Eingeschlossen, aber gut gelaunt: Die Passagiere der „Akademik Shokalskiy“ Foto: dpa

Seit Weihnachten steckt das Polarschiff „Akademik Shokalskiy“ in der Antarktis fest. Der australische Klimawissenschaftler Chris Turney verrät, wie sich die Passagiere bei Laune halten.

Sidney - Seit Weihnachten sitzen 74 Menschen 2800 Kilometer südlich von Australien im Eis der Antarktis fest. Hunger und Kälte sind momentan kein Problem. Aber die Langeweile mache vielen zu schaffen, verrät Chris Turney am Sonntag übers Internettelefon.

Herr Turney, wie ist die Stimmung an Bord, nachdem Sie jetzt schon mehrere Tage im Eis feststecken?
Uns geht es immer noch sehr gut, und wir halten die Moral immer noch hoch. Die Leute nehmen es alle sehr gut hin. Aber wir arbeiten auch hart daran und schauen, dass alle immer etwas zu tun haben. Das Team hält wirklich gut zusammen.
Wie informieren Sie die anderen Passagiere?
Wir halten jeden Tag zwei Besprechungen ab: eine nach dem Frühstück und eine nach dem Abendessen, damit alle immer über den Stand der Dinge Bescheid wissen, auch wenn die Situation selbst sich natürlich ständig verändert. Wir nutzen auch soziale Netzwerke, um alle anderen und vor allem Freunde und Familien zu informieren, dass wir hoffentlich alle bald wieder zu Hause sind.  
Wie ernst ist die Situation denn? Ist das Schiff in Gefahr?  
Nein, das Schiff ist nicht unmittelbar in ­Gefahr, aber wir warten natürlich alle darauf, dass der australische Eisbrecher „Aurora Australis“ eintrifft und mit der Arbeit anfängt. Dadurch, dass es hier 24 Stunden hell ist, können sie auch mitten in der Nacht arbeiten.  
Könnte sich die Lage für Sie verschlechtern?
Gefährlich wäre nur, wenn ein Eisberg von der Meeresströmung in unsere Richtung getrieben würde, da der ja größer und dicker wäre als das See-Eis um uns herum. Aber wir halten da natürlich ein Auge darauf, und es ist bisher kein Eisberg in unserer Nähe.  
Wenn das Schiff trotz Eisbrecher nicht ­weiterfahren kann – wie könnte eine mögliche Evakuierung aussehen?
Der chinesische Eisbrecher, der bereits in der Nähe ist, hat einen Helikopter an Bord, der Leute ausfliegen könnte. Und wir selbst haben sogenannte Argo-Spezialfahrzeuge an Bord, die in jedem Terrain fahren können und mit denen wir uns über das See-Eis auf stabileren Untergrund vorarbeiten könnten.
Apropos stabil: Können Sie das Schiff denn verlassen, oder ist es zu gefährlich, auf die Eisschollen zu treten?
Wir haben einen Bereich mit Flaggen abgesteckt, in dem das Eis etwa drei Meter dick ist und wo die Leute sicher darauf gehen und sich die Beine vertreten können. So kriegt jeder ein bisschen Bewegung und Zeit für sich selbst, und wir verhindern, dass jemandem auf dem Schiff die Decke auf den Kopf fällt.  
Was machen Sie denn sonst noch, damit es nicht zu langweilig wird?
Wir haben alles Mögliche eingeführt: Wir stricken und nähen, bieten Unterricht an, wie man verschiedene Knoten mit Seilen macht, und wir versuchen, so viele Leute wie möglich in unsere wissenschaftliche Arbeit einzubinden.
Sie folgen ja der Reiseroute der Mawson-Expedition aus den Jahren 1911 bis 1914 und vergleichen, wie sich die Welt in den vergangenen 100 Jahren verändert hat. Gibt es schon erste Erkenntnisse dazu?
Wir sehen bereits große Veränderungen im Vergleich zu der Zeit, als Mawson hier unten war. Das Wasser ist weniger salzig, und das unterstützt die Theorie, dass das Eis schmilzt und Süßwasser freisetzt. Dieses Süßwasser ist weniger dicht und steigt an die Wasseroberfläche, und es ist dann eben gefährlicher, dass es schneller überfriert, wie wir es gerade erleben.  
Sie haben auch die Pinguin-Kolonie am Kap Denison besucht, die seit vier Jahren durch einen Eisberg vom Meer abgeschnitten ist. Geht es diesen vom Eis Eingeschlossenen so gut wie Ihnen?  
Nein, ganz und gar nicht. Die Pinguinzahlen sind massiv eingebrochen. Die einst so ­florierende Kolonie steht inzwischen sehr schlecht da. Im Gegensatz zu hier, die wir immer noch für zwei Wochen frisches Essen und für sieben Wochen Trockennahrung an Bord hätten.