Die spanische Windkrafttochter Siemens Gamesa hat Siemens Energy so tief wie noch nie in die roten Zahlen gezogen. Das geht auch am ehemaligen Mutterkonzern Siemens nicht spurlos vorüber. Foto: dpa/Sina Schuldt

Siemens fährt einen Jahresüberschuss von 8,5 Milliarden Euro ein. Der Höhenflug geht jedoch Hand in Hand mit der Talfahrt von Siemens Energy. Von den restlichen Anteilen an der ehemaligen Energietechniktochter möchte man sich so bald wie möglich trennen.

Die Erfolgssträhne von Siemens hält an. Ein im Geschäftsjahr 2022/23 (zum 30. September) auf 8,5 Milliarden Euro nahezu verdoppelter Jahresüberschuss markiert einen neuen Rekordwert. Gleiches gilt für die operative Gewinnmarge von stolzen 15,4 Prozent bei zugleich um gut ein Zehntel auf fast 78 Milliarden Euro ausgeweiteten Umsätzen.

 

Es ist der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die Konzernchef Roland Busch „wirklich beeindruckend“ nennt und sie wie folgt erklärt. „Vor drei Jahren sind wir als führendes Technologieunternehmen mit der Strategie gestartet, die reale und die digitale Welt zu verbinden.“ Das stimmt, wird der Blick auf die digitalen Kerngeschäfte von heute fokussiert. Zugleich blendet es einen gewichtigen Teil der Wahrheit aus.

Auch bei Siemens Energy gab es einen Rekord – allerdings einen negativen

Das ist die ebenfalls vor drei Jahren erfolgte Abspaltung des Energietechnikkonzerns Siemens Energy, mit dem die daran noch zu gut einem Viertel beteiligte Mutter am liebsten nichts mehr zu tun haben möchte. Der hatte am Mittwoch auch ein Rekordjahr verkündet, allerdings eines mit einem nie da gewesenen Verlust von 4,6 Milliarden Euro. Damit geht beides Hand in Hand – der Aufstieg von Siemens in neue Höhen und die Talfahrt von Siemens Energy.

Wäre Siemens Energy nicht zum Sanierungsfall abgeschmiert, hätte Siemens längst alle Aktien der Beteiligung verkauft. Die Absicht, das sobald wie möglich zu tun, besteht weiter, versicherten Busch wie Siemens-Finanzchef Ralf Thomas einmütig und fassten das Thema erkennbar mit spitzen Fingern an. Der Eindruck, dass Siemens sich nur unter dem Druck der Bundesregierung an einer Stützung von Siemens Energy per Garantien und Bargeld beteiligt hat, wurde dadurch eher bestätigt.

Siemens bürgt für Siemens Energy

Siemens steht für rund eine Milliarde Euro des Geschäfts von Siemens Energy gerade, der Bund für 7,5 Milliarden Euro eines insgesamt bislang zwölf Milliarden Euro umfassenden Garantiepakets. Weitere drei Milliarden Euro sind noch in Verhandlung. Darüber hinaus hat Siemens der ehemaligen Energietechniktochter Anteile an einem in Indien gemeinsam gehaltenen Unternehmen für 2,1 Milliarden Euro abgekauft, was die Liquidität von Siemens Energy stärkt. Geschehen wäre diese nun vorgezogene Transaktion aber ohnehin irgendwann.

Erwähnenswerter sind schon Altgarantien im Umfang von rund fünf Milliarden Euro, die Siemens für Siemens Energy noch in den Büchern stehen hat. Dazu kommt eine anteilige Verlustübernahme des maroden Energietechnikkonzerns, die sich für voriges Geschäftsjahr auf gut eine Milliarde Euro summiert hat. Das gute Viertel der Anteile an Siemens Energy, die Siemens noch hält, steht aktuell mit 1,8 Milliarden Euro in der Bilanz. Optimisten mögen darin Potenzial für Wertsteigerung erkennen, Pessimisten eines für Abschreibungen.

Konstruktionsfehler bei der Abspaltung?

Die Hilfen für Siemens Energy seien „die bestmögliche Lösung für alle Beteiligten“, meinte Busch. Alles andere sei aber nun Aufgabe der Manager des Krisenkonzerns. „Wir führen die Firma nicht“, stellte der Siemens-Boss klar. Und wer dort Aufsichtsratschef ist oder wird, sei auch nicht seine Sache. Das ist im Augenblick Buschs Vorgänger Joe Kaeser, auf dessen Konto Abspaltung und Börsengang von Siemens Energy vor drei Jahren gehen. Schon damals meinten Kritiker, einen Konstruktionsfehler zu erkennen. Das war die damals nur 67-prozentige Beteiligung an der spanischen Windkrafttochter Siemens Gamesa, die heute im Zentrum der Misere steht. Erst dieses Jahr wurde sie für vier Milliarden Euro vollständig übernommen.

Von einem Fehler im Bauplan will Kaeser auch heute nichts wissen. „Ich würde eher sagen, es war ein Fehler in der Bauausführung“, verteidigt er sich im „Manager-Magazin“. Über die Hälfte der Verluste von Siemens Energy seien hausgemacht, was die Schuld beim Management von Siemens Energy ablädt. Erarbeiten und Umsetzung einer Strategie seien nicht Aufgabe des Aufsichtsrats, betont Oberaufseher Kaeser. „Mein persönliches Wohlergehen hängt nicht von diesem Amt ab“, ließ er noch wissen und versicherte, gut schlafen zu können.

Möglicherweise braucht Siemens Energy also bald einen neuen Aufsichtsratschef. Siemens würde ihn wohl nicht stellen. Busch und Thomas fällt es schon schwer, die Prognosen für das laufende Geschäftsjahr unter den Vorbehalt von eventuell auf Siemens durchschlagende Entwicklungen bei Siemens Energy zu stellen. 2024 werde ein Übergangsjahr, schätzt Thomas. Vier bis acht Prozent Umsatzwachstum, ähnlich wachsende Gewinne und stabile Margen, heißt das. Vorausgesetzt, dieser Energietechnikkonzern, mit dem man nichts mehr zu tun haben will, funkt nicht dazwischen.

Aktionäre freuen sich

Geschäftsfeld
Siemens will sein Geschäft mit Motoren und Großantrieben Innomotics möglichst an die Börse bringen. Dazu soll mit den Vorbereitungen begonnen werden, teilte das Unternehmen mit. Gleichzeitig würden auch Angebote von Dritten für das Geschäft geprüft und diese gegebenenfalls als Alternative in Betracht gezogen, hieß es.

Ausschüttung
Aktionäre profitieren vom starken Ergebnis. Die Dividende soll um 45 Cent auf 4,70 Euro steigen. Zudem will Siemens ein neues Aktienrückkaufprogramm mit einem Volumen von bis zu 6 Milliarden Euro über bis zu fünf Jahre auflegen.