Hans Leopold gehört das Gartengrundstück unterhalb des Geislinger Schützenhauses. Fast 600 Meter über dem Meeresspiegel hat er dort Weinreben gepflanzt.
Leopold arbeitete als Kfz-Mechaniker. Doch jetzt, im „Unruhestand“, wie er selbst sagt, ist der Weinberg sein zweites großes Hobby neben der „kleinen Farm“, die er im Gewann Auen betreibt.
Genau 599,78 Meter hoch liegt der höchste Punkt des Geislinger Weinbergs. Seit dem 17. Juli hat Leopold amtlich, dass sein Stückle im Gewann Etzental damit das derzeit höchstgelegene Weinanbaugebiet in Baden-Württemberg ist: „Ich hatte Tränen in den Augen, als ich das gelesen habe. Das ist einfach klasse, eine besondere Sache“, freut er sich.
Genau 599,78 Meterüber dem Meer
2019 hat er das Grundstück gekauft. Der Unruheständler legte einen Beerengarten an, pflanzte Obstbäume, räumte das Gelände auf und baute Wege. „Wenn ich da oben bin, gibt’s au no was Schöneres?“
Inzwischen rankt Weinlaub über eine gemütliche Sitzecke: „Die Lage ist herrlich. Hier haben wir den ganzen Tag Sonne“, freut sich der 70-jährige Geislinger.
Das Gebiet hieß schon immer „Weinberg“ und vor etwa 500 Jahren wurde in Geislingen tatsächlich Wein angebaut. Diese Entdeckung eines Verwandten, untermauert durch Dokumente, die Stadtarchivar Alfons Koch fand, bestärkte Leopold in seiner Idee, das auch selbst zu tun und so an die Ortsgeschichte anzuknüpfen.
Rebstöcke mit Glyphosat vergiftet
Seit 2020 wachsen dort Reben. Im vergangenen Jahr sind jedoch alle damaligen Stöcke eingegangen. Vermutlich wurden sie absichtlich mit Glyphosat vergiftet. Doch die Polizei konnte niemandem diese Tat nachweisen.
Nach diesem Schaden habe er Unterstützung und Spenden erhalten, freut sich Leopold über den Rückhalt vieler Mitbürger. Dies habe ihn motiviert, das Projekt nochmals neu zu beginnen. „Ich bin mit Leib und Seele dabei.“
Nur in Erzingen gibt es noch einen Kollegen in der Region
Kontrolliert und verwaltet wird der Geislinger Weinbau vom Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart. Denn im Zollernalbkreis kennt sich noch niemand mit dieser für die Region untypischen Art der Landwirtschaft aus. Nur in Erzingen gibt es noch jemanden, der Weintrauben anbaut – allerdings nur als privates Vergnügen.
Auf seinen neun Ar Fläche darf Hans Leopold hingegen nicht nur Reben anbauen, sondern aus diesen gekelterten Wein auch verkaufen. Die Genehmigung der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung für „Pflanzrechte“ hat er seit Januar.
Freiwillige pflanzen 650 Rebstöcke mit
Mitte April standen 52 Freiwillige bereit, die beim Pflanzen neuer Reben halfen. „Die kamen nicht nur aus Geislingen, sondern von weit umher“, ist der Hobbyweingärtner dankbar. Auch jetzt kämen an Wochenenden immer wieder Leute, um im Weinberg mitanzupacken. „Das hat sich zu einer super Sache entwickelt.“
650 Rebstöcke wachsen auf dem Weinberg, 25 davon mit der italienischen Nebbiolo-Traube aus Treiso. Letztere wuchsen trotz der Trockenheit im Frühsommer am besten.
Leopold hat in der Zeit den Weinberg wöchentlich bewässert: 4,5 Kubikmeter Wasser bekamen die Rebstöcke jedes Mal.
180 Kilo Trauben ergeben 120 Liter Wein
Auf Schädlings- und Unkrautvertilgungsmittel will er verzichten: „So wie er wächst, soll der Wein ins Fass.“ Deshalb sollen die Reben rein biologisch geschützt werden.
In zwei oder drei Jahren soll zum Abschluss der Weinwanderungen Wein aus Geislingen eingeschenkt werden. Diese Hoffnung ist nicht unbegründet: 2021 hat er 180 Kilo Trauben geerntet, das ergab 120 Liter Wein. „Geislinger Tröpfle“ steht auf dem Etikett.
„Geislinger Tröpfle“ mit amtlicher Genehmigung
Die Stadtverwaltung wolle seinen Weinberg als Touristenattraktion etablieren, sagt Leopold. Das Interesse ist schon jetzt groß: Es vergeht kaum ein Wochenende, ohne dass eine der von Vanessa Fritz, Fabienne Hänle und Anabel Schmid geführten Weinerlebniswanderungen dort Station macht.
Die drei Frauen haben selbst Reben angepflanzt. Ein Schild weist sie, wie zahlreiche andere Helfer auch, als Rebstock-Patinnen aus.
Im kommenden Januar oder Februar werden die jungen Reben erstmals geschnitten. Und mit etwas Glück und vor allem gutem, sonnenreichem Wetter könnte im Herbst 2024 die erste Weinlese erfolgen – im höchstgelegenen Anbaugebiet im Ländle.