Männercoaches gibt es inzwischen wie Sand am Meer. Viele verkaufen traditionelle Werte. Der Psychologe Adrian Wangerin ist der Meinung, es hilft Männer mehr, wenn sie Selbstreflexion und Verletzlichkeit als Stärke sehen.
Der berühmteste Männer-Influencer ist derzeit sicherlich Andrew Tate. Millionen junge Männer lauschen dem amerikanisch-britischen Ex-Kickboxer, wenn er in Videos seinen Werdegang zum „Alpha-Mann“ schildert. Inzwischen ermittelt die Polizei gegen ihn wegen Menschenhandels und Vergewaltigung. Doch seiner Popularität unter Teenagern hat das offensichtlich nicht geschadet.
Alpha-Mann – ist das gesund?
Doch er ist nicht der Einzige, der sich als Coach für „Alpha-Männer“ versucht. Das Internet ist voll mit Hilfsangeboten für Männer, die traditionelle Werte wie Stärke, Dominanz und Unabhängigkeit verkaufen. Männer sollen nicht bedürftig sein, nicht schwach, keine „Lappen“, so heißt es in diesen Videos. „Viele Männer erreicht man über dieses Alpha-Mann-Ding, dieses Hypermaskuline“, sagt der 32-jährige Psychologe Adrian Wangerin aus Berlin. Dieses traditionelle Männlichkeitsbild gebe vielen Männern Orientierung. „Ich befürworte eine Form von Männlichkeit, die Selbstreflexion und den Ausdruck von Verletzlichkeit als Stärken definiert, nicht als Schwäche“, sagt Wangerin. Langfristig sei dies psychisch gesünder.
Laut Robert-Koch-Institut werden Depressionen zwar bei Frauen häufiger diagnostiziert, dafür ist die Suizidrate bei Männern höher. Auch sind sie häufiger von Suchterkrankungen oder anderem exzessiven Verhalten betroffen. Studien zeigen: Männer suchen sich seltener professionelle Hilfe – oder wenden sich lieber an solche Coaches. „Die Gesellschaft erwartet von Männern, dass sie immer stark sind“, sagt Wangerin.
So hat auch die amerikanische Professorin Brené Brown von der Universität Houston in ihren Forschungen über Scham und Verletzlichkeit herausgefunden, dass sich Männer dafür schämen, schwach zu wirken. Vor allem mit Niederlagen kämen sie oft schwer zurecht: egal, ob beim Sport, bei der Arbeit, in Beziehungen oder wenn es um Geld geht.
Das liege auch daran, dass ihnen gespiegelt werde: Wenn Männer verletzlich sein wollen und davon erzählen, nehmen andere Menschen dies als Schwäche wahr, sagte die Forscherin in einem TED-Talk.
Männer scheuen eine persönliche Therapie
Wangerin glaubt deshalb, Männer bräuchten bei psychischen Problemen eine andere Ansprache. „Ich habe festgestellt, dass durch die sehr große Stigmatisierung bei Männern eine immense Scheu vor persönlichem Kontakt mit einem Therapeuten besteht“, sagt Wangerin, der deshalb mit seinem Kollegen Mikula Jung eine digitale psychologische Beratung für Männer gegründet hat.
Mit „Menty“ wollen sie ein psychologisches Angebot bieten, welches wissenschaftlich fundiert ist und Männern die Hemmungen nimmt, eine Therapie zu beginnen. Mittels einer App und einem Podcast wollen sie Männer psychologische Werkzeuge an die Hand geben, um mit Stress besser umzugehen, gesunde Beziehungen aufzubauen oder auch zu lernen: Wie geht es mir eigentlich? „Männer suchen sich ja leider oft erst Hilfe, wenn die Leistung bei der Arbeit einbricht oder Beziehungen in die Brüche gehen“, so der Psychologe. „Auch weil sie, wenn sie unter starkem Stress leiden und mit ihrem Leben unzufrieden sind, oft gar nicht wissen, an wen sie sich wenden können.“
Denn, ein Problem, das er sieht: „Es gibt viele Coaches. Aber eine Depression oder eine Suchterkrankung kann kein Coach behandeln.“ Wenn es dem Mann nicht gut gehe, gebe er es oft eher nach außen ab. Es sei also für die ganze Familie gut, wenn Männer psychisch gesund und resilient seien. Ein „Alpha-Coaching“ sei eher kontraproduktiv.