Protest gegen Kreml-Chef Wladimir Putin vor der russischen Botschaft in Berlin Foto: AFP/Tobias Schwarz

Das Regime in Moskau hat den politischen Wettbewerb bereits vor Jahren ausgerottet. Der allmächtige Präsident steht in Moskau über allem, kommentiert unsere Moskau-Korrespondentin Inna Hartwich.

Die Endergebnisse sind noch nicht verkündet. Doch wer will auch auf sie warten bei einer Wahl, die nur Schein ist, und bei der der Kreml bereits vor Monaten die Formel 80/80 ausgegeben hatte, 80 Prozent Wahlbeteiligung bei 80 Prozent Zustimmung für Wladimir Putin. Das Regime hat keine Kosten und Mühen gescheut, um hohe Resultate zu bekommen. Von wie vielen es tatsächlich getragen wird, sagen diese Zahlen nichts aus. Wie sie ohnehin wenig darüber aussagen, wie der Zuspruch für die bestehenden Verhältnisse ist, wenn die Wahl keine Wahl ist, sondern ein Plebiszit zur Legitimation des allgegenwärtigen Präsidenten. Wer gegen ihn antreten darf, ist ohnehin eine blasse Figur. Andere haben erst gar nicht die Chance, auf den Wahlzettel zu kommen.

 

Was den Menschen in einem System bleibt, das ihnen mit immer drastischeren Mitteln den Mund zu verbieten versucht? Sie wandern aus, sie ziehen sich zurück in eine Art politischen Winterschlaf, sie nutzen die noch so kleinen, leisen Möglichkeiten, doch ihre Unzufriedenheit kundzutun. Einige Tausend von ihnen haben es bei der Beerdigung von Alexej Nawalny vor zwei Wochen getan, als sie den Abschied vom Oppositionspolitiker zur politischen Kundgebung ausweiteten. Einige Tausend taten es auch beim jetzigen Plebiszit, als sie sich mittags zu Hunderten in die Schlangen vor die Wahllokale stellten, damit die Macht im Kreml sieht, dass es sie gibt. Der Rest: sitzt auf dem Sofa und besingt den Präsidenten, seine „militärische Spezialoperation“ in der Ukraine und redet sich die Welt schön, auch wenn das eigene Haus bröckelt, der eigene Sohn im Zinksarg aus der Ukraine zurückkommt.

Den Menschen in Russland erzählen die Propagandisten so viele Versionen von allem Möglichen, dass eine Art postmoderne Verwirrung übrig bleibt: Es gibt keine Wahrheit, alles ist möglich. In diesem Brei aus hanebüchenen Auslegungen kann sich Putin bestens als der Retter aus allem Bösen verkaufen. Die meisten Menschen in Russland finden – aus unterschiedlichen Gründen – diese Version bestens. Der Westen muss bei diesem Schauspiel nicht mitmachen und endlich die Augen öffnen vor den Gefahren, die von der russischen Diktatur ausgehen.