Eine neue Betrugsmasche gibt es mit Echtheitszertifikaten, ein Fall gab es in Hüfingen. Foto: Fotolia_75788894_VRD

War es ein Betrugsversuch, den die Nichte beherzt abgewendet hat? Vieles spricht dafür, dass eine 93 Jahre alte Hüfingerin Geld für eine mutmaßlich nutzlose Echtheitsbescheinigung ausgeben sollte.

Hüfingen - Mitte vergangener Woche sei sie von ihrer 93-jährigen Tante angerufen worden, sagte die Löffingerin Regina Kreuzer. Die ältere Verwandte wohnt in Hüfingen. Die Seniorin sei am Telefon ganz aufgeregt gewesen. Ein Mann habe sich telefonisch bei ihr angemeldet. Er wolle am gleichen Nachmittag vorbeikommen, um der alten Frau Zertifikate für die Faksimile-Sammlung ihres verstorbenen Mannes zu verkaufen.

Schnell reagiert

Regina Kreuzer reagierte blitzschnell und saß, dreieinhalb Stunden, nachdem der Anrufer ihre Tante kontaktiert hatte, im Wohnzimmer ihrer Verwandten. "Allein diese kurze Frist ist doch ein Anzeichen für Betrug", meint Kreuzer.

Ein Faksimile ist eine originalgetreue Nachbildung oder Reproduktion einer Vorlage oder eines Buches. Ihr Onkel, vor fünf Jahren verstorben, habe solche Faksimiles offenbar gesammelt. Raritäten, die seine Frau aber nicht groß interessierten. Umso erstaunlicher, dass dann ein junger Mann im Anzug am Wohnzimmertisch saß und empfahl, für die Faksimiles des Verstorbenen Zertifikate zu erstellen. Sie würden den Verkaufswert bei einem möglichen Verkauf der Sammlung erhöhen.

Besuch übt Druck aus

"Ziemlich bald setzte uns der Mann unter Druck", erinnert sich Regina Kreuzer an das Gespräch zu dritt. Der Besucher wollte unbedingt die Sammlung sehen. Auf Fragen der beiden Frauen ging er nicht ein. "Schon gar nicht auf die Frage, was das Zertifikat kosten würde", so die Nichte. Das Gespräch drehte sich im Kreis. Sie habe sich keinen Reim auf die Angelegenheit machen können. Die Bitte, Unterlagen dazulassen, um sich mit dem Thema zu befassen, lehnte der Mann ab. Nach einer Stunde legte sie dem Besucher nahe, das Haus zu verlassen. Die Sammlung habe er nicht zu sehen bekommen.

Leider, so bedauert die Löffingerin, habe sie das Autokennzeichen des Besuchers nicht aufgeschrieben. Denn die Vermutung, dass hier was nicht stimme, vertiefte sich, nachdem sie sich mit der Thematik näher befasste und im Netz recherchierte.

Fall in Halberstadt

Denn das Internet ist voller Einträge, die um die Thematik Echtheitszertifikate kreisen. Der Trick: Die Zertifikate werden für bereits erworbene Bücher, oftmals Lexika, angeboten. Polizeirelevant wurde im März 2020 ein Fall in Halberstadt. Das Zertifikat sollte damals für stolze 1500 Euro an der Haustür verkauft werden. Viele Betrüger stellten sich als ehemalige Vertreter des Bertelsmann-Buchclubs vor, der in den 1980ern und 1990ern weltweit mehr als 25 Millionen Mitglieder hatte. Zwar wurde der Direktvertrieb 2014 eingestellt, doch möglicherweise wurden die Datensätze an Dritte weiterverkauft.

Das könnte das größte Rätsel lösen, das Regina Kreuzer umtreibt: "Wie kam der Mann auf die Idee, dass mein Onkel diese Sammlung besaß", fragt sie sich. Bei Ausstellungen habe er seine Schätze gewiss nicht gezeigt.

Polizei hat Betrugsverdacht

Ihr Erlebnis hat sie der Donaueschinger Polizei geschildert. Auch Ralph Kischel hält die Vorgehensweise für betrugsverdächtig. "Wer Leute anspricht und sie um einen so kurzfristigen Termin drängt, möchte meist, dass sie schnell abschließen und niemanden zu Rate ziehen können", so der Polizeibeamte. Er wird sich mit der Angelegenheit beschäftigen: "Sobald Frau Kreuzer mir die Visitenkarte des Mannes vorbeibringt, die offenbar noch bei ihrer Tante liegt." Eventuell bringt eine Personenabfrage über den Namen weitere Erkenntnisse. Im Bereich der Polizeidirektion Konstanz ist der Betrug mit Echtheitszertifizierungen bislang noch kein Thema für Ermittlungen. "Wir hatten diesbezüglich noch keine Anzeigen", sagt Polizeisprecher Dieter Popp. Fehlanzeige auch bei einer Anfrage bei den Kollegen der Kriminalstatistik.

Der Begriff Faksimile stammt aus dem Lateinischen fac simile, übersetzt etwa mit der Aufforderung "mach es ähnlich". Der Begriff Faksimile ist im 19. Jahrhundert entstanden. Im Kern geht es um eine Reproduktion einer Vorlage. Zumeist ist sie bei Farbe und Erhaltungszustand vom Original nicht zu unterscheiden. Moderne Faksimiles werden mit digitaler Fototechnik hergestellt. Um Transport- oder Diebstahlschäden an den Originalen zu vermeiden, finden die Aufnahmen in Bibliotheken, Archiven oder Museen statt.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: