Freude bei Abdul Nazery und Helmut Maier (rechts).  Foto: Zink

Abdul Nazery kommt eigentlich aus Pakistan. Nach der Flucht landet er in Neubulach. Dort startet er eine Ausbildung zum Busfahrer. Die ist jetzt erfolgreich abgeschlossen – sehr zur Freude seines Chefs.

Neubulach - Ein Pakistani mit afghanischen Wurzeln flüchtet nach Deutschland und landet in Neubulach. Dort setzt er sich in den Kopf, Busfahrer zu werden. Nach drei Jahren Ausbildung sitzt Abdul Nazery jetzt wirklich hinterm Steuer.

 

Ende Oktober 2015 kam Abdul Nazery nach Deutschland. Damals war er gerade einmal 15 Jahre alt. Nach einer langen Flucht landete er schließlich in Bad Teinach-Zavelstein-Sommenhardt im ehemaligen Gasthaus Löwen.

Irgendwann, berichtet Helmut Maier von Teinachtal-Reisen, sei Hiltrud Größ, die den Flüchtlingen damals geholfen hatte, bei ihm vorstellig geworden und habe um ein Praktikum für ihre Schützlinge angefragt. Das war im Jahr 2017. Nazery hatte da schon den Hauptschulabschluss in der Tasche. "Ein Mal pro Woche war das", erinnert sich Maier an die Modalitäten des Praktikums. Daraus wurden ein paar Monate.

"Sein erklärter Wille war, Busfahrer zu werden", blickt Maier auf die Anfänge zurück. Heute ist aus dem Praktikanten ein Mitarbeiter geworden, denn Maier bot dem Flüchtling eine Ausbildungsstelle zum Kraftfahrer an. Nazery selbst ist fasziniert von den großen Gefährten, auch nach der abgeschlossenen Ausbildung, das spürt man.

"Es ist einfach etwas Besonderes, mit so einem großen Fahrzeug durch die Gegend zu fahren", meint Nazery. Das sei quasi die "Königsdisziplin", findet er. Er habe sich nach seinem Schulabschluss viele Berufe angeschaut. Schlussendlich blieb er aber beim Busfahren hängen. "Ich wollte was mit Menschen zu tun haben", sagt Nazery. Hinzu kam die Faszination für große Fahrzeuge.

Im Laster nur alleine

Auch Lkw-Fahrer wäre also eine Option gewesen, doch da sei man meistens alleine, das mache ihm dann weniger Spaß, berichtet er.

Nun ist er mit seiner Ausbildung fertig. Chef Helmut Maier ist zufrieden mit seinem Mitarbeiter. Auch wenn gleich am ersten Tag eine Karambolage mit einem Traktor – oder "Bulldog", wie Nazery im besten Schwäbisch einwirft – den Einstand trübte. "Das war auch noch der neueste Bus", blickt Maier heute mit einem Anflug von Humor zurück. Deshalb bilde man die Leute ja aus, da würden eben auch Fehler passieren, damit könne er leben. Und was haben eigentlich Abduls Eltern zur Berufswahl des Sohnes gesagt? "Die fanden das furchtbar", lacht er, "die dachten, das ist viel zu gefährlich." Sie wären aber wohl auch von pakistanischen Straßenverhältnissen ausgegangen – dort geht es zusätzlich zum Linksverkehr recht wild zu. "Mein Vater meinte, ich solle lieber etwas Mechanisches machen", erzählt Nazery, der zu seiner Familie meist via Internet Kontakt hält. Übrigens auch zu seiner Verlobten, die er möglichst nachholen will.

Doch bei aller Freude über den Ausbildungserfolg schwebt ein Damoklesschwert über der Erfolgsgeschichte: "Es herrscht ständige Unsicherheit, weil die Abschiebung nach wie vor droht", erklärt Maier die komplexe Situation. Zwar hat Nazery noch einen gültigen Aufenthaltstitel bis Februar 2022, doch er muss in Summe sechs Jahre einen gültigen Titel haben, ehe er sich einbürgern lassen kann.

Arbeitsvisum als Ausweg

Klappt das nicht, kann der schwäbische Pakistani auch noch ein Arbeitsvisum beantragen. Doch alle Beteiligten hoffen, dass es soweit nicht kommt. Denn wirklich sicher ist es in Pakistan nicht – und das, obwohl Nazerys Eltern bereits in den 1980er-Jahren von Afghanistan nach Pakistan geflüchtet sind. "Mein Vater war da so zehn", berichtet der Neu-Busfahrer aus seiner Familiengeschichte. Damals, als erst Russland und dann später die Taliban Afghanistan heimsuchten, wurde es zu gefährlich. Die Eltern flohen in eine Großstadt im südlichen Pakistan.

Doch die Sicherheitslage dort ist brüchig. Ein Bombenanschlag nur 100 Meter von Nazerys Schule entfernt kostete zum Beispiel dutzende Menschenleben, der junge Abdul hatte Glück im Unglück und blieb verschont. "Du wusstest nicht, ob du bei einer Strecke wie von Neubulach nach Pforzheim noch mal zurückkommst", schildert der Pakistani die schwierige Sicherheitslage.

Das Leben im mittleren Osten ist ohnehin hart. "Morgens ging es in die Schule und nachmittags arbeiten. Das war da eben so", berichtet Nazery.

Irgendwann habe sein Vater dann gesagt, er solle fliehen – der Sicherheit und der besseren Zukunft wegen. Letzteres hat bestens funktioniert. Aktuell fährt Abdul Nazery im Linienverkehr durch den Kreis Calw. "Da will ich erstmal Erfahrung sammeln", sagt er. Die nächste Hürde sind dann Fahrten mit dem Reisebus – hier war Abdul Nazery schon das ein oder andere Mal als zweiter Fahrer mit dabei. Zu gegebener Zeit wird er sich auch da hinters Steuer setzen können, davon ist sein Chef Helmut Maier überzeugt.

Das größte Ziel von Abdul Nazery ist aber nicht im Bus, sondern im Pass: "Die Einbürgerung ist schon das Ziel, ganz klar."