt betroffen, sagen die beiden. Unabhängig von der Nationalität und der sozialen Schicht. Allerdings haben viele Frauen, die in die Einrichtung kommen, oft wenig Geld zur Verfügung und keine Unterstützung. Das liege etwa daran, dass sie - "selbst Akademikerinnen" - lange nicht gearbeitet, sondern sich um Haushalt und Kinder gekümmert haben, während der Mann sie immer mehr isolierte. "Sie werden zu Hause gehalten", formuliert es die Sozialarbeiterin und -pädagogin Fischer.

Frauen lassen alles zurück

Wenn die Situation dort nicht mehr auszuhalten ist, dann lassen die Frauen alles zurück - auch die gewohnte Umgebung, die Schule der Kinder oder den Arbeitsplatz. Dann stehen sie erst einmal alleine und mittellos da.

Im Frauenhaus erhalten sie deshalb zunächst praktische Hilfe: etwa beim Beantragen von Arbeitslosengeld oder Sozialleistungen, bei der Suche nach Kindergarten und Schulen für den Nachwuchs oder wenn es darum geht, Kontakt zu einer Rechtsanwältin herzustellen. Außerdem informieren die Mitarbeiterinnen Behörden und Einrichtungen, dass es eine Auskunftssperre gibt und die Adresse der Betroffenen geheim bleiben muss.

"Viele Frauen sprechen mit uns zum ersten Mal überhaupt darüber, was sie erlebt haben", berichtet Fischer. Franziska Maybach ergänzt: "Wir sehen unsere Aufgabe darin, zu stabilisieren." Damit die Frauen auf eigenen Beinen stehen können. Dazu gehört auch die Hilfe bei der Suche nach einer Wohnung.

Das Frauenhaus ist nur eine "Übergangsnotlösung", sagt Traumapädagogin Maybach. Die Bewohnerinnen leben wie in einer Wohngemeinschaft, teilen Küche und Bad und mit ihren Kindern das Zimmer. 20 Personen bietet die Einrichtung Platz. Im vergangenen Jahr fanden 26 Frauen dort eine Heimat auf Zeit. Die Verweildauer liegt bei etwa sechs Monaten - manche wechseln auch nach wenigen Tagen die Einrichtung, um weiter weg zu gehen, andere brauchen mehr als ein Jahr, bis sie sich ans selbstständige Leben wagen.

Frauenhäuser gut vernetzt

Die Corona-Pandemie wirkt sich auch aufs Frauenhaus aus. Wer neu einzieht, muss erst einmal zwei Wochen in einer Ferienwohnung verbringen, eine Art vorsorgliche Quarantäne. In der Folge können nur alle zwei Wochen neue Bewohnerinnen aufgenommen werden. Maybach und Fischer ist dennoch wichtig, dass jeder Hilfesuchenden geholfen wird: Die baden-württembergischen Frauenhäuser sind vernetzt, die Anruferinnen werden weitervermittelt.

Die zwei vermuten, dass der Lockdown und die schwierige wirtschaftliche Situation vieler Firmen zu einem Anstieg von häuslicher Gewalt führten und führen. Zwar lasse sich das nicht mit Zahlen belegen. Allerdings sei es für Frauen natürlich schwerer, sich Hilfe zu suchen, wenn der gewalttätige Mann oft daheim ist, etwa wegen Kurzarbeit. Die Kontakteinschränkungen haben zudem zur Folge, dass die Frauen seltener die Wohnung verlassen. Wenn sie niemanden mehr treffen, bleiben mögliche Hämatome von Schlägen unentdeckt. Umso wichtiger ist Maybach und Fischer, dass Frauen, die Gewalt erfahren, wissen, unter welcher Telefonnummer sie Hilfe erhalten. Dasselbe gilt für aufmerksame Personen aus der Nachbarschaft. Auch diese können sich im Frauenhaus melden und sich beraten lassen, wie sie helfen können.

Die Arbeit von Franziska Maybach und Elena Fischer ist fordernd. Das Wichtigste ist, als Kontrast ein gutes Privatleben, sagt die Traumapädagogin, um die schweren Schicksale der Frauen mittragen zu können. Die meisten von ihnen schaffen vom Frauenhaus aus den Schritt in ein besseres Leben. Eine Arbeitsstelle, eine Wohnung: Das sind die großen Erfolge.

Im Frauenhaus werden aber bereits die kleinen gefeiert. Da backt eine Bewohnerin schon mal nach einer Woche einen Kuchen, weil es ihre erste Woche ist, in der sie nicht geschlagen wurde. "Wir feiern die kleinen Schritte", sagt Franziska Maybach. "Die lassen uns wissen: Wir machen gute Arbeit."

Weitere Informationen

Das Frauenhaus Calw ist unter Telefon 07051/7 82 81 und per E-Mail an info@frauenhaus-calw.de zu erreichen. Frauen aus dem Landkreis Calw, die Opfer von häuslicher Gewalt sind, bietet das Frauenhaus nicht nur eine Zuflucht an, sondern auch Beratungsgespräche. Coronabedingt derzeit aber nur telefonisch. Darüber hinaus gibt es ein bundesweites Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen", das rund um die Uhr zu erreichen ist unter Telefon 0 80 00 11 60 16. Dort wird Anruferinnen in 21 Sprachen weitergeholfen.